Die „Fieber-Ambulanz“ des Ärzte-Ehepaars Bolender in der Schlüchterner Grabenstraße.
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Die „Fieber-Ambulanz“ des Ärzte-Ehepaars Bolender in der Schlüchterner Grabenstraße.

Ermüdung und Erschöpfung

Wie Arztpraxen mit Corona umgehen: „Fieber-Sprechstunde“ nur in Vollschutz und weniger Mittelohrentzündungen

  • Hanns-Georg Szczepanek
    vonHanns-Georg Szczepanek
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Wenn Menschen im Bergwinkel oder Blauen Eck erkranken oder Sorge haben, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, wenden sie sich selten an die Charité in Berlin oder die Uniklinik Frankfurt, sondern zunächst mal an die Ärzte vor Ort. Wie die Lage an dieser „Front“ derzeit ist, hat unsere Zeitung in Arztpraxen im Raum Schlüchtern erfragt.

Region - Schon im Sommer hat der Schlüchterner Allgemeinmediziner Thomas Degenhardt registriert, dass deutlich weniger Patienten mit der sogenannten Sommergrippe in die Praxis kamen. Die öffentliche Diskussion über Corona und die dabei oft wiederholten Hygieneregeln hatten nach Ansicht des Mediziners zur Folge, dass es in diesem Herbst deutlich weniger virale Erkältungskrankheiten als sonst zu dieser Jahreszeit gegeben hat.

Der seit 1995 in der Bergwinkelstadt niedergelassene Arzt hat sich aber auch mit bislang unbekannten Begehrlichkeiten konfrontiert gesehen. So hätten etliche Patienten um ärztliche Atteste gebeten, die sie vom Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes entbinden. Derlei Anfragen seien aber meistens abzulehnen, denn eine solche Ausnahme sei nur in ganz seltenen Fällen medizinisch geboten. (Lesen Sie hier: Impfstoff gegen Corona erreicht Main-Kinzig-Kreis am 26. Dezember)

Wie Arztpraxen in der Region mit Corona umgehen

Dies bestätigt sein Berufskollege Dr. Nikolaus Wawra, der zusammen mit Dieter Schott in Sterbfritz als Hausarzt tätig ist. Bei manchem Lungenpatienten könnte ein solches Attest angezeigt sein, aber selbst da nicht in jedem Fall. Einen zahlenmäßigen Rückgang an Patienten kann Wawra nicht bestätigen. Allerdings ist ihm aufgefallen, dass mehr Menschen mit Bagatellerkrankungen die Praxis aufsuchen, weil sie verunsichert sind, ob sie nur erkältet sind oder eventuell eine Corona-Infektion vorliegt. Mit Blick auf den Faktor Zeit haben laut Wawra die Beratungen am Telefon stark zugenommen.

Wie andernorts auch, haben die beiden Ärzte in Sterbfritz eine separate Fieber-Sprechstunde eingerichtet, in der Patienten mit coronaverdächtigen Symptomen untersucht werden. Dafür wurden eigens Räume im Keller des Arzthauses hergerichtet. Den Anteil tatsächlich mit Covid-19 infizierter Patienten schätzt er auf etwa ein Fünftel.

Gearbeitet wird dort meist in Vollschutz-Montur, was Wawra als deutlich anstrengender als den regulären Ablauf bezeichnet. Nach zahlreichen Wochen in diesem Modus mache sich bei Ärzten und medizinischem Personal eine „gewisse Ermüdung und Erschöpfung“ bemerkbar.

Komplett ausgelagert hat das Schlüchterner Ärzte-Ehepaar Dr. Myriam und Dr. Claus Bolender einen Großteil ihres Praxisbetriebs. Sie haben mit Genehmigung der Stadt auf einem Parkplatz nebenan in der Grabenstraße vier Container aufgestellt, wo sie eine „Fieber-Ambulanz“ betreiben. Diese funktioniert nach dem Einbahn-Prinzip und bietet auch dadurch größtmöglichen Schutz für Patienten und Personal.

Bescheinigungen oder Rezepte können durchs Fenster ausgehändigt werden, sodass ein Betreten der Container nicht zwingend erforderlich ist. Der HNO-Facharzt Dr. Norbert Staab bestätigt auf Anfrage, dass er selten so wenige Kinder mit Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten oder zum Beispiel mit einer Mittelohrentzündung zu behandeln gehabt hat wie in diesem Jahr. Die Hygiene- und Abstandsregeln, die oftmals gerade von Kindern sehr gewissenhaft befolgt werden, zeigten hier offenkundig Wirkung.

Weniger Patienten mit Sommergrippe und Mittelohrentzündung

In die Gemeinschaftspraxis in der Lotichiusstraße kämen derzeit jedenfalls im Vergleich zu den Vorjahren weniger Patienten, konstatiert der Mediziner. Dies sei auch verständlich, denn die Menschen würden sich ungern einem vermeidbaren Infektionsrisiko aussetzen wollen; zumal, wenn es Vorerkrankungen gibt. Das Risiko bestehe aber oft weniger in den Arztpraxen, sondern eher auf dem Weg dorthin.

Unerfreulich ist für Norbert Staab, dass er durch die pandemiebedingt starken Einschränkungen im Krankenhaus Schlüchtern als HNO-Belegarzt nicht wie gewohnt hat operieren können. Dies sei nur stark reduziert möglich. Negative Auswirkungen seien dabei kaum vermeidbar. Hierzu nennt Staab ein übergeordnetes Beispiel. Nach seiner Kenntnis habe es in diesem Jahr wohl bundesweit circa ein Drittel weniger Herzkatheter-OPs gegeben. „Allerdings ist auch die Zahl der Herz-Kreislauf-Toten um etwa ein Drittel gestiegen“, setzt er zwei Entwicklungen in einen möglichen Zusammenhang.

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