Die Grafik zeigt die Trassenvariante IV mit einer Talbrücke südlich von Niederzell.
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Die Grafik zeigt die Trassenvariante IV mit einer Talbrücke südlich von Niederzell.

Contra für „schlängelnde Schlange“

Neubaustrecke Hanau–Fulda: Bürgerinitiative stellt sich gegen Kinzigtal-Trasse

  • Alexander Gies
    vonAlexander Gies
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Egal, ob die Trassenvariante IV, V oder VII oder sonst eine, die Bürgerinitiative (BI) „Oberes Kinzigtal“ positioniert sich im laufenden Raumordnungsverfahren klar gegen jedwede Lösung, die irgendwo durch das Kinzigtal führt.

Niederzell - Dies stellen Vorsitzender Andreas Uhlmann aus Niederzell und Vorstandsmitglied Dirk Handwerk aus Steinau im Gespräch mit unserer Zeitung heraus. Sie treten für eine Alternativlösung ein.

Alternativvorschlag

Die Bürgerinitiative Oberes Kinzigtal hat eine „nachhaltige“ Alternativtrasse entwickelt, die das Kinzigtal gar nicht berührt und ihrer Ansicht nach weitere Vorteile besitzt. Der Vorschlag sieht vor, die Züge von Fulda aus zunächst 55 Kilometer über die bestehende und nicht ausgelastete ICE-Schnellbahntrasse Richtung Würzburg zu führen. In Höhe Rieneck würde die Trasse nach rechts über Partenstein, Neuhütten nach Aschaffenburg abzweigen und schließlich Hanau erreichen.

Die Trasse sei zwar 55 Kilometer länger, vertrage aber höhere Geschwindigkeiten, so dass die Fahrtzeit nur vier bis fünf Minuten länger sei als bei der Kinzigtal-Variante. Als Vorteil wertet die BI, dass diese Lösung dem Wirtschaftsraum Fulda, Würzburg, Aschaffenburg und Rhein-Main zugute komme.

Außerdem sei die Bauzeit wesentlich kürzer und das Projekt billiger. Statt mit 20 Dämmen, sechs Brücken und 13 Tunneln wie jetzt vorgesehen, komme diese Strecke mit vier Dämmen, einer Brücke und zwei Tunneln aus. Diese Alternative will die Bürgerinitiative als Stellungnahme in das Raumordnungsverfahren einbringen.

Trasse durchs Kinzigtal: „Schwerster und nachhaltigster Eingriff“

Die beiden vertreten rund 70 Mitglieder und viele weitere Unterstützer aus dem Bergwinkel. Das Bemühen der Bahn, die Verbindung zwischen Fulda und Hanau zu verbessern, das begrüßen sie zwar. Ansonsten halten sie „die schlängelnde Schlange“, welche die Bahn wechselweise auf der westlichen und östlichen Seite durch das Kinzigtal drapieren möchte, für „den schwersten und nachhaltigsten Eingriff, den man sich denken kann“. Und dabei sei es auch egal, welche der derzeit favorisierten Lösungen man sich anschaue.

Dirk Handwerk (Vorstandsmitglied, links) und Andreas Uhlmann, Vorsitzender der „Bürgerinitiative Oberes Kinzigtal“.

Die Bauzeit von geschätzt zehn Jahren sei zu lang, die Kosten exorbitant und die Trasse „nicht zukunftsfähig“. Denn sie schöpfe die Höchstgeschwindigkeiten der ICE-Züge nicht aus und verbinde die entscheidenden Wirtschaftsräume nicht. Uhlmann, der in Niederzell in Sichtweite der etwa 650 Meter langen und etwa 32 Meter hohen Talbrücke leben würde, betont, das Kinzigtal sei durch Autobahn, Bahntrasse, Fluglärm, Strom- und Gastrassen ohnehin schon arg gebeutelt.

Bahnstrecke würde landwirtschaftliche Flächen vernichten

Bedeutende landwirtschaftliche Flächen würden durch die Bahnstrecke vernichtet, das harmonische, mittelgebirgstypische Landschaftsbild verschandelt. „Wir haben hier etwas Besonderes, unseren Lebensmittelpunkt, den wollen wir erhalten“, betont der 39-jährige Familienvater. Und erwähnt dabei die schöne Auenlandschaft, in der er vom Küchenfenster aus manches Mal 40 oder 50 Störche beobachten könne.

Welche Folgen die Pläne schon jetzt zeitigen, das hat Uhlmann in der Nachbarschaft erlebt. Dort sei ein Kaufinteressent für ein Baugrundstück abgesprungen, als dieser von den Trassenplänen gehört habe. Handwerk ergänzt, dass die Bahntrasse auch für den wichtiger werdenden Tourismus schädlich sei. „Eine Trasse durch das Kinzigtal schreckt mehr ab, als sie anlocken würde“, ist er überzeugt. Uhlmann wird ganz grundsätzlich: „Jede Trasse durch das Kinzigtal bringt mehr Belastung, aber keine Entlastung für uns.“

Geringerer Bahnlärm sei kein Argument

Er denkt dabei nicht nur an den Anblick der Brücke, wenn diese einmal fertig gestellt sein sollte, „schon allein das, was wir während der Bauzeit erleiden würden, ist unvorstellbar“, ist er überzeugt. Jeder Tunnel benötige während der Bauphase ein zehn Hektar großes Baufeld für Logistik, Tunnelbaumaschinen, Containerdörfer oder ein Betonwerk. Der Baustellenverkehr werde massiv das Leben im Dorf beeinträchtigen, gar nicht zu reden vom Tunnelaushub, der in gigantischen Mengen anfallen würde.

Den Berechnungen der Bahn, der Bahnlärm werde in Zukunft entlang der Strecke zumeist geringer ausfallen, traut er nicht. „Eventuell sind die Züge ja tatsächlich weniger laut zu hören als heute, aber sie verkehren dann häufiger als jetzt. Denn der Güterverkehr soll sich in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Dann höre ich jede Viertelstunde einen Güterzug statt heute einmal pro Stunde“, argumentiert Uhlmann. Auch sei bei den Berechnungen nicht berücksichtigt worden, dass ohnehin ab nächstem Jahr die Flüsterbremse an den Güterwaggons Pflicht sei, es also auch ohne Extra-Lärmschutz leiser werde.

Beteiligen

Noch bis zum 30. September kann jedermann seine Stellungnahme zur geplanten Eisenbahn-Neubaustrecke Gelnhausen–Kalbach abgeben. Die Unterlagen für das Raumordnungsverfahren sind auf der Homepage des Regierungspräsidiums Darmstadt zu finden. Die Stellungnahmen können dort über eine Online-Beteiligungsplattform abgegeben oder per E-Mail und Post oder zur Niederschrift beim RP Darmstadt (Dezernat 31.1, Wilhelminenstraße 1-3, 64283 Darmstadt) eingereicht werden.

Darüber hinaus sind die Antragsunterlagen in den Rathäusern und Kreisverwaltungen der von der Planung betroffenen Gebietskörperschaften einsehbar.

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