Marion Frohnapfel will sich am 14. März zum zweiten Mal zur Bürgermeisterin von Nüsttal wählen lassen.
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Marion Frohnapfel will sich am 14. März zum zweiten Mal zur Bürgermeisterin von Nüsttal wählen lassen.

Interview über erste Amtszeit

„Ich bin gekommen, um zu bleiben“: Marion Frohnapfel will als Bürgermeisterin in Nüsttal wiedergewählt werden

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    Hartmut Zimmermann
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Marion Frohnapfel (CDU) bewirbt sich am 14. März zum zweiten Mal um das Bürgermeisteramt in Nüsttal. Im Interview berichtet sie über Erfahrungen und Zukunftspläne.

Nüsttal - Am Sonntag findet nicht nur die Kommunalwahl in Hessen statt, sondern auch Bürgermeisterwahlen. In Nüsttal stellt sich Marion Frohnapfel (CDU) erneut zur Wahl.

Sechseinhalb Jahre sind seit Ihrer ersten Wahl vergangen. Was hat Sie in der ersten Amtszeit besonders positiv bewegt?
Mir fallen da insbesondere Erfahrungen rund um das Silgeser Kindergarten- und Seniorenprojekt ein. Wir sind unter bundesweit 220 Bewerbungen nominiert worden, unser Vorhaben umzusetzen. Das enge Zusammenspiel der privaten Seniorentagespflege und der Kita hat sich ganz wunderbar etabliert. Das sich ergänzende Miteinander und das Einbinden anderer Bereiche wie des Angebots von „Gemeinsam-aktiv“ haben die Tagespflege schnell nach vorn gebracht. Sie konnte dadurch innerhalb kürzester Zeit wirtschaftlich arbeiten. Durch das Projekt ist für die ganze Gemeinde eine Vorwärtsentwicklung in Sachen Gemeinsinn und Gemeinschaft entstanden. Dieser Impuls hat auch in andere Ortsteile ausgestrahlt und die „Gemeinsam-aktiv“-Angebote beflügelt, bei denen sich Leute mit gemeinsamen Interessen zusammenfinden, ohne deswegen gleich einen Verein zu gründen. Der Kinder- und Seniorentreff ist für mich immer wieder ein positives Beispiel, dass man etwas wagen muss und Dinge mit anderen zusammen entwickeln kann. Wir haben damals mit der Dorfgemeinschaft, dem Ortsbeirat, den Eltern und allen Beteiligten viel besprochen. Inzwischen haben wir diverse Besucher aus anderen Kommunen zu Gast gehabt. Es macht Freude, denen Mut machen zu können, dass man solche Vorhaben auch in einem ganz kleinen Dorf – Silges hat nur rund 400 Einwohner – auf den Weg bringen kann.
Wurden Sie auch mal enttäuscht, haben sich Hoffnungen zerschlagen?
Hm – eigentlich nicht. Aber ich bemühe mich auch, immer nah bei den Leuten zu sein und beispielsweise über die Ortsbeiräte zu erklären, warum manche wünschenswerten Dinge nicht gehen oder sich verzögern. Was allerdings belastet, sind die immer weiter wachsenden formalen Hürden, die wir als Gemeinde zu bewältigen haben, beispielsweise beim Vergeben von Aufträgen. Jeder Förderbescheid wird begleitet von einem dicken Stapel zu beachtender Vorschriften.

