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„Allzeit bereit“ - doch wofür? Ein Besuch bei den Hünfelder Pfadfindern

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Am Halstuch zu erkennen: Blau bedeutet Jungpfadfinder. Ein Erinnerungsfoto aus dem Sommerlager des Hünfelder Stamms.
Am Halstuch zu erkennen: Blau bedeutet Jungpfadfinder. Ein Erinnerungsfoto aus dem Sommerlager des Hünfelder Stamms. © DPSG Hünfeld

Ob selbstgemachtes Holundergelee und Stockbrot, Lagerfeuer oder Geländespiele: Beim Stamm der Hünfelder Pfadfinder steht das Jahr im Zeichen von Entdeckungen, Abenteuern und Erlebnissen.

Hünfeld - „Allzeit bereit“ – so lautet das internationale Motto der Pfadfinder, und mit einer Handbewegung und den Worten „Gut Pfad“ können sich Pfadfinder weltweit grüßen. Doch was genau machen sie eigentlich? Viele verbinden den Pfadfinder mit Klischees aus amerikanischen Filmen: Kekse verkaufend laufen sie in ihrer Uniform durch die Nachbarschaft, sitzen im Wald um ein Lagerfeuer und arbeiten an Abzeichen, die sie beispielsweise dafür bekommen, wenn sie älteren Menschen über die Straße helfen.

Doch was ist dran an den Klischees? „Zunächst tragen wir keine Uniform, sondern unsere Pfadfinderkluft“, erklärte Jan Schmidt vom Stammesvorstand der DPSG St. Jakobus Hünfeld. Mit farblichen Halstüchern, die die jeweilige Altersstufe kennzeichnen, wird die Kluft erweitert und mit Patches – vermeintlichen Abzeichen – von erlebten Abenteuern personalisiert. „Unser Stamm macht jedes Jahr ein Sommer- und ein Herbstlager und wir nehmen am Bundeslager im Westerwald teil. Von dort stammen die Aufnäher, und jeder kann sich die Patches ganz individuell auf seine Kluft nähen. Oder eben nicht“, erklärt Schmidt.

Hünfeld: „Allzeit bereit“ - doch wofür? Ein Besuch bei den Pfadfindern

Denn bei den Pfadfindern gilt: Alles kann, nichts muss. So verhält es sich auch mit dem Bezug zur katholischen Kirche. „Bei uns ist jeder willkommen, egal, welcher Glaubensgemeinschaft man angehört. Wir gehen auch nicht regelmäßig in die Kirche, unterstützen uns in der Kirchengemeinde aber gegenseitig“, erklärt Marvin Feiter, der neben Schmidt zum Stammesvorstand gehört. (Lesen Sie hier: Jugendarbeit im Kreis Fulda leidet unter Corona - Organisationen suchen nach Alternativen)

Diese stattliche Jurte hatten die Hünfelder Pfadfinder zur Veranstaltung „Praise im Park“ aufgebaut.
Diese stattliche Jurte hatten die Hünfelder Pfadfinder zur Veranstaltung „Praise im Park“ aufgebaut. © DPSG Hünfeld

Mit Stamm ist die Ortsgruppe gemeint, zu der in Hünfeld aktuell 45 Mitglieder gehören. Die Wölflinge (sieben bis 9 Jahre) tragen orangene Halstücher, die Jungpfadfinder (zehn bis 12 Jahre) tragen blau und die Pfadfinder (13 bis 15 Jahre), auch Pfadis genannt, binden sich ein grünes Tuch um. Mit 16 Jahren gehören die Jugendlichen dann zu den Rovern, die ein rotes Halstuch tragen und nun die Gruppenleiterausbildung durchlaufen können.

Darüber hinaus engagieren sich auch Erwachsene als Leiter oder Mitarbeiter bei den Pfadfindern. „Von null bis 99 findet hier jeder eine Aufgabe, ob als Aushilfsleiter, Lagerkoch oder beim Ausrichten von Wochenendaktivitäten. Aktuell suchen wir noch händeringend Gruppenleiter für eine neue Wölflingsgruppe“, so Schmidt.

Pfadfinder

Die Pfadfinderbewegung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem britischen General Robert Baden-Powell ins Leben gerufen. Über 60 Millionen Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt gehören heute der Pfadfinderbewegung an. Den Stamm der Hünfelder Pfadfinder gibt es schon seit 1935. Seitdem gehört er zur Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG). Die DPSG ist mit 95.000 Mitgliedern der größte Pfadfinder- und Jugendverband in Deutschland. Neben der DPSG gibt es in Deutschland noch einen katholischen und je einen evangelischen, moslemischen und interkonfessionellen Pfadfinderverband.

Die pandemische Lage haben die 18 Stämme der Diözese Fulda bisher gut durchgestanden. Bei den Hünfelder Pfadfindern sind die regelmäßigen Gruppenstunden während des ersten Lockdowns sofort in den Online-Modus gewechselt. „Neben Spielen haben wir auch ein virtuelles Pfadfinder-Lager gemacht“, sagt Feiter. Es wurde im heimischen Wohnzimmer, Kinderzimmer oder auf den Terrassen gecampt, gekocht und gelebt. „Einige haben sich sogar Steine unter ihre Matte gelegt, damit es extra ungemütlich wird“, lacht Schmidt.

Dabei sind die Pfadfinder lange unter dem Radar geflogen, wie sie sagen: „Es ging während der Pandemie immer zuerst um die Geschäfte, dann kamen die Fußballer und andere Sportvereine, Musik- und Kulturvereine. Die Jugendgruppen sind oft nicht mitbedacht worden.“ Dabei habe der Hünfelder Stamm das beste aus der Situation gemacht. „Dieses Hobby ist nicht einfach eine Freizeitgestaltung, sondern eine Lebenseinstellung“, so Schmidt.

Video: Sankt Martin ohne Laternenumzüge: Pfadfinder mit kreativer Idee

Für den Hünfelder Stamm geht es ab März mit den Gruppenstunden nach draußen. Oft treffen sie sich an ihrem Bauwagen in Mackenzell. Fähigkeiten und Fertigkeiten werden dem Alter entsprechend gefördert, ein Bezug zur Natur ist dabei sehr oft vorhanden.

Gemeinschaft wird bei den Pfadfindern großgeschrieben. Alle packen mit an und helfen sich gegenseitig. Von den Erfahrungen, Fähigkeiten und Kontakten profitieren die meisten Pfadfinder nämlich ein Leben lang. „Ich habe im Urlaub in Schottland einen Pfadfinder getroffen, der auf Reisen immer ein extra Halstuch dabeihat und so haben wir unsere Tücher getauscht und halten eine Brieffreundschaft“, erzählte Schmidt. Feiter hat durch die Städtepartnerschaft mit Landerneau schon Tücher aus Frankreich. Der nationale und internationale Austausch seien etwas ganz Besonderes. (von Alisa Kim Göbel)

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