Hünfeld Bürgermeister Benjamin Tschesnok rathaus
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„Gut Ding will Weile haben“: Benjamin Tschesnok hofft, vom Ausweichquartier im Museum Modern Art bald ins Rathaus umziehen zu können.

„Wir kommen gut durch die Krise“

Benjamin Tschesnok hat die ersten 100 Tage als Hünfelds Bürgermeister hinter sich

  • Harry Wagner
    vonHarry Wagner
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Hünfelds Bürgermeister Benjamin Tschesnok bewertet die ersten 100 Tage seiner Amtszeit. Er vermisst es, viele „Pflichten“ derzeit nicht wahrnehmen zu können.

Hünfeld - Mitten im Corona-Lockdown hat Benjamin Tschesnok (CDU) sein Amt als Hünfelder Bürgermeister angetreten. Das Virus ist noch immer allgegenwärtig und eine besondere Herausforderung für eine Kommune. Doch Zweifel lässt der 36-jährige Jurist erst gar nicht aufkommen: „Nicht einen einzigen Tag habe ich bisher meine Entscheidung bereut“, sagt er. Eine erste Bilanz des Stadtoberhauptes im Interview mit unserer Zeitung:

Hatten Sie in den ersten 100 Tagen Ihrer Amtszeit mal das Gefühl, dass es vielleicht ein Fehler gewesen sein könnte, ihre Tätigkeit als Rechtsanwalt gegen den Job des Hünfelder Bürgermeisters zu tauschen?
Nein, nicht einen einzigen Moment. Natürlich war im Vorfeld nicht zu erahnen, welche Krise mit Corona auf uns zurollt. Aber selbst das schreckt mich nicht. Ich war ja zuvor viele Jahre Stadtverordneter und auf diese Weise eng in die Kommunalpolitik eingebunden, das erleichtert den Einstieg als Bürgermeister. Außerdem haben wir eine toll aufgestellte Verwaltung.
Gab es in Ihren ersten drei Monaten das sogenannte Aha-Erlebnis eines Neulings im Amt?
Ja, das hängt, wie man sich vielleicht denken kann, auch mit Corona zusammen. Wir mussten in kürzester Zeit unseren Ablauf in der Verwaltung umorganisieren – Stichwort digitale Sitzungen, Tele-Arbeitsplätze, Homeoffice, in dem sich übrigens noch immer ein Drittel unserer Belegschaft befindet. Wir haben in den Fachbereichen ein rotierendes System mit abwechselnder Präsenz eingeführt, um zu gewährleisten, dass im Fall der Fälle nicht das ganze Haus lahmliegt. Wie wir diese Corona-Herausforderungen gemeistert haben, hat mir erneut gezeigt, wie leistungsfähig unsere Verwaltung ist.
War Ihnen am 1. April, an dem sie ins Amt eingeführt wurden, klar, dass wir im Hochsommer auch noch über das Virus reden müssen?
Natürlich, es war abzusehen. Die Fälle in unseren Gemeinschaftsunterkünften zeigen ja, dass es noch nicht vorbei ist.
Für Sie als Bürgermeister fallen aus diesem Grund derzeit viele Termine aus, die für gewöhnlich dafür stehen, dass es zu Kontakt und zu Gesprächen mit der Bevölkerung kommt ...
Ja, und das vermisse ich. Es ist mein Anspruch, die Nähe zu den Bürgern zu suchen – mal auf ein Fest zu gehen, dabei ein Würstchen essen und zu hören, was die Leute bewegt.
Was bleibt stattdessen?
Ich bin ja als Ansprechpartner trotzdem präsent. Man läuft ja auch oft genug durch die Innenstadt und den Menschen damit über den Weg. Außerdem erreichen mich viele Telefonate mit Anliegen der Bürger, und ich versuche ihnen auf diesem Weg zu helfen. Außerdem stehen Ortstermine und Ortsbegehungen bei der Verwaltung unverändert auf dem Plan, da kommt man ja auch in Kontakt. Zudem werde ich jetzt nach und nach meine Antrittsbesuche in den Unternehmen unserer Stadt machen. Und nicht zu vergessen: die digitale Kommunikation, zum Beispiel über unseren neuen Facebook-Account.
Sie waren zuvor sechs Jahre CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtparlament. Können Sie von dieser Erfahrung jetzt profitieren?
Hilfreich ist sie auf alle Fälle. Es ist wichtig, frühzeitig zu wissen, wie alles funktioniert.
Und wie funktioniert es in der Zusammenarbeit mit dem Magistrat?
Ganz hervorragend. Beim Magistrat handelt es sich bekanntlich um ein Kollegialorgan – diese Bezeichnung ist überaus treffend.
Welche thematischen Schwerpunkte kennzeichnen die ersten 100 Tage Ihrer Amtszeit?
Es ist ja nicht so, dass mit dem Wechsel des Bürgermeisters alles wieder auf Null gestellt wird. Es geht darum, dass Projekte, die vor meiner Amtszeit auf den Weg gebracht wurden, im Fluss sind und weitergeführt werden müssen. Eigene Akzente werden sich gewiss im kommenden Haushalt wiederfinden. Klar ist, dass im Moment der Bereich Kinderbetreuung ein zentrales Thema ist, das uns die nächsten Jahre beschäftigen wird. Das drückt sich auch in unseren Baumaßnahmen und unserer Personalplanung diesbezüglich aus. Und dann wird es ja noch in diesem Sommer erste Erdbewegungen für das geplante Tegut-Depot in Michelsrombach geben.