Marion Frohnapfel: Fuldaer Bürgermeister-Runde keine „frauenfeindliche“ Umgebung

In der Bürgermeisterdienstversammlung, der Runde aller Rathauschefs im Landkreis, gibt es aktuell nur zwei Frauen, Brigitte Kram und Sie. Woran liegt das?
„Frauenfeindlich“ ist diese Umgebung nicht. Das Miteinander mit den Kollegen ist offen und von gegenseitigem Respekt getragen. Aber man muss eine große Menge Zeit mitbringen, denn Kommunikation erfordert Zeit – und ohne Kommunikation entstehen Problemlagen, die das politische Klima vergällen. In einem vergällten Klima zu arbeiten, macht wiederum keinen Spaß. Als Bürgermeisterin möchte man ja seine Gemeinde positiv voranbringen. Die Zeit ist ein wichtiger Faktor – es ist ein Fulltime-Job plus x. Da muss man sich überlegen: Will ich das?
Im benachbarten Thüringen liegt die Frauenquote bei den Bürgermeister-Stellen deutlich höher. Ist der Kontrast eine Folge von fuldisch-konservativen Rollenbildern?
Das glaube ich nicht – ich denke, dass Fulda da ähnlich aufgestellt ist wie der Rest Hessens. Das hat in Thüringen vielleicht eher etwas mit der grundsätzlichen Haltung zur Berufstätigkeit von Frauen zu tun. Es gibt in Hessen jedenfalls wenige Bürgermeisterinnen, und das ist schade. Denn ich erlebe Vielfalt – sei es in Bezug auf das Alter, das Geschlecht, die Lebenssituation oder die beruflichen Hintergründe, immer als bereichernd. Vielfalt bringt gute Entscheidungen.
In Ihrem Wahlkampf 2014 haben wir im Saal der Silgeser Wirtschaft einen Stammtisch veranstaltet. Das scheitert heute nicht nur daran, dass die Wirtschaft geschlossen ist, sondern auch an Corona. Wie erreichen Sie die Menschen?
Mir und meinem Team tut es leid, dass so vieles nicht möglich ist. Denn das Miteinander 2014 war toll, daran hätten wir gerne angeknüpft. Doch heute fehlen all die ganz unkomplizierten Begegnungen wie die Treffen am Rande eines Fests. Ich bin zwar in aller Regel gut erreichbar und biete jetzt montags von 19 bis 20 Uhr eine Abendsprechstunde – auch als Videochat – an. Doch das kann nicht den direkten Kontakt ersetzen. Es ist ein Behelf. Da merkt man auch, wie wichtig die Ortsbeiratssitzungen sind. Ich werde mir in den nächsten Treffen viel Zeit für Gespräche nehmen, denn wir haben großen Nachholbedarf. (Lesen Sie hier: In Corona-Zeiten nutzen Parteien Internet, Plakate und Anzeigen für den Wahlkampf

Treffen scheitern an Corona: Marion Frohnapfel vermisst Begegnungen am Rande eines Fests

In Ihrer Bilanz finden sich unter anderem das Silgeser Kita-Senioren-Projekt, Gelder fürs Freibad in Gotthards, der Ulmensteinweg, die Dorffunk-App, ein gutlaufendes Gewerbegebiet bei Morles, dazu ein Lebensmittelmarkt in Aussicht: Haben Sie noch Ideen für die neue Amtszeit?
Ganz wichtig sind der Erhalt und die Weiterentwicklung der ärztlichen Versorgung. Da müssen wir nach kreativen Lösungen suchen. Ich bin im Kontakt mit den Ärzten hier am Ort, aber wir müssen auch als Gemeinde unsere Ideen einfließen lassen. Hier gilt es, noch dicke Bretter zu bohren. Auch „Wohnen im Alter“ ist ein wichtiges Thema: Es geht um neue Wohnformen, um den Älteren, die vielleicht allein in einem längst zu großen Haus leben, die Möglichkeit zu bieten, hier in der Gemeinde zu bleiben. Denn im vertrauten Umfeld zu leben – das streben die allermeisten an. Es braucht viele, die mitmachen – und entsprechend intensive Gespräche.
Und wenn das klappt – was wird dann mit den Ortskernen?
Klassischen Leerstand haben wir nicht. Es geht eher darum, dass jemand allein in einem viel zu großen Hof lebt. Dank des IKEK-Programms haben wir gute Beispiele dafür, dass Scheunen abgebrochen und Wohnhäuser gebaut wurden. Man muss bei diesem Prozess kreativ bleiben. Es ist einfach zu sagen „Wir brauchen ein Neubaugebiet“ – dann ist alles festgesetzt, inklusive Kaufpreis, und jeder weiß, was auf ihn zukommt. Der andere Weg fordert uns mehr, weil für die IKEK-Förderung jeder Fall für sich betrachtet werden muss. Deshalb werden wir befristet für die noch laufende IKEK-Förderzeit – zwei Jahre – in der Verwaltung jemanden einstellen, um die kommunalen Projekte umzusetzen und die Privatleute noch aktiver zu beraten. Die Innenentwicklung der Dörfer ist wichtig – auch wenn man für diesen Weg nicht immer einen Blumenstrauß bekommt. Und es verlangt auch gute Argumente im Austausch mit den Ortsbeiräten. Wir wollen Wachstum für die Orte – aber bitte organisch. Wir wollen den Charme unserer Gemeinde nicht für einen kurzfristigen Erfolg opfern.

