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„Zwischen Pest, Typhus und Cholera“: Was man über die Fulda-Main-Leitung weiß - und was noch nicht

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Von: Harry Wagner

Die von Tennet geplante Fulda-Main-Leitung erhitzt in der Region die Gemüter. Der Infomarkt in Hünfeld bot allerdings wenig neue Informationen.
Die von Tennet geplante Fulda-Main-Leitung erhitzt in der Region die Gemüter. Der Infomarkt in Hünfeld bot allerdings wenig neue Informationen. © Jens Büttner/dpa

Wer Informationen zu einem veränderten Planungsstand bei der Fulda-Main-Leitung erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Das hatte der Infomarkt des künftigen Netzbetreibers Tennet nicht zu bieten.

Hünfeld - Offenkundig war es das Bedürfnis des Bayreuther Unternehmens, den interessierten und möglicherweise betroffenen Bürgern endlich mal in Präsenz einige Infos zum komplexen Planungsverfahren der Fulda-Main-Leitung zu vermitteln, nachdem dies coronabedingt lange nicht möglich war. Das Interesse dafür war da: Rund 100 Personen, darunter einige Mandatsträger aus Hünfeld, Burghaun oder Eiterfeld, waren ins Hünfelder Kolpinghaus gekommen.

Der Erkenntnisgewinn? „Es bleibt dabei. Wir haben die Wahl zwischen Pest, Typhus und Cholera“, befand Steffen Diegmüller, Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Hünfelder Stadtverordnetenversammlung mit Bezug auf die drei zur Debatte stehenden Trassenkorridore für die 380-Kilovolt-Starkstromleitung, die im hiesigen Bereich die Umspannwerke Mecklar und Dipperz verbinden soll.

Und für sein Pendant im Burghauner Gemeindeparlament, Christian Heß, ist das Projekt ohnehin „ein Resultat einer völlig vermurksten Energiepolitik, die wir jetzt ausbaden müssen.“ Das Hünfelder Land wäre von den geplanten Projekten stark betroffen.

Hünfeld und Burghaun zur Fulda-Main-Leitung: „Vermurkste Energiepolitik“

Bevor die Besucher zum Vortrag und zum Studium der im Kolpinghaus ausgestellten Infotafeln und Broschüren eingeladen wurde, sprachen die Tennet-Verantwortlichen unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit den Bürgermeistern der betroffenen Kommunen. Dem Vernehmen nach gab es aber auch hier keine grundlegend neuen Sachstände zu vermelden.

Und so lautet der Status Quo beziehungsweise der Zeitplan: Festlegung des exakten Trassenverlaufs durch die Bundesnetzagentur Ende 2023, Planfeststellungsverfahren bis 2027, anschließend Bau der Leitung und Inbetriebnahme im Jahr 2031.

Tennet ist derzeit dran, das „Hausaufgabenheft“ abzuarbeiten. So nennt Bürgerreferentin Cindy Schemmel die umfangreichen Prüfungsanforderungen, die dem Unternehmen nach der Eröffnung des Genehmigungsverfahrens im vorigen Herbst von der Bundesnetzagentur mitgegeben wurden. Dies betreffe übrigens alle drei Trassenkorridore – wobei Schemmel betonte, dass es bei Tennet keine Vorzugsvariante gebe. Geprüft würden fünf Kriterien: Raumordnung, die Option der Teil-Erdverkabelung, die wasserrechtliche Einschätzung, die öffentlichen und privaten Belange sowie die Umweltbelange.

400 Meter Abstand zum Ortskern - Vorgaben aus dem Wohnumfeldschutz

Von Mai bis August finden laut Tennet-Pressereferent Markus Lieberknecht innerhalb der Trassenvarianten umfangreiche Kartierungen zum Artenschutz statt: Vorkommen von Feldlerchen, Haselmäusen, Fledermäusen, Feldhamstern und Kammmolchen beispielsweise wären ein Hindernis für die Verwirklichung des Projekts.

Baugrunduntersuchungen werde es erst geben, wenn klar ist, welche Trasse es am Ende sein wird – und auch nur dort, wo Strommasten stehen sollen. Diese seien übrigens, so Lieberknecht, in der Regel zwischen 55 und 65 Meter hoch und demnach nur um etwa fünf Meter höher als die einer Bestandsleitung.

Die Leitung müsse einen Abstand von 400 Metern zum Ortskern und von 200 Metern zu Siedlungen im Außenbereich haben, erläutert Lieberknecht. So lauteten die Vorgaben aus dem Wohnumfeldschutz.

Wird die Erdverkabelung ein Problem für die Landwirte?

Thema Erdverkabelung: Bei einem Projekt in Norddeutschland habe Tennet bereits Leitungen unterirdisch verlegt und damit gute Erfahrungen gemacht. Die Böden würden schnell regenerieren – auch wenn man natürlich den Untergrund in der norddeutschen Tiefebene nicht mit jenem in der Region vergleichen könne.

Lieberknecht verhehlt allerdings nicht, dass ein Erdkabel – dieses wird in etwa 1,60 bis zwei Metern Tiefe liegen – bei Landwirten zu Ernteeinbußen in der ersten Vegetationsperiode führe. „Danach allerdings dürfte es keine Probleme mehr geben.“ Der Anbau von Tiefwurzlern sei allerdings an dieser Stelle nicht mehr möglich.

Auf einem Testfeld bei der Uni Göttingen lässt Tennet wissenschaftliche Daten zu dem gesamten Thema Erdverkabelung sammeln. Generell liege aber auf der Hand, dass sich diese nur lohne, wenn man sie über einen längeren Streckenverlauf realisieren könne – zumal auch die Übergangsanlagen zur Freileitung einen beträchtlichen Platzbedarf beanspruchen.

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