Der Bewegungsmangel ist auf dem Vormarsch und hat sich mit dem Lockdown noch mehr verstärkt. (Symbolfoto)
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Der Bewegungsmangel ist auf dem Vormarsch und hat sich mit dem Lockdown noch mehr verstärkt. (Symbolfoto)

WHO-Studie

Weniger Sport im Corona-Lockdown: Sportmediziner aus Hünfeld warnt vor Folgen des Bewegungsmangels

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Deutschland wird immer unsportlicher und leidet vermehrt unter Krankheiten wie Diabetes. Der Bewegungsmangel ist auf dem Vormarsch und hat sich mit dem Lockdown noch mehr verstärkt - ein Problem, das vor allem Heranwachsende betrifft. 

Hünfeld - Bewegen Sie sich mindestens zweieinhalb bis fünf Stunden pro Woche? Das sind 21 Minuten Sport pro Tag und die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO für Erwachsene. Für Kinder und Jugendliche sind sogar 60 Minuten täglich angebracht. Die Antwort der jüngsten WHO-Studie: Mehr als 25 Prozent der Erwachsenen und rund 80 Prozent der Jugendlichen bewegen sich nicht genug. „Diese Werte sind besorgniserregend“, betont der Sportmediziner Priv.-Doz. Dr. Dr. Dr. Christoph Raschka aus Hünfeld und ergänzt. „Bewegung ist ein fundamentales Mittel für eine gute Abwehr, geistige Fitness und gegen orthopädische Krankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck oder psychische Krankheiten.“

Nicht zuletzt ist die Bewegung das A und O gegen Übergewicht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland übergewichtig. Zudem ist jedes siebte Kind fettleibig. „Aus dicken Kindern werden dicke Erwachsene, und Krankheiten wie Arthrose breiten sich in Deutschland aus“, befürchtet Raschka. Und der anhaltende Corona-Lockdown? Der macht sein Übriges. Geschlossene Fitnessstudios, das Stillliegen des Amateursports, Homeoffice und Homeschooling sorgen dafür, dass die regelmäßige Bewegung vernachlässigt wird. (Bleiben Sie hier mit unserem Corona-Ticker für Hessen auf dem Laufenden).

Hünfeld: Sportmediziner warnt vor Folgen des Bewegungsmangels im Corona-Lockdown

„Die Menschen brauchen gerade jetzt Ausdauersport sowie Gesundheits- und Krafttraining, um sich besser vor Erkrankungen und schweren Corona-Verläufen zu schützen“, sagt der Vorstand der IKK Südwest, Prof. Dr. Jörg Loth. Es solle daher sobald als möglich eine Rückkehr zum Sport- und Gesundheitstraining für die Bevölkerung geben. Durch das Ausbleiben vieler Sport- und Bewegungsangebote befürchtet er einen Anstieg zahlreicher Volkskrankheiten.

Video: Weniger Sport, mehr TV im Winter-Lockdown

Statt Fußball, Turnen, Handball, Volleyball und Co. geraten während des Lockdowns für Jugendliche mehr und mehr digitale Medien in den Fokus. Nach Angaben einer Studie der DAK-Gesundheit haben die Spielzeiten bei Kindern und Jugendlichen unter dem Corona-Lockdown werktags um bis zu 75 Prozent zugenommen. Zudem stieg die Zeit der Nutzung von Social-Media-Kanälen werktags um 66 Prozent an - von 116 auf 193 Minuten pro Tag. „Diverse Medienkanäle und Videospiele machen süchtig und können zu Schlafstörung, Depression und Haltungsschäden führen“, verdeutlicht der Sportmediziner. Zudem werde das Gehirn enorm gefordert und verlange zur Konzentration Zucker. Das Konsumieren von zuckerhaltigen Energie-Drinks oder Süßigkeiten ist oftmals die Folge.

Christoph Raschka: Generell ist der Faktor Spaß für Kinder und deren regelmäßige Bewegung entscheidend

„Trotzdem ist nicht alles schlecht“, ergänzt Raschka. Einige Videospiele fordern auch koordinative Fähigkeiten und machen Spaß „Generell ist der Faktor Spaß für Kinder und deren regelmäßige Bewegung entscheidend. Kinder wollen nicht wandern oder joggen gehen. Sie möchten etwas erleben.“ Im Winter können zum Beispiel Kinder ideal eine Schneebar für sich und Freunde bauen. „Auch ist es wichtig, die Kinder in den Alltag einzubeziehen. Somit bleiben sie in Bewegung und werden gefordert.“ Als Beispiel nennt Raschka den Müll rausbringen, regelmäßiges Aufräumen, zusammen einkaufen gehen, Schneeschippen oder Rasenmähen. All diese alltäglichen Tätigkeiten helfen, die Gesundheit und die koordinativen Fähigkeiten von Kindern im Alltag zu fördern.

Christoph Raschka ist Sportmediziner aus Hünfeld.

Homeschooling, kein Amateursport und Kontaktverbot: Der triste Alltag trifft besonders Kinder und Jugendliche - auch mit Sicht auf die Gesundheit. Immer mehr Sportlehrer greifen daher auf digitale Medien zurück.

Homeschooling und Kontaktverbot: Sportlehrer greifen auf digitale Medien zurück

„Schaffst du es, einen Ball, der vorher einmal aufspringt, in eine Kiste zu werfen?“ Mit solchen Aufgaben möchte Niklas Diel, Sportlehrer an der Dieffenbachgrundschule in Schlitz, seine Schüler motivieren, Sport zu machen. „Die Resonanz ist super.“ Jede Woche filmt sich der 27-Jährige selbst, wie er eine Aufgabe mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden bewältigt. „Es ist schwierig, Sport auf Distanz zu unterrichten. Es muss aber weitergehen“, betont Diel. „Nicht jeder Schüler hat einen Basketball. Es müssen also Aufgaben mit Materialien aus dem Alltag sein.“ Da Kinder nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO täglich 60 Minuten Sport treiben sollten, nimmt Diel auch die Eltern in die Pflicht, ein Angebot neben dem Sportunterricht zu schaffen.

„Wir legen unseren Kollegen ans Herz, ein digitales Sportangebot zu schaffen. Bei der Umsetzung unterstützen wir sie“, sagt Clemens Groß, Schulsportrat des Schulamts Fulda. Gerade jetzt sei es wichtig, gegen den bestehenden Bewegungsmangel anzukämpfen. „Das ist ein großes Problem.“ Besonders sorgt er sich um die immer größer werdenden Unterschiede unter den Schülern. „Die Schere geht sichtbar auseinander. Schüler, die nicht so sportlich sind, rutschen durch den Lockdown womöglich in ein Loch hinein und werden mehr und mehr abgehängt.“

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