Marion Frohnapfel: Entwicklungsmöglichkeiten und Eigenverantwortung in der Verwaltung

Sie arbeiten im Rathaus mit einem überschaubaren Team. Haben Sie die Kompetenz im Haus, die man zum Führen der Gemeinde benötigt – oder ist irgendwann ein größerer Zusammenschluss notwendig?
Wir sind interkommunal im Altkreis im Bereich Finanzen bereits gut verbandelt. Vieles, was im Hintergrund geschieht, kann dort erledigt werden. Alle Dienstleistungen, die für den Bürger sichtbar bleiben, sollten möglichst auch hier angeboten werden. Im Moment haben wir die Fachlichkeit dafür – und bauen sie weiter aus. Es gibt einen Generationswechsel im Team der Verwaltung. In zwei Jahren wird die gesamte Verwaltung gegenüber dem Zeitpunkt meines Beginns im Amt ausgetauscht sein. Um ein gutes Team zu halten, bilden wir aus und bieten dem Personal Entwicklungsmöglichkeiten und Eigenverantwortung. Die Verbundenheit mit dem Ort ist groß. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind wirklich gut.
Nüsttal ist darin geübt, Projekte dann auf den Tisch zu legen, wenn es Fördermittel dafür gibt. Reicht diese Kunst für die Nach-Corona-Zeit aus, um finanziell über die Runden zu kommen?
Die Folgen von Corona werden uns, was das Finanzielle betrifft, in ein, zwei, drei Jahren belasten. Das kann ich noch nicht in Gänze einschätzen. Es kann sein, dass wir dann wieder ein bisschen mehr selbst machen müssen und weniger Aufträge fremd vergeben. Daher müssen wir die Folgekosten jeder einzelnen Entscheidung sehr genau bedenken.
Was macht Nüsttal im Jahr 2030 aus? Lebt Nüsttal dann zur Hälfte vom Fremdenverkehr? Oder wohnen hier die Leute, die zum Arbeiten nach Hünfeld, Fulda oder gar Frankfurt fahren? Oder steht dann am Ortsschild „Homeoffice-Gemeinde Nüsttal“?
Es ist gut, dass durch das Gewerbegebiet hier neue Arbeitsplätze entstehen, aber es ist auch gut, dass durch die Homeoffice-Zeit tagsüber einfach mehr Menschen im Ort sind. Ich kann mir vorstellen, dass es attraktiver wird, sich in den ländlichen, überschaubaren Orten niederzulassen und teilweise von hier zu arbeiten. Wenn ich zwischen diesen drei Varianten wählen sollte, dann wäre ich für „Homeoffice-Gemeinde“.

Bürgermeisterin Frohnapfel: Ich wäre für „Homeoffice-Gemeinde Nüsttal“

Dann muss aber auch das Glasfaserkabel dick genug sein, oder?
Sooo dick!!! (lacht und deutet mit den Händen den Durchmesser eines durchschnittlichen Kanalrohrs an). Dafür setze ich mich sehr ein: Wir brauchen hier dicke Leitungen, wir brauchen hier Funkmasten. Der erste kommt nach Oberaschenbach, zunächst für Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienste, aber der kann dann auch fürs 5-G-Netz genutzt werden. Diese Entwicklung ist wichtig.
Bei der „Nur-Bürgermeisterin-Wahl“ 2014 gingen gute 52,2 Prozent der Nüsttaler zur Urne. Ab welcher Wahlbeteiligung sind Sie am 14. März zufrieden?
Die Bürgermeisterin-Wahl steht dieses Mal ja nicht für sich, sondern sie findet parallel zur Kommunalwahl statt. Ich hoffe, dass wir insgesamt auf rund 70 Prozent kommen. Die Zusammenlegung der Wahlen war von Anfang an mein Wunsch – auch zur Entlastung der Ehrenamtlichen. Dass das nun klappt, ist mal ein positiver Corona-Effekt.
Und wo muss Ihr Ergebnis nach den 81,5 Prozent von 2014 liegen, damit Sie sagen: „Das passt“?
Das Ergebnis wird bei einer hoffentlich höheren Wahlbeteiligung sehr interessant. Zahlen möchte ich hier nicht nennen. Aber die Zustimmung oder Ablehnung wird für mich auch ein Gradmesser sein, ob die Arbeit, die ich geleistet habe, bei den Leuten angekommen ist.
Ist das Bürgermeisterin-Sein etwas, das Sie das ganze Arbeitsleben lang erfüllen wird – oder kann es auch andere kommunale (Wahl-)Ämter geben, die Sie reizen?
(lacht) Das Bürgermeisteramt ist mir auf den Leib geschrieben. Ich habe Freude an der Kommunikation, ich bin hier verortet und ich finde es spannend, dass man für eine so kleine Gemeinde Strategien entwickeln kann und nicht nur Verwalterin ist. Ich fühle mich hier sehr, sehr wohl, auch, ja gerade weil man hier auch mal unorthodoxe Wege gehen muss und kann, um voran zu kommen. Ich bleibe hier. Ich bin gekommen, um zu bleiben.

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