Im Melkstand: Noch 1989 besuchte diese Besichtigungsgruppe das thüringische Spahl. / Foto: Karl-Heinz Burkhardt

Landwirtschaft Ost und West: Neugierig auf das Arbeiten der anderen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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GRÜSSELBACH/SETZELBACH - Mit der Grenzöffnung vor 30 Jahren wuchs auch die Neugier auf das „Leben der anderen“. Nicht nur einzelne Menschen, auch ganze Berufsgruppen wollten wissen, wie im jeweiligen „Drüben“ gearbeitet wurde. Zum Beispiel in der Landwirtschaft.

Die Verhältnisse in der Landwirtschaft hatten sich zwischen Ost und West weit auseinander entwickelt. In der alten Bundesrepublik, gerade in den Mittelgebirgslandschaften, herrschten noch weitgehend kleinstrukturierte Betriebsgrößen. Demgegenüber gab es in der Ex-DDR die Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften (LPG) mit mehreren Tausend Hektar und großen Vieheinheiten.

Vieles über die Landwirtschaft in der DDR hatte man in den Jahrzehnten zuvor durch Funk und Fernsehen oder aus der Presse erfahren. Bereits 1946 verloren alle mit über 100 Hektar Ackerfläche ihr Eigentum. In den 50er Jahren wurden in der Zwangskollektivierung 800 000 Bauern mit ihren Familien oft unter massivem Druck in die LPG überführt. Bis 1960 blieben DDR-weit nur noch rund 20 000 private Bauern übrig.

Auch im Geisaer Amt wurden die ehemaligen Familienbetriebe bis auf seltene Ausnahmen in den LPG zusammengeschlossen, getrennt in die Betriebszweige Pflanzen- und Tierproduktion. Die LPG „Karl Liebknecht“ stand für Pflanzenproduktion, die LPG „Vorderrhön“ für die Tierproduktion (unter anderem Rindermast und Milch). Die Bauern hatten ihren gesamten Hof mit Vieh, Maschinen und Gebäude einbringen müssen.

Milchkuh-Haltung und Kälberaufzucht

In der Bewirtschaftung der LPG im Geisaer Amt befanden sich ehemals rund 6000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche sowie rund 1700 Milchkühe in den Ställen in Spahl und Geisa. Sie wurden im Schichtbetrieb in modernen Doppel-Fischgrät-Melkständen von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemolken. Ferner gab es in Geisa eine Kälberaufzuchtanlage, Ställe für die Jungviehaufzucht sowie für die Schweinezucht und -mast, zudem zwei Schafhaltungen.

Nach einem schwierigen Beginn nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich die DDR-Landwirtschaft durchaus erfolgversprechend entwickelt, meinte der Historiker Jens Schöne. Erst in den 1980er Jahren sei es mit ihr bergab gegangen. Mit dem Mauerfall und der Einführung der D-Mark 1990 brachen Handelsbeziehungen weg. Produktionsweisen waren zum Teil unrentabel und die Besitzverhältnisse der Landwirtschaftsflächen waren ab da unklar.

Pflanzen- und Tierproduktion „Ulstertal“

Die LPG mit Sitz im Geisaer Stadtteil Bremen durchlebte kurz nach der Wende einen Aderlass: Sie verlor einen Teil der von ihr bewirtschafteten Flächen. Deren Besitzer nämlich verpachteten diese nun zum Teil an Landwirte aus dem Landkreis Fulda und dem Raum Bad Hersfeld. Daher musste sich die Genossenschaft neu ausrichten und firmierte bis 2009 als LPG Pflanzen- und Tierproduktion „Ulstertal“.

Es folgte ein Zusammenschluss mit der Agrargenossenschaft in Kaltensundheim unter dem neuen Namen „Rhönperle“; der Betrieb erreichte fast wieder die frühere Betriebsgröße. Heute stehen über 5000 Hektar in der Bewirtschaftung, so Vorstand Thomas Fischer. Man sei ein Unternehmen, das sich auf eine extensive Grünlandbewirtschaftung, vorrangig mit Weidehaltung, konzentriere.

Im Bestand befinden sich insgesamt 5200 Tiere, davon an die 1900 Milchkühe. Unter anderem nehmen sowohl die Jungrinderaufzucht als auch die Schafhaltung besondere Rollen im Betrieb ein. In Bremen sind die Verwaltung, Getreideläger, die Saatgutaufbereitung und die Landmaschinenwerkstatt verblieben. Die Produktion der Agrargenossenschaft „Rhönperle“ liegt komplett im Biosphärenreservat Rhön. / bh

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