Foto: Hanswerner Kruse

Abou Hajar möchte mit Falafel-Stand in Schlüchtern Fuß fassen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Schlüchtern - Es war ein erfolgreicher Auftakt während des Kalten Markts im November 2019, als Abou Hajar (47) in seinem Imbisswagen Falafel und andere syrische Leckereien anbot. Einige Tage nach dem Volksfest konnte man neben dem alten Amtsgerichtsgebäude die Erkundung arabischer Speisen fortsetzen. Doch dann gingen die Schwierigkeiten weiter, mit denen Hajar bereits eineinhalb Jahre tapfer gerungen hatte.

Von Clas Röhl und Hanswerner Kruse

Der aus Syrien geflüchtete Abou Hajar kaufte im Mai 2017 den Wagen für 500 Euro, restaurierte ihn liebevoll und hoffte, nun „endlich Steuern in Deutschland zahlen zu können“. Pustekuchen. Es folgte eine kaum enden wollende Odyssee durch deutsche Ämter, die er nicht erwartet hatte: Gesundheitsamt, Jobcenter, Bauamt und andere Behörden verlangten immer neue Nachweise oder lehnten Anträge ab. Doch irgendwann hieß es nach der Betriebskontrolle des Gesundheitsamtes: „Aus lebensmittelrechtlicher Sicht bestehen keine Bedenken zur Nutzung der Küche.“

Hier soll keine Ämterschelte betrieben werden, alle geforderten Maßnahmen sind gewiss gesetzlich gerechtfertigt. Viele Asylbewerber, die in ihren Heimatländern unaufhörlich administrative Willkür und Korruption erlebten, loben die Gesetze und Regeln in Deutschland. Doch die fallen ihnen manchmal eben auch auf die Füße.

Auf eigenen Füßen stehen

Jedoch jammert Hajar nicht und betont immer wieder, wie freundlich die deutschen Helfer gewesen seien. Er sei dankbar dafür. Die Erlangung des befristeten Bleiberechts und der Besuch mehrerer Deutschkurse waren überhaupt kein Problem. Als es jedoch darum ging, danach auf eigenen Füße zu stehen, hatte er das Gefühl, die in den Behörden Arbeitenden sind zeitlich und organisatorisch nicht auf Menschen aus fremden Kulturen und ihre Herausforderungen vorbereitet. Wenn die Flüchtlinge oder Migranten die ersten Hürden überwunden und hier Fuß gefasst haben, fehlt ihnen aus seiner Sicht eine angemessene Begleitung.

Im Gespräch breitet der gelernte Gold- und Silberschmied viele Dokumente, Korrespondenzen und schriftliche Entscheide aus. Man merkt, dass er auch Buchhaltung gelernt hat, denn alle Papiere sind in Ordnern sorgsam abgeheftet: schnell findet er Gesuchtes.

Anwohner beschwerten sich über Geruchsbelästigung

Neben dem Gericht darf Hajar nicht bleiben, Anwohner beschwerten sich über Geruchsbelästigung und das Bauamt stellte mehrere, von ihm kaum erfüllbare Anforderungen. Doch weiterhin gab er nicht auf und kontaktierte den Bürgermeister. Der forderte „Geduld“ von ihm und unterstützt sein Projekt. Dadurch kann er – nach jetzigem Stand – den Wagen demnächst an drei Tagen pro Woche in der Innenstadt aufstellen, der Geruch von Falafel belästigt hier niemanden.

Die Genehmigung, Speisen an allen Tagen in der Woche anzubieten, steht noch aus. Auch für Wasser- und Stromanschlüsse ist nicht gesorgt und er muss eine größere, vom Amt verlangte Abzugshaube beschaffen.

Vor vier Jahren kam er nach Schlüchtern

Vor vier Jahren kam der gelernte Gold- und Silberschmied mit seiner Frau und vier Kindern aus dem Kriegsgebiet um Idlib mit UN-Hilfe nach Schlüchtern. Zahlreiche Zivilisten sind hier in der letzten Rebellenhochburg den Kämpfen und Bomben zum Opfer gefallen, Hunderttausende sind auf der Flucht. Erst in Schlüchtern lernten die Kriegsflüchtlinge die Studentin und „Nichte“ Hanin (29) kennen, die aus dem gleichen Dorf wie sie stammt und ihnen bei der Orientierung in Deutschland hilft.

Hajar hat hier in Deutschland immer gearbeitet und versucht, seine Familie selbst zu ernähren. Doch derzeit ist die Arbeitssuche für Migranten und Flüchtlinge schwerer geworden. Nun sucht er – bis zur Eröffnung des Imbisses – eine Beschäftigung, bis er demnächst endlich Steuern zahlen kann.

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