Gibt es Dinge, die Sie unterschätzt oder die Sie sich einfacher vorgestellt haben?
Nein, ich wusste schon, was im einzelnen auf mich wartet – nicht zuletzt auch, weil mich mein Vorgänger gut vorbereitet hat. Man sollte sich aber nicht zu fein dafür sein, guten Vorschlägen der Fachverwaltung zu folgen und sich auch überzeugen zu lassen. Schließlich vergeht kein Tag, an dem man nicht etwas dazulernen kann.
Wie ist denn die Stadt Hünfeld bis heute durch die Corona-Krise gekommen?
Generell gut, und ich habe den Eindruck, dass das auch so bleibt. So wie es aussieht, bleiben viele unserer Unternehmen von der Krise einigermaßen verschont. Ich hoffe, das bleibt so. Für unseren städtischen Haushalt rechnen wir allerdings mit Mindereinnahmen von 2,45 Millionen Euro. Das lässt keine Kommune kalt, auch uns nicht. Aber unsere wirtschaftliche Solidität wird es möglich machen, ohne schmerzhafte Einschnitte auszukommen.
Und nächstes Jahr?
Wenn man unterstellt, dass mit dem Coronavirus noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist, wird auch 2021 eine Herausforderung sein. Von entscheidender Bedeutung sind die Konjunkturpakete, die Bund und Länder auflegen und deren Tragweite man noch nicht abschätzen kann. Auch wenn der kurzfristige Ausgleich von Gewerbesteuerausfällen gelingt, müssen wir uns doch auch fragen, wie sich die gesamtwirtschaftliche Lage entwickelt.
Der Regelbetrieb für Kindergärten läuft, der für Schulen soll nach den Sommerferien starten. Was sagen sie dazu – als Bürgermeister wie als Familienvater?
Der Regelbetrieb läuft natürlich unter Pandemiebedingungen mit den entsprechenden Hygienevorschriften. Als Familienvater sage ich: Wenn die Dreijährigen im Sandkasten sitzen, funktioniert kein Mindestabstand mehr. Aber es bleibt in diesem Zusammenhang auch festszustellen, dass die Träger unserer entsprechenden Einrichtungen den Betrieb im Krisenmodus hervorragend gemeistert haben. Ich glaube schon, dass wir genügend Möglichkeiten haben, den Regelbetrieb bestmöglich umzusetzen.
Wie funktioniert Ihren Empfindungen nach das Zusammenleben mit den Nachbargemeinden im Rahmen der interkommunalen Zusammenarbeit?
Wir können froh sein, dieses Instrument zu haben. Die Herausforderungen an die Einzelkommunen und die gesetzlichen Anforderungen für einzelne Teilbereiche werden tagtäglich größer. Da denke ich  beispielsweise an das Online-Zugangsgesetz, das 2022 in Kraft tritt. Es erfordert, jedem Bürger zu ermöglichen, digitalen Zugang zu den Serviceleistungen seiner Gemeinde zu bekommen. Grundsätzlich gilt, dort Synergien zu schaffen, wo es sinnvoll ist – wie etwa mit der Atemschutzwerkstatt auf dem Gelände der Hünfelder Feuerwehr, die alle Kegelspielgemeinden finanziert haben und gemeinsam nutzen.
Wie bewerten Sie die Situation der Hünfelder Vereine?
Wir haben über 180 von ihnen, ich weiß gar nicht, ob das so bekannt ist. Für sie ist die Lage momentan sehr schwierig. Aber trotzdem rate ich jedem, der darüber nachdenkt, Veranstaltungen vielleicht in abgespeckter Form durchzuführen, dazu, es sein zu lassen. Das Risiko ist einfach zu hoch. Ich glaube, die Vereine werden diese komplizierte Zeit wirtschaftlich überleben. Andernfalls werden wir sie nicht hängen lassen. Die CDU-Fraktion hat sich ja schon bei den Stadtverordneten entsprechend damit eingebracht, dass die Stadt notleidenden Vereinen unter die Arme greifen kann.
Eine private Frage: Wann kommt der Bürgermeister jetzt abends aus dem Büro nach Hause?
Vielleicht ein wenig später als zuvor, aber meine Frau und ich haben ja gewusst, worauf wir uns einlassen. Und sonntags ist Papa derzeit zu Hause, das ist schon mal fix.
Der Rathauschef regiert derzeit nicht im Rathaus, sondern im Ausweichquartier, dem Museum Modern Art. Wann lernen Sie denn Ihr neues Büro kennen?
Gut Ding will Weile haben, gerade bei einem historischen Gebäude wie unserem Rathaus. Ende des Jahres, Anfang 2021 könnte es soweit sein. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freuen sich gewiss auch, sie sind ja im Moment teilweise in Containern untergebracht.
Steht eigentlich Ihr Motto vom Amtsantritt noch?
„Gemeinsam auf Kurs bleiben?“ Ja klar. Das hat uns gut vorangebracht.

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