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Ein Querschläger endete tödlich: Rosemarie Orzechowski verlor vor 75 Jahren ihre Mutter

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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RASDORF - Gerade einmal vier Minuten, so erinnern sich Augenzeugen, dauerte der Luftangriff der Engländer im zweiten Weltkrieg auf Rasdorf. Doch die Folgen begleiten Rosemarie Orzechowski (83) noch heute. Sie verlor bei dem sich heute zum 75. Mal jährenden Schreckenstag ihre Mutter.

Von unserem Redaktionsmitglied Johannes Götze

Von den Kriegswirren war Rasdorf bis zu jenem Tag verschont geblieben. Und hätten nicht deutsche Soldaten bei ihrer Militärbewegung in Richtung Ostfront über die historische Via Regia unter den hohen Kastanienbäumen mitten in Rasdorf Schutz vor englischen Aufklärungsflugzeugen gesucht, die Amerikaner hätten den Ort wohl wenig später geräuschlos besetzen können.

So aber sahen sich englische Militärs gezwungen, den deutschen Trupp außer Gefecht zu setzen. Bis auf einen deutschen Soldaten, der durch einen Bauchschuss tödlich verletzt wurde, konnten sich alle Militärs retten. Doch der Angriff forderte mit Orzechowskis Mutter Anna Deisenroth auch ein ziviles Opfer.

Wenige Tage vor dem neunten Geburtstag

„Ich war gerade im Keller, um Wasser zu holen, da hörte ich die Schüsse“, erinnert sich die 83-Jährige. Es war wenige Tage vor ihrem neunten Geburtstag, als sie die fünf Liter fassende Milchkanne volllaufen ließ – „noch heute könnte ich sie aus dem Gedächtnis zeichnen“ –, das Ende des Beschusses abwartete und die Treppenstufen wieder hinaufging. Oben bot sich ein schreckliches Bild: Ihre Mutter Anna lag blutüberströmt auf dem Küchenboden. Ein Querschläger hatte sich den Weg über die Küchendecke in ihren Kopf gebahnt.

Ein einschneidender Tag

Offenbar war sie gerade im Begriff gewesen, die Küche zu verlassen, um ebenfalls Schutz im Keller zu finden. Gemeinsam mit dem verwundeten Soldaten wurde Anna Deisenroth nach Geisa in ein Krankenhaus gbracht – doch für beide kam jede Hilfe zu spät. Auf einer Kutsche wurde Deisenroth wenig später zurück nach Rasdorf gefahren, die Beerdigung folgte am Ostermontag. Auch das war ein einschneidender Tag für die Familie: Amerikaner besetzten das Dorf und vertrieben wenige Stunden nach der Beerdigung die Familie Deisenroth aus ihrem Haus. „Das Haus samt Reparaturwerkstatt hatte mein Vater erst sechs Jahre zuvor gebaut und war für damalige Verhältnisse modern eingerichtet. Gerade einmal eine halbe Stunde wurde uns Zeit gegeben, um unser nötigstes Zeug zusammenzupacken. Erst vier Wochen später konnten wir zurückkehren. Das war das i-Tüpfelchen auf diese furchtbare Zeit“, erinnert sich die heute 83-jährige Orzechowski.

Erinnerung mal mehr und mal weniger

Ihre Erinnerungen treten mal mehr, mal weniger stark hervor. Doch nicht zuletzt durch die strengen Vorkehrungen aufgrund der Corona-Pandemie fühlt sie sich wieder an jene Tage zurückerinnert. „Zuletzt starb eine gute Bekannte von mir – und ich durfte nicht zur Beerdigung. Auch damals gab es eine Ausgangssperre: Nur meine drei Geschwister, mein Vater, zwei Tanten und der Pfarrer durften zur Beerdigung.“ Für die Familie ihrer viel zu früh verstorbenen Mutter sei dies schwer zu verarbeiten gewesen.

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