In seinem Element: Christoph Paul beim Restaurieren eines Flügels.
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In seinem Element: Christoph Paul beim Restaurieren eines Flügels.

Tischler, Tüftler, „Klang-Chirurg“

Christoph Paul hat sich als Klavierbauer seinen Lebenstraum erfüllt

Christoph Paul (34) hat einen Beruf, den sicherlich nicht viele erlernt haben. Er ist Klavierbauer. Anfang Mai eröffnete er seine neuen Verkaufsräume mit Werkstatt. Auf diese Verwirklichung seines Lebenstraums hat er zehn Jahre lang hingearbeitet. Doch die Eröffnungsfeier muss er wegen Corona verschieben.

  • Christoph Paul ist Klavierbauer von Beruf. Damit hat er sich einen Lebenstraum erfüllt.
  • Anfang Mai hat er seine eigene Werkstatt in Elm eröffnet.
  • Die Ausbildung hat den 34-Jährigen in viele verschiedene Städte geführt.

Elm - Alles fing einst damit an, dass der Großvater seinem Vater einen Flügel von Grotrian-Steinweg schenkte und der zehnjährige Christoph ständig sein Ohr auf den Flügeldeckel legte, eine Taste anschlug und dem herbeigezauberten Klang lauschte. „Ich war von diesen Klängen mehr gefesselt als von allem anderen im Leben“, erinnert er sich. Später brachte er sich selbst Klavierspielen bei.

Nach zehn Jahren Arbeit verwirklicht sich Christoph Paul seinen Lebenstraum

Mit dem Besucher schlendert er durch die Ausstellung in der oberen Etage des großen Gebäudes. Die edlen, dunklen Instrumente bilden einen starken Kontrast zu den weißen Wänden. Die klaren Linien der schwarz-spiegelnden Klaviere und Flügel werden durch die Gemütlichkeit der Möbel aufgehoben. Paul setzt auf Authentizität und verzichtet auf Kronleuchter und Tapisserien, die oft Klavierläden zieren.

Enthusiastisch erzählt er von neuen oder von ihm wieder aufbereiteten Instrumenten berühmter Firmen: Grotrian-Steinweg, Bechstein, Steinway & Sons. Auf einmal setzt er sich an ein Piano und spielt versunken, dann recht lebhaft neo-romantische Klänge. „Jedes hat seine eigene Seele und klingt anders, Klavier ist meine große Leidenschaft. Ich bin froh, beruflich das machen zu können, was ich liebe“, meint er. „Manchmal, wenn ich spiele, bin ich vom Klang überwältigt und mir kommen die Tränen.“

Klavierbauer sind Tischler, Feinmechaniker, Tüftler und „Klang-Chirurgen“ in einer Person.

Über eine Wendeltreppe erreicht man die riesige Werkstatt des Herrn der Tasten, Hämmer und Saiten. Dort erläutert Paul, wie er alte Klaviere und Flügel aus dem 19. und 20. Jahrhundert restauriert. Er rekonstruiert sie so original wie möglich und macht sie lebendig: „Wenn sie verstaubt irgendwo herumstehen, leben sie ja nicht.“ Gerade verbrachte er 300 Arbeitsstunden mit dem Piano einer Kundin. „Ihr Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater erstand es 1885“, erzählt er und zeigt ein Foto der glücklichen Frau vor dem erneuerten Instrument.

Tischler, Feinmechaniker, Tüftler und „Klang-Chirurg“

Dann erklärt Paul, wie man den Resonanzboden eines alten Flügels wieder herrichtet, der zahlreiche Risse aufweist. Zunächst erhitzt er ihn tagelang mit trockener Luft, damit neue Risse entstehen. „Das Teil bekommt danach niemals wieder Risse“, sagt er. Dann fräst er alle Furchen nach und füllt sie mit feinjährig gewachsener Fichte aus. Er lässt den Besucher an einem bernsteinhaltigen Lack nach alter Rezeptur schnuppern, mit dem er später den Klangkörper versiegeln wird.

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Nach dem Abitur studierte Paul an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung bis zum Vordiplom. Dabei setzte er in künstlerischen Aktionen stets Pianoklänge ein. Doch dann lernte er, was er immer wollte: Klaviere bauen. Sein enormes technisches Wissen eignete er sich in der dreieinhalbjährigen Ausbildung in Leipzig, Frankfurt und Ludwigsburg an sowie in drei weiteren Jahren als staatlich geprüfter Klavierbauer bei der renommierten Firma Kreisel (Nürnberg und Fürth). Er ist nicht nur Tischler, sondern vor allem Feinmechaniker, Tüftler und „Klang-Chirurg“ – bei einem Stimm-Wettbewerb belegte er einmal den dritten Platz.

Corona-Krise beschert Zeit für neugeborenen Sohn

Vor vier Jahren kam Christoph Paul zurück nach Schlüchtern und ist seitdem selbstständig: Er stimmt, repariert und verkauft neue oder gebrauchte Pianos. Bei Konzertdiensten lernte er von Patty Smith bis Götz Alsmann viele prominente Persönlichkeiten kennen. Mittlerweile hat er bereits über 500 regionale Kunden.

Die Entschleunigung der Corona-Krise kam ihm entgegen, so hatte er Zeit für den Umzug und die Gestaltung der neuen Räume – ebenso für seine Familie, denn unlängst wurde Sohn Joseph geboren. „Das Eröffnungsfest wird nachgeholt“, meint der Klavierbauer zum Abschied.

hwk

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