Frank Forst berät im Krisenstab der Kliniken zu allen wichtigen Fragen.
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Frank Forst berät im Krisenstab der Kliniken zu allen wichtigen Fragen.

Main-Kinzig-Kliniken

Krankenhaushygieniker vergleicht Corona-Lage mit chaotischen Fußballspielen: „Wir sind der Torwart“

Die Spitze des Main-Kinzig-Kreises hat die Corona-Lage zuletzt als „äußerst besorgniserregend“ bezeichnet und dabei insbesondere auf die knappen Kapazitäten in den Krankenhäusern verwiesen. Zur Situation an den Main-Kinzig-Kliniken spricht Krankenhaushygieniker Frank Forst, der in dieser Funktion den Ärztlichen Direktor und die Geschäftsführung berät.

Main-Kinzig-Kreis - Im Krisenstab der Main-Kinzig-Kliniken - dort sorgt Corona für massive Geldprobleme - berät Krankenhaushygieniker Frank Forst zudem bei Fragen zu Schutzausrüstung, Teststrategien, Quarantäneregelungen, Ressourcenverteilungen, Ausbruchsmanagement, Umsetzung ständig novellierter Empfehlungen des RKI und Organisation der Personalimpfungen in der Klinik in enger Abstimmung mit dem Main-Kinzig-Kreis. (Mit dem Corona-Ticker für den Main-Kinzig-Kreis bleiben Sie auf dem Laufenden.)

Die Main-Kinzig-Kliniken haben im Zuge der Pandemie die Zahl der Betten auf der Intensivstation von 21 auf 25 erhöht. Wie ist die aktuelle Auslastung?
Im Rahmen der Umstrukturierung angesichts der Corona-Pandemie haben wir aktuell zwölf Betten für Sars-CoV-2-Patienten zur Verfügung und 13 Betten für die übrigen Intensivpatienten. Im Bereich der Sars-CoV-2-Patienten liegt die Belegung aktuell schwankend zwischen neun und elf Patienten und damit in etwa auf dem gleichen Level wie zum Gipfel der zweiten Welle. Dies bedeutet aber auch, dass wir im Bereich der Non-Covid-Patienten aktuell mit 13 statt der üblichen 21 Betten auskommen müssen, was die Versorgung der Notfallpatienten erschwert und auch immer wieder die Verschiebung von Operationen, die nicht zwangsläufig an diesem Tag erfolgen müssen, erforderlich macht.
Doch der Blick auf Zahlen reicht nicht aus, um zu verstehen, was das eigentliche Problem ist und weshalb Krankenhäuser heute wieder Alarm schlagen. Vielmehr geht es darum, was die Versorgung von Covid-Patienten unter den aktuellen Bedingungen physisch und psychisch für unsere Kollegen bedeutet. (Lesen Sie hier: Corona-Lage in Krankenhäusern in der Region Fulda sehr angespannt: So viele Covid-Patienten wie nie zuvor)
Erstens waren die Intensivstationen schon vor der Pandemie durchgängig ausgelastet und oftmals am Limit. Schon vor der Pandemie haben wir immer wieder auf den chronischen Personalmangel aufmerksam gemacht. In diese hoch angespannte Lage kam Corona. Es mussten zusätzlich neue Strukturen geschaffen werden, im laufenden Betrieb mussten die Stationen umgebaut, neue Wege, neue Abläufe, neue Dienstpläne erarbeitet werden. Parallel dazu sind zahlreiche Kollegen ausgefallen, weil sie sich selbst mit Corona infiziert haben, Zwölf-Stunden-Schichten wurden eingeführt, und, und, und ... Das hat jeden viel Kraft gekostet.
Zweitens ist die Arbeit an sich, nämlich die pflegerische oder medizinische Versorgung der Patienten, bei Covid-Patienten nicht mit anderen zu vergleichen. Physisch: das stundenlange Tragen der Schutzausrüstung, die Hitze darunter, wenig Luft, dabei eventuell schwergewichtige Patienten mit bis zu 14 Schläuchen regelmäßig in die Bauchlage zu bringen – all das ist körperlich enorm anstrengend. Zusätzlich kostet es viel Zeit, sich zwischen den Patienten an- und auszuziehen, die Schutzausrüstung zu wechseln – Zeit, die meist nicht da ist. Und dann kommt noch die psychische Belastung hinzu, für Patienten, die wahnsinnige Angst haben, nur bedingt da sein zu können, und im schlimmsten Fall Menschen beim Sterben zu begleiten, weil Angehörige nicht dabei sein können – das belastet unsere Kollegen auf Dauer immens.

