Fotos: Hartmut Zimmermann

Stolpersteine in Rhina verlegt – Erinnerung an ermordete Juden

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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RHINA - Erstmals sind in Rhina Stolpersteine verlegt worden. Sie erinnern an das Schicksal dreier jüdischer Menschen aus dem Dorf, die in der NS-Zeit ermordet wurden. Die Verlegung mit dem Aktionskünstler Gunter Demnig geht auf eine Initiative des Heimatvereins Rhina zurück.

Von unserem Redaktionsmitglied Hartmut Zimmermann

Von 1860 bis 1905 – damals lebten dort knapp 584 Menschen – war Rhina der einzige Ort im Land Preußen, in dem die Mehrheit der Bevölkerung jüdisch war. Zum 1. März 1939 erklärten die NSDAP-Verantwortlichen Rhina für „judenfrei“. Vermutlich wurden 49 jüdische Menschen aus Rhina in der NS-Zeit ermordet. An drei von ihnen erinnern seit gestern ins Gehwegpflaster eingelassene Stolpersteine.

Texte von Schülern und Zitate aus Polizeiakten

Vor dem Haus Nr. 11 in der Straße Im Unterland zeigen sie, dass dort der letzte freiwillig gewählte Wohnort von Leopold, Selma und Rickchen Metzger war. Schüler und Schülerinnen der Klasse 9 d der Obersbergschule Bad Hersfeld hatten mit ihrer Lehrerin Katharina Breitkreutz Texte zusammengestellt, die, ergänzt durch die Lebensdaten von Rickchen, Selma und Leopold Metzger, Schlaglichter auf die Zeit von Verfolgung und Entrechtung der Juden in den 1930er Jahren warfen. Zitate aus Polizeiakten schildern in lapidarer Sprache Übergriffe und Gewalt. Die drei Metzgers mussten Rhina verlassen. Von Frankfurt am Main führte ihr Weg nach Minsk und Sobibor in den Tod.

Unverzichtbar sei die „Herzensbildung“

In ihrer Ansprache beantwortete Rhinas evangelische Pfarrerin Dr. Ann-Cathrin Fiß die Frage, warum man so viele Jahre nach dem Holocaust immer noch Erinnerungsorte benötige, mit einem Zitat der jüdischen Psychologin Hédi Fried. Die 1924 geborene Wissenschaftlerin, die bis heute in Schulen über ihr Er- und Überleben in Auschwitz und Bergen-Belsen spricht, betont die Bedeutung der Erziehung. Dabei gehe es um viel mehr als um Wissen, unterstreicht sie. Unverzichtbar sei die „Herzensbildung“: Das Auswendiglernen von Fakten erreiche nur das Gehirn, fasste Fiß Frieds Erkenntnis zusammen. Was nur den Kopf erreiche, das werde leicht vergessen. Daher komme es auf das gute Beispiel von Eltern und Lehrern an – dadurch werde das Herz geschult. Sie könnten so „die kommende Generation zu Empathie und bedingungsloser Liebe erziehen und so eine Welt ohne Hass schaffen.“

„Stolpern, innehalten, erinnern“

Das Gedenken, so Fiß, solle das Herz weit machen. Denn das Mitgefühl richte sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf Gegenwart und Zukunft. Das entspreche dem geistigen Umfeld der hebräischen Bibel, des Alten Testaments: Gottes Barmherzigkeit wende Not und Leid, und das Gedenken brauche auch immer die Tat zum Guten. „Wir müssen uns erinnern und diejenigen, denen so unfassbares Leid angetan wurde, in unser Herz lassen. Stolpern, innehalten, erinnern – dazu sollen uns diese Steine bringen.“

Im Namen des Geschichtsvereins hieß Kurt Bolender die knapp 100 Menschen, die sich zu der Zeremonie versammelt hatten, willkommen. Er dankte den heutigen Besitzern des Hauses für ihr Einverständnis, dieses Gedenken zu ermöglichen.

Das Projekt

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Mit den Gedenktafeln soll an Menschen erinnert werden, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Im Oktober 2018 verlegte Demnig in Frankfurt den 70.000. Stein. / zi

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