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Hildegard Fritz aus Sargenzell wird heute 100 Jahre alt

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Hünfeld - „Ich bin die Alte von Sargenzell“, sagt Hildegard Fritz mit einem verschmitzten Lächeln. Seit 72 Jahren lebt sie in diesem Dorf, dessen älteste Einwohnerin sie inzwischen ist. Am Sonntag wird sie 100 Jahre alt.

Von unserem Redaktionsmitglied Hartmut Zimmermann

Doch auch wenn sie schon Jahrzehnte Sargenzeller Dorfgeschichte kennt: Die Erinnerung an die Jugend in Niederschlesien und die Erlebnisse im Berlin der späten 1930er Jahre ist bis heute präsent.

Viel Schönes, aber auch viel Ernstes und Schweres kommt zur Sprache, wenn Hildegard Fritz den Blick zurück lenkt. Kein Wunder, wenn man die dramatischsten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts unmittelbar erlebt und auch erlitten hat.

Um die Not der Inflationszeit in den 1920ern zu spüren, war Hildegard noch zu klein – und zudem war der Bauernhof der Eltern in Wahren (heute: Warzyn) an der Oder ein Ort, der vor der Geldentwertung halbwegs geschützt war. Und wenn Hildegard Fritz von ihrer Zeit als junges Mädchen und junge Ehefrau berichtet, dann kann sie auch schon mal kräftig mit der Handfläche auf den Tisch schlagen, um diesen Satz zu unterstreichen.

Tod beim Flugzeugabsturz

„Bei uns war immer was los, da war am Wochenende Tanz“, sagt sie mit kräftiger Stimme. Mit ihrem ersten Mann, dem Luftwaffensoldaten Karl Weigelt, sei sie öfters mit dem Schnellzug nach Berlin gefahren, und die Begeisterung für die große Stadt klingt an, genauso, wenn sie vom Tanz- und Kinobetrieb in den „Vier Jahreszeiten“ in Breslau erzählt. 1942 bekam das Paar einen Sohn, doch das Glück war nicht von Dauer:

Knapp zwei Jahre später starb Karl Weigelt bei einem Flugzeugabsturz. Zum Verlust des Partners kam wenig später der Verlust der Heimat: Im Winter floh Hildegard mit ihrem Kind vor der anrückenden Sowjetarmee in Richtung Westen. Hildegard Fritz spricht mit ungeschönten Worten über die Schrecken jener Zeit. Weil die Frau ihres Bruders aus der Rhön kam, wurde Dietershausen ihre erste Bleibe in Hessen.

Erneute Heirat dank Zeitungsannonce

1948 heiratete die junge Witwe wieder – die Dietershausener Bekanntschaft hatte wohl mit einer Zeitungsannonce ein wenig nachgeholfen: Mit dem damals 41-jährigen Schreinermeister und Landwirt Albert Fritz bekam die junge Frau in Sargenzell drei weitere Kinder. Arbeit in der Landwirtschaft, aber auch Mithilfe in der Schreinerei prägten neben dem Versorgen der Kinder und der weiteren Familie den Alltag.

Zur Erinnerung gehört aber auch das Wissen, dass in den unmittelbaren Nachkriegsjahren die „Flüchtlinge“ vielerorts durchaus nicht beliebt waren. „Zicheener“, also Zigeuner, so habe man sie mehr oder minder offen genannt. Mit Stolz weiß Hildegard Fritz zu berichten, dass sie in einer Zeit und Gegend groß geworden sei, in der man sich schon Pferde als Zug- und Reittiere leisten konnte. Wenn sie, den angelernten Sargenzeller Dialekt aufnehmend, dann „Met Köh foahrn ...“, sagt, klingt das nicht nach Begeisterung.

Erdbeeren aus dem Garten und Essen auf Rädern

Der Start im Dorf war für die junge Frau wohl nicht einfach, auch wenn sie sich bald gut aufgenommen fühlte. Als der Hinweis, dass man zum Tanzen nicht ins „blaue“ (evangelische) Burghaun gehe, sei ihr klar geworden, dass man beispielsweise in solchen Fragen in Schlesien schon viel weiter gewesen sei. „Da hat man geguckt, ob einer gut aussieht und tanzen kann oder nicht – und nicht, ob er katholisch oder evangelisch ist.“

Auch wenn eine der Töchter heute das Einkaufen übernimmt: Hildegard Fritz lebt noch in ihrem eigenen Haushalt, und 2020 will sie im Garten, wie im Jahr zuvor, auch wieder Erdbeeren und Kartoffeln ernten. Ums Essenmachen kümmert sie sich aber nicht mehr: „Essen auf Rädern kann ich sehr empfehlen“, sagt sie. Aber ab und zu, wenn Schlesischer Kartoffelsalat angesagt ist, hat der Lieferdienst auch mal Pause.

Vier Kinder, neun Enkel, zehn Urenkel

„Ich bin dankbar, dass ich als alte Frau so gut gestellt bin, dass ich nicht auf das Geld der Kinder angewiesen bin“, sagt sie selbstbewusst. Deshalb hat sie die Familie für Sonntag zum Essen und Kaffeetrinken in ein schönes Lokal eingeladen. Vier Kinder, neun Enkel und zehn Urenkel freuen sich mit ihr. Und weil die ihre Mutter, Groß- und Urgroßmutter kennen, werden sie sich wohl nicht allzu sehr wundern, wenn bei geeigneter Musik auch ein paar Tanzschritte angesagt sein könnten.

Dieser Wunsch ist eher zu erfüllen, als das, was Hildegard Fritz als ihren „größten Traum“ bezeichnet: Noch einmal auf einem Pferd sitzen. Wie früher in Wahren auf „Lotta“.

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