Symbolfoto: Peter Steffen/dpa

Abgewiesener Heiratsantrag mit Folgen: „Aussprache“ wird zu Prügelei

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Bad Soden-Salmünster - Nach einer Stunde Verhandlung mit Vernehmung von Angeklagten und Opfer zeigte sich Jugendrichter Christian Scheuermann vor dem Amtsgericht Gelnhausen ziemlich ratlos.

Da sind zwei junge Männer, die sich gegenseitig beschuldigen, ein Treffen zwecks „Aussprache“ initiiert zu haben. Als sie sich dann im Bad Sodener Bornweg in der Nähe des Sportplatzes treffen, prügeln sie aufeinander ein. Jeder behauptet, sich nur verteidigt zu haben. Am Ende flüchten sie blutend in verschiedene Richtungen. Warum sie sich geschlagen haben, wissen die Streithähne angeblich nicht.

Neutrale Zeugin

Glücklicherweise gibt es eine neutrale Zeugin. Die 48-Jährige aus der Kurstadt war zu der Tatzeit am späten Nachmittag des 14. Mai 2018 mit ihrem Auto vom Bahnhof Salmünster in Richtung Sportplatz unterwegs, als ihr plötzlich ein 22-Jähriger blutüberströmt vors Auto „geworfen“ wurde, gefolgt vom Angeklagten (21) – ebenfalls aus der Kurstadt. Beide hätten „wie wahnsinnig“ aufeinander eingeprügelt. So etwas habe sie noch nicht gesehen, erinnerte sich die Frau. Aus Angst sei sie im Auto sitzengeblieben und habe telefonisch Polizei und Rettungsdienst alarmiert.

Dabei waren die jungen Männer vor dem Vorfall miteinander befreundet, gingen früher sogar zusammen in Schlüchtern in die Schule. Nach intensiver Befragung kristallisiert sich ein wunder Punkt in der Vergangenheit des Duos heraus. Der Angeklagte hatte über einen Mittelsmann als „Heiratsvermittler“ beim Vater des 22-Jährigen um die Hand von dessen Schwester angehalten. Dafür erntete er eine Absage. Die Tochter sei angeblich längst anderweitig versprochen.

Grundsatzrede des Richters

Ein Umstand, der bei Richter Scheuermann für völliges Unverständnis sorgte und ihn zu einer Grundsatzrede bewegte. In Deutschland dürften Frauen selbst entscheiden, wen sie heiraten wollen. Es sei nicht üblich, deswegen die Väter zu fragen – und schon gar nicht, dass sich deswegen der Sohn mit dem „Bewerber“ schlage. Er könne daher nicht verstehen, welches Problem im vorliegenden Fall Auslöser für die Schlägerei war.

Mit erheblichen Blessuren beiderseits. Den Angeklagten brachte ein Rettungswagen ins Krankenhaus. Dort wurden blutige Verletzungen und Schnittwunden an der linken Schulter, der linken Hand, am rechten Daumen, am Oberarm, am Kopf sowie Strangulationen am Hals festgestellt. Der 22-Jährige trug Verletzungen am Bein, Ellenbogen und Kiefer sowie eine gebrochene Nase davon. Bei dem Kampf soll ein Messer oder Schraubenzieher eingesetzt worden sein.

Gegenseitig bei Polizei angezeigt

Die Streithähne hatten sich wechselseitig bei der Polizei wegen Körperverletzung angezeigt. Ein erstes Strafverfahren gegen den 22-Jährigen war bereits eingestellt worden. Nach Beratung mit der Vertreterin der Staatsanwaltschaft Hanau stellte Richter Scheuermann auch dieses Verfahren ohne Auflagen ein. Die Attacken seien wechselseitig gewesen. Beide Streithähne treffe dieselbe Schuld.

Allerdings gab er dem Angeklagten, der zuvor erklärt hatte, in seiner Heimat würden Meinungsverschiedenheiten häufig körperlich ohne weitere Konsequenzen ausgetragen, mahnende Worte mit auf den Weg. Der eingeschlagene Weg sei keine Art, Probleme zu lösen. Im Übrigen gelten hier im Land deutsche Gesetze. / ls

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