Pfarrer Michael Müller vor dem Portal der Hünfelder St. Jakobus-Kirche.
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Pfarrer Michael Müller vor dem Portal der Hünfelder St. Jakobus-Kirche.

Kirchlichkeit stark ausgeprägt

Neuer Stadtpfarrer in Hünfeld: Für Michael Müller ist es „ein Ankommen in Raten“

  • Harry Wagner
    vonHarry Wagner
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Seelisch ist er schon mit seiner neuen Wirkungsstätte verbunden. Praktisch muss Dr. Michael Müller derzeit eher ein Leben aus dem Koffer führen und sich mit einem Zimmer im Fuldaer Priesterseminar begnügen. Denn das künftige Domizil des neuen Hünfelder Pfarrers auf dem Kirchberg ist derzeit noch Baustelle. „So ist es derzeit eher ein Ankommen auf Raten“, sagt Müller.

Hünfeld - Am Mittwoch hatte er seinen ersten offiziellen Arbeitstag in der Haunestadt und hatte zuvor bereits erste Gottesdienste abgehalten. Das heißt aber nicht, dass der ehemalige Pfarrer von Bad Soden-Salmünster sein neues Umfeld nicht längst kennengelernt hätte. „Ich war schon ganz oft hier“, betont Müller und meint damit verschiedene Besprechungen im Pastoralverbund, in den Gremien, in den Verwaltungsräten. Und zum ersten Advent zelebrierte Müller die Gottesdienste in St. Jakobus und St. Ulrich. Dort freute er sich besonders über eine an ihn gerichtete Videobotschaft, in der ihn unter anderem Bürgermeister Benjamin Tschesnok und die Vertreter der Kindergärten und der Chöre willkommen hießen: „Das war richtig nett.“

Auch die Kirche lerne die Vorteile der Digitalisierung zu schätzen, gerade in diesen Zeiten, in denen sich persönliche Begegnungen sehr schwierig gestalteten. Als Seelsorger, der für sieben Pfarreien und 16 Kirchengemeinden zuständig und zudem noch oberster Dienstherr von fünf Kindergärten ist, muss er zumeist auf Antrittsbesuche verzichten.

Pfarrer Michael Müller: „Kirchlichkeit in Hünfeld stärker ausgeprägt“

Was der Geistliche aber schon registriert hat: „Ich habe den Eindruck, dass die Kirchlichkeit in Hünfeld stärker ausgeprägt ist als an meiner früheren Wirkungsstätte.“ Und dass bei den Gemeindemitgliedern ein größeres Gemeinschaftsgefühl ausgeprägt sei. Müllers Vorstellung davon, wie Kirche gut funktionieren kann, kommt dies durchaus entgegen. „Die Gemeinde lebt zunehmend von den Menschen vor Ort. Wir Hauptamtlichen müssen sie begleiten und unter Beachtung gewisser Standards Dinge ermöglichen.“ Engmaschige kirchliche Netzwerke müssten geknüpft werden, weil so besondere Stärken zum Wohle der Menschen ausgespielt werden könnten.

Das Bild „eine Kirche, ein Pfarrhaus, ein Pfarrer“ sei Vergangenheit. Auf Anforderungen der Zeit müsse man flexibler und schneller reagieren können. „Die Menschen durchleben permanente Veränderungsprozesse. Das sind auch große Herausforderungen für die Kirche“, betont Pfarrer Müller. Damit müsse sie umgehen, zumal sie sich ohnehin im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit riesigen Umbrüchen konfrontiert gesehen habe. Müller nennt hier die grundlegenden Veränderungen des Beichtsakraments als Beispiel. Und wenn man das Evangelium richtig anschaue, so sei dies bei aller Unveränderbarkeit ein Text, der immer wieder neu gelesen werden könne.

Kirche in Hünfeld - Michael Müller will junge Menschen in die Kirche bringen

Manche Gläubige tun sich mit Veränderungen schwer, vielfach wird erwartet, dass der Pfarrer bei den Gottesdiensten permanent vor Ort ist, dass Eucharistiefeiern wie gewohnt stattfinden. Müller sieht da „Grenzen der Belastbarkeit“ und glaubt, dass auch im Bistum Fulda in absehbarer Zeit teilweise nur Wortgottesdienste abgehalten werden können. Zudem regt der Stadtpfarrer eine größere Vielfalt an Gottesdienstformen an – „vielleicht sogar in der Art, dass wir Menschen ein Angebot machen können, die sich von der Kirche abgewandt haben.“

Junge Menschen in die Kirche zu bringen, ist Michael Müller ein Anliegen – ohne dass er sich dabei Illusionen macht. Sicher, man könne die Kommunikation verbessern und sich dabei die Frage stellen: Reicht ein Pfarrbrief? Oder braucht es nicht auch einen Facebook- oder Insta-gram-Account. Aber: Für die jüngere Generation sei die Kirche ein Anbieter von vielen. Und dennoch: „Wir wollen klar machen, dass das Evangelium dem Leben etwas bringt. Glaube hilft, das ist unsere Botschaft.“ In diesen Zeiten sei alles auf Perfektion ausgerichtet, doch auch die vermeintlich nicht Perfekten seien vor Gott genauso wichtig wie alle anderen.

Gottesdienste an Weihnachten in Hünfeld - Zwei Christmetten in St. Ulrich

Nicht perfekt ist vor allem das Gottesdienstangebot an den Weihnachtstagen. Müller erinnert daran, dass man sich als Kirche in Deutschland noch immer in einer privilegierten Situation befinde und die coronabedingten Einschränkungen in anderen Ländern viel rigoroser seien. So werde es zwei Christmetten in St. Ulrich geben, die Christmette aus St. Jakobus wird per Livestream nach draußen übertragen. Und für den 24. , 25. und 26. Dezember gilt: Es darf sich nur jeweils für einen Tag zum Gottesdienst angemeldet werden.

Das Vor-Ort-Erlebnis Kirche wird also eingeschränkt sein. Aber während einer Pandemie ist ohnehin alles anders. Und von den „großen Herausforderungen“, die Müller für seine Kirche sieht, ist ein Videodreh vom Altar vermutlich die allerkleinste.

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