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Absoluter Tabubruch an der Tochter: 50-Jähriger muss für vier Jahre ins Gefängnis

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Hasselroth/Hanau - Das Landgericht Hanau hat einen 50-jährigen Familienvater aus Hasselroth wegen schweren sexuellen Missbrauchs an seiner Tochter zu einer Gesamthaftstrafe von vier Jahren verurteilt.

Die zweite Jugendstrafkammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel sah es aufgrund der erdrückenden Beweislage als erwiesen an, dass sich der Mann mindestens in zwei Fällen vor laufender Webcam an dem zur Tatzeit im Mai 2018 erst acht Jahre alten Mädchen vergangen hat. Die Live-Bilder bot er unbekannten Chatpartnern an. Der Angeklagte hatte sich daher wegen der Verbreitung kinderpornografischen Materials vor Gericht zu verantworten. Mit dem Schuldspruch blieb die Kammer gestern Morgen im unteren Drittel des gesetzlich vorgeschriebenen Strafmaßes. Die Staatsanwaltschaft hatte vier Jahre und neun Monate Freiheitsentzug beantragt.

„Absoluter Tabubruch“

„Sie haben einen absoluten Tabubruch begangen“, richtete sich Susanne Wetzel in ihrem mehr als 40-minütigen Richterspruch unmissverständlich an den Beschuldigten. Die volle Härte der Gerichtsbarkeit sei anzuwenden. Weitestgehend verzichtete Wetzel in ihren Ausführungen auf Details aus den Tatvorwürfen, aus Rücksicht auf das Opfer und den schlussendlich geständigen Täter. Eine Erklärung für die unfassbaren Geschehnisse im Mai und August 2018 innerhalb des familiären Schutzbereichs hatte die erfahrene Richterin nicht. Fehlende sexuelle Nähe und Liebesbekundungen der Ehefrau ließen den Mann immer weiter in eine Computerwelt mit Pornobildern und -videos flüchten.

„Psychisch gesehen ein gesunder Mann“

Der Sachverständige hatte in seinem Gutachten dem 50-Jährigen weder eine krankhafte Störung der Psyche noch eine sogenannte Kernpädophilie zugeschrieben. „Sie sind psychisch gesehen ein gesunder Mann“, fasste Wetzel zusammen. „Es hätte nicht passieren dürfen“, wie es der Angeklagte mehrfach als Entschuldigung im Gerichtssaal geäußert habe, diese Feststellung reiche keineswegs aus. Es sei vielmehr eine sehr hohe Hürde zu überspringen, um sich an einem Kind, in diesem Fall sogar der eigenen kleinen Tochter, zu vergehen – und damit den seelischen Schaden der Minderjährigen in Kauf zu nehmen.

„Fehler gilt es einzugestehen“

Unabhängig vom Urteilsspruch forderte Wetzel den Mann auf der Anklagebank auf, sich vollumfänglich und möglichst frühzeitig seiner Verantwortung zu stellen. Andernfalls gebe es nach dem Strafvollzug – seit Januar 2019 sitzt er bereits in Untersuchungshaft – keine noch so geringe Chance auf Vergebung in der Familie. „Sie haben Ihrer Tochter etwas angetan, das sie den Rest ihres Lebens begleiten wird“, sagte Wetzel. Diesen schweren Fehler gelte es einzugestehen, damit sich die schlimmen Erlebnisse nicht in der Pubertät der Tochter Bahn brechen und gravierende Spätfolgen zu befürchten sind.

Anonymer Chatteilnehmer schickt Polizei Beweis

Per Zufall waren die Ermittlungsbehörden auf den sexuellen Missbrauch in der Familie aufmerksam geworden. Ein anonymer Teilnehmer eines Chats auf der umstrittenen Plattform Omegle schnitt Mitte Mai 2018 ein etwa 25-minütiges Video zur Beweissicherung mit, um es der Polizei zusammen mit schriftlichen Angaben zum Tathergang zur Verfügung zu stellen. Die Beamten des Bundeskriminalamtes konnten allerdings weder den Täter noch das Opfer zuordnen. Über das erkennbare Gesicht des Mädchens gelang im Zuge einer Öffentlichkeitsfahndung in Kooperation mit Schulen in Hessen eine Ermittlung des gesuchten Mannes.

Offenbarung auf Familientreffen bleibt ohne Folgen

Bei einem Familientreffen, das nur kurze Zeit später nach dem dokumentierten Missbrauchsfall stattfand, berichtete die Tochter der Mutter lediglich von einem Vorfall zu Hause, als sie den Vater sich selbst befriedigend vor dem PC angetroffen habe. Der Vater habe sich, so berichtete die Richterin, über diese Offenbarung geärgert, statt über sein eigenes Handeln zu reflektieren. Sein strafbares Verhalten setzte sich fort, wie eine weitere Aktion Anfang August, ebenfalls in einem Live-Video-Chat, beweist.

Erdrückende Beweislage

„Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass es mehr solcher Vorfälle gegeben hat“, betonte Wetzel weiter. Dies sei an der Routine zu erkennen, welche die Tochter bei den Veranlassungen zu den sexuellen Handlungen an sich und dem Vater vor laufender Kamera zeige.

Angesichts der erdrückenden Beweislage hatte das Gericht auf eine Vernehmung des Opfers verzichtet.

Wetzel warf dem Angeklagten erschwerend vor, seine Nähe als geliebter Vater ausgenutzt zu haben. Strafmildernd wirkten sich fehlende Vorstrafen, das späte Geständnis, die gezeigte Reue und die Bereitschaft zu einer Therapie aus. Allerdings müssten auf Worte nun Taten folgen. Erschwerend wirkten sich für den 50-Jährigen seine Tendenz zur Verharmlosung des Missbrauchs, das sehr junge Alter der Tochter und die Länge der nachgewiesenen Tat aus. Ausdrücklich stellte Wetzel fest, dass eine Tochter aus erster Ehe nicht betroffen sei.

Berufung ausgeschlossen

Eine Revision gegen das Urteil des Landgerichts ist vor dem Bundesgerichtshof möglich, erklärte Wetzel. Eine zweite Tatsachenverhandlung werde es hingegen nicht geben, sodass eine Berufung ausgeschlossen sei. Die Verteidigung merkte am Ende der Verhandlung an, für eine Strafe unter vier Jahren und nicht – wie es das Gericht verstanden hatte – für eine einjährige Freiheitsstrafe zur Bewährung plädiert zu haben. Eine Freiheitsstrafe unter zwei Jahren sei bei diesen Delikten gar nicht möglich gewesen, erklärte Richterin Wetzel. / ml

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