Corona im Main-Kinzig-Kreis: Krankenhaushygieniker über „immense psychische Belastung“

Fürchten Sie, dass die steigenden Infektionszahlen die Main-Kinzig-Kliniken in den nächsten Wochen und Monaten in eine ernsthafte Versorgungsnot bringen können?
Die momentane Situation stellt uns – und damit meine ich in erster Linie die Ärzte und vor allem das Pflegepersonal der Intensivstation – schon heute vor erhebliche Herausforderungen. Das ist nicht nur in den Main-Kinzig-Kliniken so, sondern auch in den umliegenden Krankenhäusern, mit denen wir im regionalen Krisenstab eng vernetzt sind. Ein weiteres Ansteigen der Infektionszahlen und damit der stationär und vor allem intensivmedizinisch zu versorgenden Patienten muss soweit noch möglich vermieden werden.
Sie haben kürzlich in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk gesagt, dass die Patienten zunehmend jünger seien. Was heißt das konkret?
In der ersten und zweiten Welle war der größte Teil der Patienten auf der Intensivstation älter als 80 Jahre. Aktuell liegen hier im Wesentlichen Menschen zwischen 50 und 75 Jahren, aber immer wieder auch noch deutlich Jüngere. Die zweite Welle war aus unserer Sicht gekennzeichnet durch eine hohe Zahl von Ausbrüchen in Pflegeheimen und bei zu Hause pflegebedürftigen Patienten. Aktuell werden die Patienten deutlich jünger, und der Anteil der älteren Patienten sinkt dank der Impfungen. Es ist sicher richtig, dass prozentual von den jüngeren Patienten weniger auf der Intensivstation landen. Wenn die Inzidenzen allerdings stark steigen, werden sich auch die Intensivstationen sehr schnell füllen.

