Burkhard Kling ist Leiter der Museen in Steinau und spricht im Interview über ausgefallene Ausstellungen im Corona-Lockdown.
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Burkhard Kling ist Leiter der Museen in Steinau und spricht im Interview über ausgefallene Ausstellungen im Corona-Lockdown.

Burkhard Kling berichtet

Kultur in Corona-Zeiten - Interview mit Leiter der Steinauer Museen: „Wir haben mehrfach Pech gehabt“

  • Anke Zimmer
    vonAnke Zimmer
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Museen in Zeiten der Corona-Pandemie – das ist ein eigenes Thema. Trotz ausgetüftelter Hygienepläne mussten die Häuser in beiden Lockdowns schließen - auch die Museen in Steinau.

Steinau an der Straße - Nicht nur die Museen in Steinau an der Straße blieben im Corona-Lockdown geschlossen, auch so manch eine Ausstellung fiel aus, wie Burkhard Kling, Leiter der Museen in Steinau an der Straße, im Gespräch erzählt.  

Wenn Sie an das Jahr 2020 und an den ersten Corona-Lockdown denken, was fällt Ihnen da spontan ein?
Wir haben mehrfach Pech gehabt. Der gesamte Ausstellungsplan wurde ein anderer, Ausstellungen fielen aus, ebenso die Erzählabende oder der Internationale Museumstag, es gab keinen Märchensonntag, kein Märchenspiel. Eine ganze Reihe von Projekten wurde vorbereitet, aber ob die jemals realisiert werden können, ist eine andere Frage.
Das heißt aber auf der anderen Seite, alles, woran Sie gearbeitet haben, wurde nicht vollends verworfen, sondern liegt zumindest auf Halde?
Mehr oder weniger. Für 2020 hatten wir eine Ausstellung zum 70. Geburtstag des Künstlers Clemens Strugalla vorgesehen. Der Bildhauer ist im Frankfurter und Mainzer Raum sehr bekannt, und er hatte sich gewünscht, seine Geburtstagsausstellung bei uns zu machen. 

Corona-Lockdown: Museen sind geschlossen - Interview mit Burkhard Kling über abgesagte Ausstellungen

Steinau an der Straße statt Frankfurt?
Er schätzt unser Haus und mag das Ambiente hier sehr. Die gedruckten Einladungskarten habe ich alle hier bei mir liegen. Da ist viel Geld ausgegeben worden für Dinge, die nie gemacht werden konnten. 
Oh je.
Die Schau sollte von 29. März bis zum 7. Juni gehen. Der 7. Juni ist der Geburtstag von Herrn Strugalla, hier sollte an dem Tag eine große Veranstaltung stattfinden. Das ging eben nicht. Außerdem zeigten wir 2020 die sehr schöne „Hausgeister“-Ausstellung, die wesentlich kürzer lief als vorgesehen. Und die Schau hat nochmals gelitten, denn sie ist anschließend nach Neu-Isenburg gegangen. Dort wurde sie aufgebaut und kann nun nicht besucht werden, weil der zweite Lockdown kam.
Ähnliches Pech traf dann auch das Brüder-Grimm-Haus, oder?
Ja, und zwar mit der Robert-Sterl-Ausstellung. Sie lief gerade mal 15 Tage, dann mussten wir schließen. Es gibt zwar eine 3D-Dokumentation, abzurufen auf unserer Homepage unter www.brueder-grimm-haus.de, aber die ersetzt die Originale nicht. Ich bin mit den Leihgebern allerdings so verblieben, dass wir gemeinsam versuchen, die Ausstellung Ende nächsten Jahres zu zeigen.
Also 2022/2023?
Genau. Denn ich muss ja immer zwei oder drei Jahre im Voraus planen. Sie können sich sicher vorstellen, wie wegen Corona alles in Wanken geraten ist.
Oh ja.
Das trifft natürlich nicht nur uns. Ich hatte im letzten Jahr übrigens auch einen Plan B und Plan C und Plan D, und so ist es auch weiterhin.
Wie sieht es denn aktuell aus, was ist vorgesehen?
Eine Ausstellung mit dem Bühnenbildner Christoph Heyduck. Von ihm stammen die drei Dornröschen-Bühnenbildmodelle, die er in den 1960ern für die Staatsoper in Berlin erarbeitet hat und die hier bei uns ohnehin gezeigt werden. Heyduck ist Jahrgang 1927, und er hatte sich gewünscht, dass er zum Abschluss seines Arbeitslebens nochmal eine Ausstellung bekommt, die den Fokus auf eben diese Bühnenbilder legt, die damals für die Deutsche Staatsoper im Osten der Stadt entstanden. Berlin, also die Staatsoper, hat auch Interesse an der Schau bekundet. Ich habe jetzt erstmal die Eröffnung für Gründonnerstag geplant in der Hoffnung, dass die Museen, ähnlich wie die Theater, ab Ostern wieder besucht werden können. 

