Bars und Kneipen
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Eine Bedienung zapft Bier in einem Wirtshaus.

Corona nicht einziges Problem

Sind Kneipen zu laut? Gastwirt beklagt: „Die Leute waren früher toleranter“

  • Harry Wagner
    VonHarry Wagner
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Sehr optimistisch ist Gottfried Praschil nicht, was die Zukunft seines Berufsstandes angeht: „Ich glaube nicht, dass es in zehn Jahren noch viele Kneipen geben wird.“ Der Hünfelder Gastwirt gibt daran nicht nur der Corona-Pandemie mit auch künftig drohenden Einschränkungen die Schuld.

Hünfeld/Burghaun - Dabei will das Gastronomen-Urgestein gar nicht über seine eigene Situation Klage führen. Viele in Hünfeld kennen Praschil nur als „Scotty“, und dessen gleichnamiges Lokal „Scotty’s Bier Bar“ ist den Kneipengängern in der Haunestadt seit langer Zeit ein Anlaufpunkt. „Ich kann mich nicht beschweren. Vor Corona hatte ich jedes Jahr steigende Umsätze“, sagt der 66-Jährige. Im November und Dezember kamen die staatlichen Hilfen, aber in den meisten Lockdown-Monaten war der Griff nach den Rücklagen unvermeidlich.

Für „Scotty“ steht jedoch außer Zweifel: Wo andere bereits an die Rente denken, möchte er als Kneipenwirt weitermachen. Ungebrochen ist der Spaß an der Sache und man merkt ihm den Vollblut-Wirt an, wenn er von diversen Örtlichkeiten oder leer stehenden Gebäuden schwärmt, aus denen man „etwas richtig Tolles machen könnte“.

Hessen: Sind Kneipen zu laut? Gastwirt: „Die Leute waren früher toleranter“

Doch die Kneipe kann noch so toll sein – sie wird kaum besucht, wenn das Umfeld nicht passt. „Es wäre schön, wenn es in der näheren Umgebung noch ein, zwei Mitbewerber geben würde.“ Denn wenn die jungen Leute abends um die Häuser ziehen, wollen sie nicht nur in nur einem Wirtshaus verweilen, sondern eine Runde drehen.

Praschil: „Das ist in Hünfeld kaum noch möglich, deswegen fahren die jetzt nach Fulda, wo sie mehr Auswahl haben. Zu mir kommen sie dann oft nur noch auf einen Absacker.“ In unmittelbarer Nachbarschaft seines Lokals hat in den letzten Monaten nicht nur das „Stadtcafé“, sondern auch die „Chickeria“ die Pforten geschlossen. „Wir haben Interessenten, aber kurzfristig sieht es nicht nach einer Wiedereröffnung aus“, erklärt Stefanie Braun, Eigentümerin des Hauses, in dem sich die „Chickeria“ befindet.

Zudem sehen sich die Kneipiers offenbar mit immer mehr Beschwerden von Nachbarn konfrontiert, die den Geräuschpegel, der von den zechenden Gästen ausgeht, nicht hinnehmen wollen. „Die Leute waren früher toleranter. Etwas geboten werden soll schon, aber wenn man das tut, fühlen sich viele gleich wieder gestört“, betont der Gastwirt aus Hünfeld, der nicht nur auf einem Bein steht. (Lesen Sie hier: S-Club trotzt Corona - und plant diese Neuerung)

Gottfried und Ingrid Praschil vor ihrem ausrangierten Bahnwaggon.

Außer„Scotty’s Bier Bar“ betreibt er mit seiner Frau Ingrid auch die „Bimbel“ am Kegelspielradweg auf dem Gelände des ehemaligen Burghauner Ostbahnhofs – einen zur Kneipe umfunktionierten alten Eisenbahnwaggon, um den sich einige Freiluft-Sitzgruppen scharen. „Früher hat es da Live-Musik gegeben oder immer mal spezielle Aktionen. Das lassen wir jetzt. Ich möchte keinen Ärger mit den Nachbarn“, sagt Gottfried Praschil, der für seine Zunft keine besonders rosigen Prognosen stellt – erst recht nicht auf dem flachen Land.

Video: Einkaufen, Restaurants, private Treffen: Das bedeuten die neuen Corona-Regeln

Die Gasthöfe in den kleinen Dörfern hätten mit vielen Problemen zu kämpfen: Die Jugend ziehe weg, es finde sich keine Nachfolge für die Bewirtschaftung. Vom Personal, das sich die undankbaren Arbeitszeiten nicht antun wolle, ganz zu schweigen. In Burghaun etwa, weiß Praschil, habe es einmal sieben Kneipen gegeben. Heute könne man in der Marktgemeinde mit Wohlwollen noch drei zählen. In den Hünfelder Stadtteilen wie Rückers und Dammersbach gebe es gar kein Angebot mehr.

Eine unglückliche Rolle in der Entwicklung der Perspektiven für die Gastronomie spielten die Vereine. „Die trinken nach dem Training ihr Bier auch nicht mehr im Lokal, sondern im Vereinsheim“, weiß „Scotty“. Die meisten Häuser seien schließlich mit Schankanlagen und Tresen gut ausgerüstet. Hinzu kommen Festivitäten der Vereine mit einem umfangreichen Angebot an Speisen und Getränken – da tummeln sich schon länger neue Mitspieler auf dem Spielfeld des Wirts. Der jedoch ist womöglich auf jedes verkaufte Schnitzel dringend angewiesen.

Serie „Landleben“

Dieser Text ist im Zuge der Serie „Landleben“ in der gedruckten Fuldaer Zeitung (Ausgabe vom 10. August 2021) erschienen. Alle Beiträge aus der Serie, die das (Land-)Leben zwischen Rhön, Vogelsberg und Spessart beleuchtet, finden Sie im E-Paper von Fuldaer Zeitung, Hünfelder Zeitung, Kinzigtal Nachrichten und Schlitzer Bote. Ebenfalls in der Serie „Landleben“ ist folgender Artikel erschienen: IHK-Pendlerstatistiken: So hat sich der Wirtschaftsstandort Osthessen entwickelt

Praschil lässt sich aber nicht entmutigen. Für seinen Pub am Rathausplatz hat er soeben neues Mobiliar angeschafft – und eine Filteranlage für die Innenraumlüftung. Er will gewappnet sein für eine mögliche Fortdauer der Hygienevorschriften. An einen zweiten Pandemieherbst will er allerdings lieber nicht denken: „Das wäre der Tod für viele Gastronomen.“ 

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