Video: Intensivmediziner fordern Eindämmung der dritten Corona-Welle

Sind in den Main-Kinzig-Kliniken schon jüngere Patienten gestorben?
Ja. Alle Prognosen sagen, dass der Anteil jüngerer Patienten an den Intensivpatienten weiter steigen wird, und damit werden auch in Zukunft trotz aller Bemühungen weiter „jüngere“ und gelegentlich auch junge Patienten sterben.
Kritiker der Corona-Auflagen argumentieren, dass die meisten Infizierten nur milde Verläufe aufwiesen. Schätzungen gehen von 80 Prozent aus. Wie sieht es aus Ihrer Erfahrung mit den übrigen 20 Prozent aus? Was versteht man genau unter „schweren Verläufen“?
Ein milder Verlauf kann dann ein Argument sein, wenn man sich persönlich sicher ist, dass man selbst einen milden Verlauf haben wird. Das kann man aber nie sein. Statistisch gesehen sterben etwa 1 bis 1,5 Prozent der mit Sars-CoV-2-Infizierten. Das individuelle Risiko variiert erheblich mit dem Alter – von nahezu null bei Kindern bis zu etwa 18 Prozent bei über 90-Jährigen. Wir sehen in der Klinik nur die Spitze des Eisbergs, also im Wesentlichen die schweren Verläufe. Ein schwerer Verlauf ist im Regelfall gekennzeichnet durch eine schwere Lungenentzündung, die zu einer Gewebeveränderung führt, die die Lunge daran hindert, genug Sauerstoff aus der Atemluft aufzunehmen. Das Prinzip der Behandlung besteht darin, durch unterschiedliche Verfahren dem Körper trotz dieser Einschränkung ausreichend Sauerstoff zur Verfügung zu stellen, bis sich die Lunge erholt hat und der Patient wieder ohne Hilfsmittel atmen kann. Und dabei haben wir noch gar nicht über Long-Covid, also all die Langzeitfolgen gesprochen, die einige Patienten nach einer Coronavirus-Infektion mit sich tragen.
Von welchem Zeitpunkt an werden Corona-Patienten, die in der Klinik stationär behandelt werden, auf die Intensivstation verlegt?
Das ist eine ganz individuelle Entscheidung, die bei jedem Patienten anders getroffen werden kann. Grundsätzlich kann man jedoch sagen, dass zu dem Zeitpunkt, wenn die Lunge oder andere Organsysteme zu versagen drohen, eine Intensivierung der Therapie und damit eine Verlegung auf die Intensivstation notwendig ist. Dies kann unter Umständen sehr schnell eintreten, sodass auch die Patienten der Infektionsstation einer engmaschigen Überwachung bedürfen.
Die Überlebenschancen von Menschen, die intubiert werden müssen, liegen Statistiken zufolge bei etwa 50 Prozent. Sind das auch Ihre Erfahrungswerte in Gelnhausen?
Ja. Patienten die im Zuge einer Covid-Infektion intubiert werden müssen, haben eine Überlebenschance von 50 Prozent. Diejenigen, die überleben, hatten in den meisten Fällen einen schweren Weg vor sich, bis sie überlebt haben.
An den Main-Kinzig-Kliniken sind bislang etwa 70 Prozent der Mitarbeiter gegen Corona geimpft. Was ist mit den übrigen 30 Prozent? Gibt es auch „Impfgegner“ oder „Impfverweigerer“, oder fehlt es auch für das Krankenhauspersonal bisweilen noch an Impfstoff?
Auch Krankenhausmitarbeiter haben ganz individuelle Gründe, weshalb sie sich bisher noch nicht für eine Impfung entschieden haben. Diese Gründe reichen, wie es sich in der Bandbreite der Gesellschaft ebenfalls zeigt, von grundsätzlichen Überzeugungen bis hin zu gesundheitlichen Voraussetzungen, bei welchen eine Impfung eventuell nicht empfehlenswert wäre. Doch wir sind froh, dass sich regelmäßig neue „Impfwillige“ melden und inzwischen sogar knapp 75 Prozent der 2500 Mitarbeiter einen Impfschutz haben.
Sie haben die hohe Dauerbelastung der Mitarbeiter bereits angesprochen. Was macht das mit ihnen vor allem psychisch?
Ich möchte diese Frage mit einem Vergleich beantworten: Stellen Sie sich eine Fußballmannschaft vor. Alle wollen stürmen, die Abwehr ist müde und lustlos. Immer wieder kommt der Gegner frei vors Tor. Der Betreuerstab ruft wirre und widersprüchliche Anweisungen von der Seitenlinie. Dieses Spiel findet nicht einmal pro Woche statt, sondern seit mindestens sechs Monaten jeden Tag. Und, Sie ahnen es, wir – die Mitarbeiter der Kliniken und besonders der Intensivstationen – sind der Torwart.
Ihre Prognose: Werden wir Corona bis Sommer so weit im Griff haben, dass wieder Urlaube, auch ins Ausland, möglich sind?
Aus meiner Sicht kommt das auf zwei Dinge an: Wie schnell kommen wir mit dem Impfen voran? Denn das ist der einzige Weg aus der Pandemie. Und zweitens: Schaffen wir es als Gesellschaft, aber auch jeder Einzelne, uns jetzt nochmal für ein paar Wochen zurückzunehmen, Kontakte maximal zu reduzieren und die Inzidenzraten erheblich zu senken? Wenn uns beides gelingt, dann sind Urlaube in diesem Sommer vielleicht möglich, ansonsten gibt es nur Balkonien – zumindest für die Nichtgeimpften. (Lesen Sie hier: Corona-Experte aus Fulda verteidigt Impfstoff Astrazeneca: „Impfung ist unsere einzige Chance“)
Wenn das Virus weiter mutiert – werden wir uns möglicherweise künftig jedes Jahr neu gegen Corona impfen lassen müssen?
Es ist davon auszugehen, dass das Virus weiter mutieren wird. Daran habe ich keinen Zweifel. Und dabei werden die Mutationen umso mehr und umso schneller, je höher die Zahl an Infektionen ist. Daher stellt sich für mich vielmehr die Frage: Werden wir künftig jedes Jahr die Chance haben, uns gegen Corona impfen zu können? Denn man kann es nicht oft genug betonen, was für eine hervorragende wissenschaftliche Leistung es ist, dass wir in so kurzer Zeit bereits mehrere, sehr gut wirksame Impfstoffe zur Verfügung haben. So machen mir die jüngsten Veröffentlichungen Hoffnung, dass es gelingen wird, in noch kürzerer Zeit Impfstoffe auch an Mutationen anzupassen, und uns damit die Möglichkeit gegeben wird, Corona in den Griff zu bekommen und auch im Griff zu behalten. (wel)

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