Die Friseurmeisterin Nicole Pietsch ist Vorstandsmitglied der Friseurinnung im östlichen Main-Kinzig-Kreis.
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Die Friseurmeisterin Nicole Pietsch ist Vorstandsmitglied der Friseurinnung im östlichen Main-Kinzig-Kreis.

Corona im Kinzigtal

Friseure im Main-Kinzig-Kreis fordern Öffnung der Salons: „Die Branche ist nur noch enttäuscht“

Klaus Kleespies aus Burgjoß, Ehrenobermeister der Friseurinnung Gelnhausen-Schlüchtern, hat mit seiner Enkeltochter Luisa Pfeiffer, die inzwischen den familieneigenen Salon führt, einen Brandbrief an die Politik geschrieben. Die Vorstandsmitglieder der Innung, darunter etwa Friseurmeisterin Nicole Pietsch aus Oberzell, unterstützen ihn dabei.

Burgjoß/Sinntal - In einem eindringlichen Appell fordern Klaus Kleespies und Luisa Pfeiffer die Öffnung der Friseursalons, auch um ein Abwandern der Branche in die Schwarzarbeit zu verhindern. „Wir appellieren an alle politisch Verantwortlichen im Main-Kinzig-Kreis, dem Land Hessen sowie der Bundesrepublik Deutschland, sich dafür einzusetzen“, schreiben Kleespies und Pfeiffer. Friseurbetriebe beschäftigten deutschlandweit über 240.000 Mitarbeiter. Diese seien schon im ersten Corona-Lockdown von der rund sechswöchigen Schließung betroffen gewesen und müssten dies nun zum zweiten Mal erleben – mit bisher nicht absehbarem Ende.

Auch der amtierende Vorstand der Friseurinnung Gelnhausen-Schlüchtern fordert die Öffnung der Friseursalons zum 15. Februar. Die Sehnsucht der Bevölkerung nach einem frischen Haarschnitt sei nach mehr als sieben Wochen Schließung nicht mehr aufzuhalten. „Wir Vorstandsmitglieder unterstützen den Brandbrief. Klaus Kleespies hatte die Idee dazu. Es ist höchste Zeit, dass sich etwas tut“, sagt Nicole Pietsch aus Oberzell. Die Friseurmeisterin betreibt das Haarstudio Nicole in dem Sinntaler Ortsteil. Seit Mitte Dezember verharrt auch ihr Salon erneut in der Schockstarre des Corona-Lockdowns. „Da ist keine Wut, keine Traurigkeit mehr, die Branche ist nur noch enttäuscht“, sagt sie.

Corona im Main-Kinzig-Kreis: Friseure fordern die Öffnung der Salons

Pietsch hat kein Verständnis dafür, dass die Salons schließen mussten. Keine Ansteckung mit dem Coronavirus sei bislang auf den Friseurbesuch zurückzuführen gewesen, die Hygienekonzepte funktionierten einwandfrei. Bange blickt die Sinntalerin auf den 11. Februar. Sie hofft, dass sie nach den nächsten Beratungen der Regierung grünes Licht bekommt und den Laden wieder aufschließen darf. Um sich über Wasser zu halten, hätten viele Friseure in den vergangenen Monaten an ihre Ersparnisse gehen müssen – aber diese seien endlich, bringt es Pietsch auf den Punkt.

Und dann ist da noch eine weitere Befürchtung: „Viele wandern in die Schwarzarbeit ab und die, die es nicht tun, wie meine Kollegin und ich, haben Angst, dass die Kunden nicht mehr in die Salons zurückkommen, sondern sich weiter ,schwarz‘ die Haare schneiden lassen“, sagt sie. Das befürchten auch Kleespies und Pfeiffer. „Die Beschäftigten befinden sich während der Schließung in Kurzarbeit. Die Löhne im Friseurhandwerk sind nicht gerade üppig. De facto bleibt den Friseuren nun nur ein geringes Kurzarbeitergeld, was oft nicht zum Überleben ausreicht“, beschreiben sie die Folgen des Corona-Lockdowns für ihre Branche und deren Angestellten.

