Foto: Karl-Heinz Burkhardt

Von Rahm leckenden Drachen und fast verschluckten Rindern: Die sagenumwobene Lindwurmskaute

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Schlotzau - In der Nähe von Schlotzau, am Waldrand gelegen, befindet sich eine Erdvertiefung, die sogenannte „Lindwurmskaute“. Ihren Namen verdankt sie wohl der Sagengestalt eines Lindwurms. Um diese nicht ungefährliche Senke gibt es eine schon lange überlieferte Erzählung.

Lesen Sie nachfolgend eine Pressemitteilung des Landkreises Fulda im Wortlaut:

Bis in die 1960er Jahre hinein begann – wie seinerzeit üblich – auch für die Schlotzauer Kinder das Schuljahr kurz nach Ostern. In der dortigen Volksschule unterrichtete Dorfschullehrer Georg Raack acht Jahrgänge in einer Klasse.

Alljährlich nach den Osterferien zog er mit den Schülerinnen und Schülern durch den Ort und holte die neuen Abc-Schützen zu Hause ab. In den folgenden Schultagen unternahm Raack mit seinen „Schützlingen“ eine heimatkundliche Wanderung rund um Schlotzau. Während einer Rast an einer bestimmten Stelle am rund einen Kilometer westlich des Dorfs gelegenen Waldrand lauschten sie seiner Stimme besonders aufmerksam.

Dann nämlich erzählte er ihnen die Geschichte vom Lindwurm, der ehemals unter einem über der „Lindwurmskaute“ stehenden Schloss gehaust haben soll. Ab und zu sei der Lindwurm aus dem Untergrund hervorgekrochen, um seinen Hunger zu stillen. Er sei so groß gewesen, dass sein Schwanzende, während er im entlegenen Dorf Hechelmannskirchen die Rahmtöpfe leer geleckt habe, noch im Schlossuntergrund verblieben sei.

Der Lindwurm habe die Menschen immer wieder in Angst und Schrecken versetzt, wusste Raack. Doch eines Tages sei hoch zu Ross Ritter Siegfried vor Schlotzaus Feldern erschienen. Die Bäuerinnen und Bauern hätten ihn gebeten, dem Ungetüm ein Ende zu bereiten. Mit seinem Schwert habe Siegfried deren Bitten erfüllt und den Drachen im „Siegengraben“, einem heute noch bestsehenden Gemarkungsteil, getötet.

So konnten die Dorfbewohner friedlich weiterleben und ihren täglichen Arbeiten nachgehen, ohne Angst vor dem Lindwurm haben zu müssen. Auch das Leben im Schloss, in dem ein Schlossherr mit seinen beiden Töchtern wohnte, ging weiter. Unweit von diesem befand sich die ehemalige Siedlung „Slatzesowa“ (eine urkundlich erwähnte Siedlung, gelegen im Gemarkungsteil „Kalter Hof“).

Eines Tages fand dort wieder die traditionelle Kirmes statt. Deshalb baten die Kirmesburschen den Vater der beiden hübschen Schlossmädchen, diese einladen zu dürfen. Er willigte ein, verlangte von den Jungen jedoch, dafür Sorge zu tragen, dass seine Töchter punkt Mitternachtsuhrenschlag zurück sein müssten, was diese auch versprachen.

Allerdings drehten die Burschen die Uhrzeiger während des Kirmestanzes um eine Stunde zurück. Die Mädchen schauten immer wieder zur Uhr, um pünktlich und wie versprochen im Schloss zu erscheinen. Doch sie hatten ja noch Zeit und konnten laut Wirtshausuhr, die erst 23 Uhr anzeigte, noch einige Tanzrunden mit den Jungen drehen.

So wartete der Vater beim Mitternachtsuhrenschlag im Schloss vergeblich auf seine Töchter. Und weil diese nicht pünktlich zurück waren, wütete und polterte er derart, dass das Schloss in sich zusammenbrach, unterging und bis heute verschollen ist.

Hintergrund: Kaute ist eine altdeutsche Bezeichnung für Vertiefung oder Mulde. Solche Mulden sind durch Auswaschungen der Salzschichten entstanden, in deren Folge sich Einbruchschote von bis zu 200 Metern auftaten. Bei der Lindwurmskaute (im örtlichen Sprachgebrauch „Lingwormskutt“) handelt es sich vermutlich um einen mit rund 3000 Jahre noch jungen, nicht verfüllten Schlot mit darunter herführenden Salzschichten.

Sie hat die Größe eines Einfamilienhauses. Betreten sollte man sie aber nicht. Ältere Schlotzauer Männer berichteten davon, lange Baumhölzer in ihr versenkt zu haben. Ein vor Jahren aus einer Weide ausgebrochenes Rind, das die Senke durchqueren wollte, blieb bis zum Bauch in dem Morast stecken. Nur unter großer Mühe konnte es gerettet werden. / HZ

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