Diese positiven Erfahrungen hat Museumsleiter Burkhard Kling aus Steinau im Corona-Lockdown gemacht

Man muss abwarten...
Das ist ja das Schlimme: Man ist so gelähmt. Ich bestreite aber in keiner Weise den Sinn der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.
Gab es irgendeine gute Erfahrung?
Sie glauben gar nicht, wie viele Anrufe ich bekommen habe, vor allem vor Weihnachten, als die Arbeiten von Sterl hier noch hingen. Die Leute fragten, ob sie nicht doch mit ihrer Familie und Freunden ins Museum kommen könnten, ganz privat. Sie haben sogar Geld dafür geboten. Aber das konnte ich natürlich nicht machen. 
Dennoch dürfte es für Sie ein schönes Gefühl gewesen sein zu wissen, dass Sie und das Museum nicht einfach vergessen werden, nur weil die Türen wegen des Corona-Lockdowns zu sind.
Klar. Aber man arbeitet ja für ein Publikum, für Besucher. Das war übrigens toll nach dem ersten Lockdown. Bei wunderbarem Herbstwetter kamen so viele Gäste! Alle mit Begeisterung. Und wir haben den Wandel im Tourismus gespürt.
Inwiefern?
Viele, die vorher nach Gran Canaria geflogen sind, die sind jetzt in den Vogelsberg gefahren. Und dann auch zu uns gekommen. Das war schon eine Art Neubewertung. Aber die ist mit dem zweiten Lockdown praktisch wieder abgebrochen worden. Und von da an ging es in 14-tägigen Schritten zickzack. Immer hieß es: Ab dann oder dann geht vieles vielleicht wieder, oder später oder noch später. Und dann ging es doch nicht. Ich weiß nicht, ob das so geschickt war.  

Museumsleiter Burkhard Kling aus Steinau hofft auf Corona-Impfungen, um wieder öffnen zu können

Die Kritik kommt von allen Seiten: dass dieses Hin und Her im Herbst mehr geschadet hat, als wenn die Verantwortlichen Tacheles geredet und gesagt hätten: Bis Weihnachten ist alles dicht, und dann sehen wir weiter.
Das hätte ich auch besser gefunden, weil wir dann auf einen Punkt hin hätten arbeiten können. Mal sehen, was nun passiert. Bis Gründonnerstag hängt die Heyduck-Ausstellung, ob wir öffnen können, werden wir sehen. Anschließend wollten wir zu Strugallas 71. Geburtstag seine Schau eröffnen, zum 7. Juni. Später ist eine Schau mit Werken von Willi Tripp vorgesehen, ich müsste mit den Planungen für das Märchenspiel beginnen, soll mein Überstundenkonto ausgleichen (lacht). Es ist ein unbefriedigender Zustand. Aber das geht ja allen so. Die Euphorie ist da, aber sie wird flach gehalten. Wir wollen, aber wir können nicht. Das trifft auch auf die Besucher zu.
Hoffen Sie auf die Corona-Impfungen?
Auf jeden Fall. Auch wenn wir sicherlich weiter die Hygienekonzepte beachten müssen, wird es Öffnungen geben. Ich denke, wir werden auch noch lange Masken tragen. Aber das werden viele in Kauf nehmen, um wieder in Museen und in Theater gehen zu können. Denn das fehlt den Menschen.

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Ich denke auch, dass das Bedürfnis da ist. Nochmal zurück zu Sterl: Sie haben bei der Ausstellung auf Online gesetzt. Ist das etwas, was man mit in die Nach-Corona-Zeit nehmen kann?
Das schon, aber nur als Anreiz. Es ist kein hundertprozentiger Ersatz für die Begegnung mit den Originalen.
Wird die Kultur am Ende nach Corona mehr wertgeschätzt? Immerhin merken die Menschen jetzt, was ihnen fehlt.
Das kann sein. Die Entwicklung kann aber auch nach hinten losgehen. Ich habe die Frage schon gehört: Jetzt, wo ihr die Kultur lange nicht hattet, braucht ihr sie da überhaupt noch?
Wie geht es Ihnen bei all dem, sind Sie eher hoffnungsvoll gestimmt? Oder pessimistisch?
Ehrlich? Es gibt Tage, an denen ich losheulen könnte. Und es gibt Tage, da kommen tolle Ideen und Projekte auf mich zu, auf die ich mich freue.

Steinaus Museen

Das Brüder Grimm-Haus in Steinau an der Straße befindet sich im ehemaligen Amtshaus, in dem die Familie Grimm von 1791 bis 1796 lebte. Heute ist dort eine ständige Ausstellung zu den Brüdern Grimm zu sehen, ergänzt von Wechselausstellungen. Gegenüber in der Amtshofscheune befindet sich das Museum Steinau, das die Stadt als eine typische Station an der Handelsstraße darstellt.

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