Im Corona-Lockdown lassen sich viele die Haare „schwarz“ schneiden

Was weitgehend unbekannt sei: „In Salons ist es häufige Praxis, die angestellten Friseure mit Umsatzbeteiligung zu entlohnen. Der Basislohn ist dementsprechend gering und steigt mit dem erwirtschafteten Umsatz. Bei der Berechnung des Kurzarbeitergeldes wird jedoch nur der Basislohn als Berechnungsgrundlage herangezogen. Somit sinkt bei vielen Angestellten durch Bezug von Kurzarbeitergeld das Einkommen nicht auf 60 oder 67 Prozent, sondern ist noch viel geringer“, heißt es in dem Brief. Im Friseurhandwerk seien zudem viele geringfügig Beschäftigte tätig, für die in der Corona-Pandemie keinerlei Kurzarbeitergeld vorgesehen ist.

Hintergrund

Während Ehrenobermeister und Vorstand der Friseurinnung Gelnhausen-Schlüchtern in einem Brandbrief an die Politik, die Öffnung der Salons in der Corona-Krise fordern, hat andernorts ein Berufskollege mit einem ähnlichen Begehren vorerst einen Dämpfer erhalten:

Der hessische Verwaltungsgerichtshof hat am Freitag entschieden, dass Friseure weiterhin nicht öffnen dürfen. Anlass war der Eilantrag eines Friseursalon-Inhabers aus Seeheim-Jugenheim. Er hatte gegen die Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung geklagt, die vorerst bis zum 14. Februar gültig ist. Der Inhaber hatte seinen Antrag mit einem Verstoß gegen das Bestimmtheitsgebot und den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit begründet. Er habe besondere Auflagen und Schutzmaßnahmen in seinem Gewerbe ergriffen, die das Infektionsrisiko minimierten. Der Eilantrag wurde abgelehnt.

Ein bisschen Hoffnung regt sich in der Branche aber trotzdem: In einem Gespräch mit dem Magazin „Spiegel“ forderte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) unlängst demnächst kleinere Gewerbe wie Friseursalons wieder zu öffnen. Er sei aktuell für eine Verlängerung der Corona-Schutzmaßnahmen, finde aber, dass jene Maßnahmen zurückgenommen werden sollten, „die ganz offensichtlich keine Schutzwirkung entfalten“. Der Schwarzmarkt, der sich bei den Friseuren entwickelt habe, sei viel gefährlicher, als Friseurläden mit einem strengen Hygienekonzept die Öffnung zu erlauben, heißt es in dem Bericht.

Video: Friseure im Lockdown - So geht es einer Betroffenen

Anders als von der Politik versprochen, sei es den Friseurunternehmern – Stand jetzt – noch nicht möglich, Corona-Hilfen zu beantragen, da die Antragsformulare nicht zur Verfügung stünden. Zudem boome die Schwarzarbeit: in Küchen, Kellern, ohne Hygienevorschriften, Kontaktnachverfolgung und Steuerabgaben, mahnen sie. Sie teilen Pietschs Befürchtung, Kunden könnten dauerhaft abwandern. Und: „Das Infektionsrisiko wird mit einem andauernden Tätigkeitsverbot für Friseure nicht gemindert, sondern eher gefördert“, sagen sie.

Neben den erheblichen wirtschaftlichen Schäden für die betroffenen Friseurmeister und deren Beschäftigte blickt der Vorstand der Innung mit Besorgnis auf die Nachbarn in Österreich: „Unsere Kollegen dürfen zwar öffnen, dies aber unter der Voraussetzung, dass sowohl Kunde als auch Friseur einen negativen Corona-Test – nicht älter als 48 Stunden – vorweisen. Wir bitten inständig darum, eine solche Regelung für körpernahe Dienstleistungen in Deutschland genau zu überdenken, da die praktische Umsetzung solcher Auflagen infrage zu stellen ist.“ (dno, lq)

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