Fotos: Archiv Familie Kopp

Bilder aus Opas Schatzkiste helfen bei der Rekonstruktion einer Familiengeschichte

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Schlüchtern/Mottgers - Werner Kopp war nicht ganz sieben Jahre alt, als er den Ort, in dem er geboren wurde, verlassen musste. Mit seiner Mutter und sechs Geschwistern musste er sich auf eine schwere Reise machen. Familie Kopp wurde, ebenso wie mehr als drei Millionen Sudetendeutsche, nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat im heutigen Tschechien vertreiben.

Von Roland Bauernschubert

Ohne den Vater und den ältesten Bruder – die beiden waren im Krieg gefallen – mussten die Kopps 1946 ihr Heimatdorf Kamenná (deutsch: Steine) verlassen. Das damalige Durchgangslager in Mottgers war nach der Tortour der Vertreibung eine erste Bleibe, bevor bald danach Steinau zur neuen Heimat für die Familie werden sollte.

Nicht weit von Kamenná entfernt, in Nová Ves (Neudorf), war Familie Richter vom selben Schicksal betroffen. Mit Eltern und Geschwistern hatte sich die damals vierjährige Irma am 28. März 1946 um 7 Uhr vor dem Gasthaus einzufinden, „zur Umsiedlung in die amerikanisch besetzte Zone“, wie es hieß.

50 Kilogramm Gepäck pro Person, darunter Proviant für eine Woche und Bettzeug, war alles, was sie mitnehmen durften. Den ganzen, großen Rest ihrer Existenz mussten die Menschen einfach zurücklassen. Viele Jahre später dann lernte Irma Richter als junge Frau in Steinau Werner Kopp kennen.

Anstoß zur Aufarbeitung gaben die Kinder

Das kuriose: Gerade mal 45 Kilometer liegen zwischen den Orten, in denen die beiden ihre nur kurzen Kindheiten in Mährisch-Trübau verbrachten, um sich 700 Kilometer entfernt davon viele Jahre später in der neuen Heimat zu begegnen, zu verlieben und eine Familie zu gründen.

Die Kinder aus dieser Ehe, Sabine, Matthias und Susanne, waren neugierig auf die bewegte Geschichte ihrer Eltern und wollten alles über die eigenen Wurzeln erfahren. Zum Glück hatten die Großeltern viele Dokumente, eingenäht in das Futter ihrer Jacken und Mäntel, mitgenommen, als man sie aus ihren Häusern vertrieb.

Zeitreise Richtung Prag und Karlsbad

Anhand dessen und mit Hilfe vieler Bilder aus den Zeiten in Mährisch-Trübau konnte die nun dritte Generation die Familiengeschichte der Kopps und Richters gut rekonstruieren. Um all das aber begreifbar zu machen, begaben sich die Kopps im Jahr 2013 auf eine „Zeitreise in die Vergangenheit“: Sie machten sich auf den Weg in die alte Heimat. Über Prag und Karlsbad ging die Fahrt nach Neudorf und Steine.

Das Ergebnis der Reise ist eine Bildersammlung, die von den Geschwistern Matthias Kopp, Sabine Baist und Susanne Kopp mit professioneller Hilfe zu einer kurzweiligen und informatiiven Präsentation zusammengefügt und vertont wurde, und die jetzt auf Einladung der Europa-Union Schlüchtern-Gelnhausen im Gasthaus „Eckebäcker“ vorgetragen wurde.

Bildpräsentation als Rückblende

Zu sehen sind die Kopps beim Familienurlaub, aktuelle Aufnahmen der ehemaligen familiären Besitztümer in den Orten Neudorf und Steine. Und die Präsentation gibt einen Eindruck vom heutigen Leben in Mährisch-Trübau. Mit den „Bildern aus der Schatzkiste des Großvaters“, wie Sabine Baist (geborene Kopp) sagt, und den vielen historischen Dokumenten wird die Bildersammlung zu einer spannenden „Konfrontation von Geschichte und Gegenwart“.

Die Reise und die daraus entstandene vertonte Bildpräsentation biete eine Rückblende in die Zeit vor der Vertreibung der Großeltern, erklärte Sabine Baist bei der Vorstellung der Bilderimpression. Diese sei „beispielhaft zutreffend auf viele Familien, die das gleiche Schicksal erlebten“.

Familiengeschichte hat den Nerv getroffen

Das überwältigende Zuschauerinteresse an dem Vortrag und die anschließenden begeisterten Rückmeldungen bestätigten, dass die rund fünfzigminütige mediale Zeitreise durch die Familiengeschichte der Kopps und Richters den Nerv vieler getroffen hat, die von der Vertreibung der Sudetendeutschen berührt sind.

Ziel der Veranstaltung war laut Thomas Schneider, Vorsitzender der Europa-Union Schlüchtern-Gelnhausen, den Themenschwerpunkt Migration einmal aus einer etwas anderen Richtung anzugehen: „Sozusagen von Seawatch zur erlebten Vertreibung im eigenen Umfeld.“ Werner Kopp ist seit vielen Jahren Mitglied der Europa-Union.

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