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Advent in der Nachkriegszeit: Als Kinder das Mehl beim Schneider suchten

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Schlüchtern - Weihnachtszeit, schöne Zeit. Das galt auch schon in den entbehrungsreichen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Stadtarchivar Bernd Ullrich erinnert sich an ein schönes Suchspiel, das die Schlüchterner Kaufleute dereinst für die Kinder angeboten hatten. Und Heimatdichter Hermann Hüniche (Hann-Kuhrt) hat dies in einem Gedicht verewigt.

Von unserem Redaktionsmitglied Tim Bachmann

„Es gab in der Vorweihnachtszeit in Schlüchtern ein tolles Suchspiel für uns Kinder“, berichtet Bernd Ullrich. „Auch die Erwachsenen waren mit Eifer dabei, denn sie konnten hierbei erfahren, was wir uns so zu Weihnachten wünschten“, erinnert sich der Schlüchterner Stadtarchivar.

In vielen Geschäften waren in den Schaufenstern Gegenstände ausgestellt, die dort eigentlich nicht verkauft wurden. Ein Pfund Mehl beim Schneider, Butter beim Metzger, vielleicht Schrauben und Nägel beim Bäcker oder ein Laib Brot beim Friseur?

„Diese Gegenstände musste man in einer Liste vermerken. Und wenn alles ausgefüllt war, wurde der Zettel in einem Geschäft abgegeben“, berichtet Ullrich von der Zeit, als sich die Kinder im wahrsten Wortsinne in den Schlüchterner Straßen und Gässchen an den Schaufenstern die Nasen plattdrückten. Und die Kleinen machten das nicht nur aus Jux und Dollerei, denn wenn ihre Beobachtungen alle richtig waren, wurden sie mit einem „süßen“ oder einem anderen Geschenk belohnt. Wäre das nicht eine Idee, die der Wito aufgreifen könnte?

„Weil wir Kinder uns an den Schaufenstern lange aufhielten und auch die Nase plattdrückten, hat Hermann Hüniche ein passendes Gedicht hierzu geschrieben“, erzählt der Stadtarchivar.

Dieses Vorweihnachtsgedicht des beliebten Heimatdichters in Schlüchterner Mundart verfasst, hat Bernd Ullrich für die Nachwelt gerettet. Und wir wollen es Ihnen, liebe Leser, natürlich nicht vorenthalten.

Zu de Löäde mit de Sache,

bu of Chrestdoag Freude mache,

schloage Lichtgirlande Bröcke.

Ville klänne Kenn, die dröcke,

ich kann’s annescht niet beschreiwe,

sich als on de Loadescheiwe

Doag für Doag die Noase platt.

Jo, doa wüed manch Scheibe matt.

En de Aache on Gesichter

strahle schoat die Weihnoachtslichter,

on die Klänne denke sich:

Doas krich ich ... on doas krich ich!

On doas ... doas ... doa ganz owe

Wüed aach für mich aufgehowe!

Köhm es Chrestkennje doch ball

On bröächt mir die Sache all!

Kennerherze baue Bröcke

Bis in’ Himmel zu de Stern ...

On of Chrestdoach Kenn beglöcke,

ber noch Herz hoat, der duht’s gern.

Hann-Kuhrt

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