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Main-Kinzig-Kreis: Todkranke Mutter nimmt Hörbuch für ihre Familie auf

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„Ich wollte unbedingt noch einmal das Meer sehen“: Corinne Kasan mit ihren beiden Kindern an der Küste.
„Ich wollte unbedingt noch einmal das Meer sehen“: Corinne Kasan mit ihren beiden Kindern an der Küste. © privat

Corinne Kasan ist verheiratet, hat zwei fünfjährige Töchter und ist unheilbar an Krebs erkrankt. Was ihr am meisten wehtut, ist der Gedanke, dass ihre Kinder ohne sie aufwachsen werden. Als letztes Geschenk für ihre Familie hat die 35-Jährige aus Freigericht-Somborn nun ihr Leben in einem Hörbuch erzählt.

Freigericht - Eingehüllt in einen dicken Mantel, steht Corinne Kasan auf der Terrasse ihres Elternhauses, in dem sie mit den Kindern und ihrem Mann lebt. Unlängst ist Kasan vom bislang letzten ihrer vielen Klinikaufenthalte zurückgekehrt. Von der Bestrahlung ist sie noch geschwächt. Eine Infektion mit Corona will sie nicht riskieren, nimmt es stattdessen auf sich, in der Kälte über das Projekt zu sprechen, mit dem sie verhindern will, dass ihre Angehörigen sie vergessen. Es ist ihr wichtig, dass andere todkranke Mütter oder Väter von der Hörbuch-Initiative erfahren.

Fast aus dem Nichts heraus erhielt die 35-Jährige aus dem Main-Kinzig-Kreis im Mai 2021 die Diagnose Nebennierenkarzinom. Mit ein bis zwei Fällen auf eine Million Menschen handelt es sich um einen äußerst seltenen Tumor. „Eine standardisierte Behandlungsmethodik gibt es für mich nicht mehr“, sagt die 35-Jährige. Glaubt man der Statistik, wird sie dieses Jahr nicht überleben.

Main-Kinzig-Kreis: Todkranke Mutter nimmt Hörbuch für ihre Familie auf

Eine OP, zwei Zyklen Chemotherapien und etliche Immuntherapie-Zyklen bleiben ohne Erfolg. Jetzt versuchen die Ärzte, den Krebs durch Bestrahlungen aufzuhalten. Wie viel Zeit sie noch hat, fragt Corinne Kasan die Mediziner nicht mehr. „Meine Prognose ist wirklich schlecht.“ Aufgeben will sie sich dennoch nicht. (Lesen Sie hier: Schwere Momente in der Notaufnahme: Ärztin vom Eichhof Krankenhaus schreibt Buch über ihre Arbeit)

„Die Therapieversuche, die Behandlungen – all das würde ich nicht auf mich nehmen, wenn ich nicht die Hoffnung hätte, zumindest etwas länger leben zu können.“ Die Momente, die ihr noch bleiben, will sie mit der Familie so intensiv wie möglich verbringen. Alles andere ist für sie bedeutungslos geworden.

Der Gedanke, dass ihre Töchter ohne sie aufwachsen müssen und sich irgendwann nicht mehr an sie erinnern könnten, war für Corinne Kasan nach der Diagnose das Schlimmste. Schon jetzt erkennen die Zwillinge ihre Mutter nicht mehr auf den Fotos, die vor der Krankheit entstanden sind.

Um zu verhindern, dass die Töchter ihre Stimme vergessen, fing Corinne Kasan kurz nach der Diagnose an, Kassetten zu besprechen. „Ich bin total unstrukturiert vorgegangen, und bin dabei vom Hundertsten ins Tausendste gekommen.“ Eine Freundin wurde auf das Projekt „Familienhörbuch“ aufmerksam. Corinne Kasan nahm Kontakt auf und erhielt Unterstützung von Profis.

Die gemeinnützige Initiative „Familienhörbuch“ unterstützt todkranke Eltern minderjähriger Kinder beim Erstellen einer Audiobiografie – und das komplett kostenlos. Die Kölner Radiojournalistin Judith Grümmer hat das Projekt ins Leben gerufen. 2017 wurden dank der Förderung der Rhein-Energie-Stiftung die ersten 25 Hörbücher produziert. Nach dem Tod des Vaters oder der Mutter helfen diese den Hinterbliebenen vor allem den Kindern beim Trauern.

Corinna Kasan zu ihrem Hörbuch: „So kann ich meine Familie noch begleiten“

Doch auch für die Erkrankten selbst sei die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit eine wichtige Erfahrung, betont Kasan. Auch wenn die Krankheit die vergangenen Monate dominiert hat: „Es gibt so viele schöne Momente, die ich mit meinem Mann und meinen Kindern erlebt habe und für die ich zutiefst dankbar bin.“

Gemeinsam mit einer ausgebildeten Biografin überlegte sich Corinne Kasan eine Reihe von Themen. Darunter die Idee, auf Fragen zu antworten, die ihre Töchter später womöglich stellen. „Wer waren meine Eltern? Wie waren meine Kinder als Babys? Habe ich Mathe in der Schule genauso wenig gemocht wie sie?“ Nur eins der Kapitel beschäftigt sich mit der Krankheit, denn diese „war nicht das, was mich ausgemacht hat“.

Die langen Interviews mit der Biografin haben ihr geholfen, ihre Gedanken zu sortieren, sagt die Sombornerin. „Das geht einfach nicht allein.“ Dennoch war sie in allen Entscheidungen frei. Nachdem das Skript stand, schickte die Initiative ihr ein Aufnahme-Set nach Hause. Ein Tontechniker half bei Mikrofon und Rekorder. Als sie ihren Text aufgesprochen hatte, schickte sie das Paket zurück nach Köln.

Knapp zwei Monate später liegt das fertig geschnittene Hörbuch vor. Es sind fünf Stunden geworden. „Ich hätte sicherlich noch zehn weitere Stunden erzählen können, aber es soll nicht anstrengend sein.“ Und es soll laut sein, zumindest am Ende. Mit Musik am Schluss. „Sonst merkt ja keiner, dass man dagewesen ist“, sagt Kasan.

Video: Immunisierung gegen Krebs: Forscher entwickeln Tumor-Impfstoff

Sie ist einerseits erleichtert und glücklich, denn „es war wie eine Therapie, über mein Leben zu sprechen“. Andererseits ist es schmerzhaft, die Aufnahme zu hören: „Es klingt so, als wäre mein Leben vorbei. Aber das ist es ja noch nicht.“

Im Nachwort sagt sie ihren Familienangehörigen: „Es ist mir wichtig, dass ihr euch sicher seid, dass ich euch von ganzem Herzen liebe. Dass ich glücklich bin, dass ich alles hatte, was ich mir gewünscht habe. Ich liebe euch, macht’s gut.“ Das Hörbuch soll ihre Familie ein Leben lang begleiten. „So kann auch ich sie in gewisser Weise begleiten. Diesen Gedanken finde ich wunderschön.“ (von Matthias Abel)

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