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Nachbarn mit laufender Kettensäge genötigt

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Von: Redaktion Fuldaer Zeitung

Hünfeld - Der Nötigung hat sich ein 61-Jähriger aus einem Hünfelder Stadtteil schuldig gemacht. Das Amtsgericht Hünfeld hat den Mann aus dem Buchfinkenland zu einer Geldstrafe verurteilt.

"Wir sind hier nicht im Wilden Westen, wo man seine Rechtsansprüche oder was man vielleicht dafür hält, mit Gewalt durchsetzt." Richter Szymon Mazur betonte in seiner Begründung, das Urteil kläre die im Rechtsstaat geltenden Regeln. Zugleich fördere es die Spezialprävention: Es mache dem Angeklagten unmissverständlich klar: "Sie sind ein Straftäter."

Dem 61-Jährigen H. wurde vorgeworfen, seinen Nachbarn, den 54-jährigen L., im März 2013 genötigt zu haben, als dieser versuchte, auf der gemeinsamen Grenze einen Sichtschutzzaun zu errichten. Zudem habe er ihn im Dezember beleidigt und sich einer Sachbeschädigung schuldig gemacht, indem er Schnitte in den Zahn sägte.

Bis zum März 2013 hatte eine hohe Hecke die Grundstücke der Streitenden getrennt. Als der Angeklagte seinen Nachbarn per Anwaltspost aufforderte, die auf dessen Grund stehenden Pflanzen einzukürzen, schnitt L. die Hecke kurzerhand ab. Ein paar Tage später begann er, einen zwei Meter hohen Bretterzaun zu errichten. "Ob dieser Zaun zulässig ist oder nicht, das ist hier völlig außen vor", betonte Mazur. Es gehe nur um das Verhalten der Nachbarn am Tag des Zaunbaus. Das endete damit, dass der Sohn des Nachbarn L. die Polizei alarmierte, die dann eine Kettensäge des Nachbarn H. beschlagnahmte.

Denn als L. seinen Zaun errichtete und mehrfach auf das nachbarliche Grundstück trat, warf ihm der 61-Jährige vor, er begehe Hausfriedensbruch. Als dies L. nicht beeindruckte, holte der Angeklagte seine Motorsäge heraus. Er ließ sie mehrfach aufheulen, bewegte sie immer wieder auf und ab. "Mit dem Gestank und dem Krach habe ich gegen das Vorgehen meines Nachbarns demonstriert", sagte er vor Gericht. L. schilderte das im Zeugenstand anders: Sein Nachbar habe ihm die laufende Kettensäge rund 10 bis 20 Zentimeter vor den Körper gehalten, wohl um zu verhindern, dass er sich beim Bohren in die Zaun-Bretter über dessen Grundstück lehne. Sowohl die Verteidigerin des Angeklagten, Julia Heieis, als auch ein aus Fulda stammender Zeuge, der sich während der Vorgänge auf dem Grundstück aufgehalten hatte, bestritten dies: H. habe den Sicherheitsabstand eingehalten und niemanden gefährdet.

Teile der Aktion gab es während der Verhandlung als Video: Ein Sohn des Nachbarn L. hatte mit dem Handy Aufnahmen gemacht. Er betonte, er habe Angst um seinen Vater gehabt, da der Angeklagte die Säge oft nur rund 40 Zentimeter entfernt von diesem in hohen Touren habe laufen lassen.

In seinem Plädoyer unterstrich Staatsanwalt Werner Stock, H. habe sich rechtswidrig verhalten und das Drohpotenzial der Kettensäge gegen seinen Nachbarn eingesetzt. "Sie hätten sich anders verteidigen müssen, wenn sie Ansprüche von sich verletzt sahen", betonte Stock. Auch die Tatbestände der Sachbeschädigung und der Beleidigung sah der Staatsanwalt als erwiesen an und forderte eine Freiheitsstrafe von drei Monaten. Diese solle, da H. bislang unbescholten sei, zur Bewährung ausgesetzt werden.

Rechtsanwältin Heieis plädierte auf Freispruch. Ihr Mandant habe es mit dem Recht vielleicht mitunter "allzu genau" genommen. Er habe aber seinen Nachbarn nicht in Gefahr gebracht und weder die Beleidigung noch die Sachbeschädigung seien bewiesen. Daher sei er freizusprechen.

Richter Mazur sah das in großen Teilen anders. Vom Vorwurf der Beleidigung sprach er H. frei. Aber sowohl bei der Sachbeschädigung als auch bei der Nötigung stellte er dessen Schuld fest. "Das war vollendete Nötigung." Daher sei eine Geldstrafe von 100 Tagessätzen angemessen. Diese wurden mit Blick auf die finanziellen Verhältnisse des Beklagten mit zwölf Euro festgesetzt. Die Säge wurde einbehalten.

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