Lüftungsanlagen, Geräte mit Filtern oder UV-Licht – was sollte in Corona-Zeiten in Schulen zum Einsatz kommen?
+
Lüftungsanlagen, Geräte mit Filtern oder UV-Licht – was sollte in Corona-Zeiten in Schulen zum Einsatz kommen?

Projekte aus dem Main-Kinzig-Kreis

Lüftungsanlagen, Filter-Geräte, UV-Licht: Was ist die beste Ergänzung zum Stoßlüften in Schulen?

Lüftungsanlagen, Geräte mit Filtern oder UV-Licht – was sollte in Corona-Zeiten in Schulen zum Einsatz kommen? Die beste Akut-Lösung sei eine, die für manchen vielleicht „übersimpel und steinzeitlich“ klinge, heißt es dazu vom Umweltbundesamt.

Berlin/Main-Kinzig-Kreis - Statt auf einfache mobile Luftreiniger sollten Schulen Experten zufolge besser auf sinnvollere langfristige Lösungen setzen. „Fest installierte Lüftungsanlagen sind auch nach der Corona-Pandemie noch von großem Nutzen“, sagte der Präsident des Umweltbundesamtes (Uba), Dirk Messner. Anders als viele der kompakten mobilen Luftreiniger verursachten sie häufig nur geringe Geräusche im Klassenzimmer und ließen nicht nur die Menge an Krankheitserregern in der Raumluft sinken, sondern auch die an Kohlendioxid und ausgedünsteten Schadstoffen.

Laut einer Untersuchung hessischer Wissenschaftler ist das Stoßlüften in Schulen um ein Vielfaches wirksamer als der Einsatz von Luftfiltergeräten. Forscher der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) hatten dafür in einem nicht genutzten Klassenzimmer einer Wiesbadener Schule die Wirkung auf zuvor freigesetzte Aerosole ermittelt, die per Ventilator im Raum verteilt wurden.

Luftreiniger und Luftfiltergeräte: Kein Ersatz für ausreichendes Lüften

„Als wesentliches Resultat zeigte sich, dass die Stoßöffnung aller Fenster über drei Minuten bei Außentemperaturen von 7 bis 11 Grad Celsius die eingebrachte Konzentration an Aerosolen bis zu 99,8 Prozent senkte“, teilte die THM mit. Mit vier mobilen Luftfiltergeräten sei nach etwa 30 Minuten eine um 90 Prozent verringerte Konzentration gemessen worden. Die Wissenschaftler verweisen zudem auf den Lärm beim Betrieb der Geräte und die hohen Kosten.

Die Kommission für Innenraumlufthygiene (IRK) am Umweltbundesamt (Uba) mit 23 Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatte erst kürzlich wieder betont, dass mobile Luftreiniger kein Ersatz für ausreichendes Lüften seien. Sie seien nur dort eine sinnvolle Ergänzung, wo Fenster nicht ausreichend geöffnet werden könnten und auch keine einfachen Zu- und Abluftsysteme in Frage kämen. Luftreiniger mit speziellen Filtern sammeln Viruspartikel aus der hindurchströmenden Luft, andere Geräte sollen Erreger etwa mittels UV-Licht abtöten.

Schulen im Main-Kinzig-Kreis: Luftfiltersystem der Firma Woco soll getestet werden

Im Main-Kinzig-Kreis soll in wenigen Wochen an mehreren Schulen ein neues Luftfiltersystem der Firma Woco getestet werden. Der Automobilzulieferer arbeitet eigenen Angaben nach schon seit drei Jahren an einem entsprechenden System. Laut Firmenangaben kann dieses kleinste Partikel inklusive Viren aus der Luft filtern.

Im Gegensatz zu vielen gängigen Luftreinigungsanlagen müsse der Filter nicht regelmäßig ausgetauscht werden. Laut Woco arbeitet das System mit einem Plasmafeld, in dem die Zellstruktur der Viren zerstört werde. Das aus der Anlage ablaufende Wasser sei somit frei von ansteckungsfähigen Viren. Zudem sei der Energieverbrauch gering. Das System sei derart leistungsstark, dass es die Raumluft eines 20 Quadratmeter großen Zimmers innerhalb von einer Stunde sechsmal vollständig reinige. Ursprünglich war das System für den Einsatz in Fahrzeugen gedacht.

Kreisschuldezernent Winfried Ottmann (CDU) äußerte sich dahingehend, dass die „vielversprechenden“ Woco-Luftfilteranlagen vor allem in Klassenzimmern interessant seien, in denen aus baulichen oder sicherheitsrelevanten Gründen ein Stoßlüften nicht oder nur eingeschränkt möglich ist. (Lesen Sie hier: Zum Schutz vor Coronaviren: Filter von Autozulieferer wird in Schulen im Main-Kinzig-Kreis getestet).

Stadtbusse in Hanau: Technologiekonzern Heraeus setzt auf UV-Licht zur Luftreinigung

Auf UV-Licht zur Luftreinigung setzt der Hanauer Technologiekonzern Heraeus. Bei einer Wellenlänge von 254nm, sogenanntem UV-C-Licht, werde die Struktur des Virus zu 99,99 Prozent zerstört, schreibt der Hersteller. „Unsere UV-Licht-Lösungen sind absolut sicher, sparsam, handlich und leise – Haushaltsstrom genügt“, heißt es in einer Pressemitteilung. Somit sei das entwickelte Gerät „perspektivisch in Klassenzimmern, Geschäften, Praxen, Kanzleien oder öffentlichen Räumen“ einsetzbar.

Video: Lüften im Corona-Winter: So geht es richtig

Eingesetzt wird das System bereits in Hanauer Stadtbussen. Insgesamt 15 Fahrzeuge sollen in diesen Wochen entsprechend umgerüstet werden. „UV-Licht wirkt effektiv gegen Covid-19 und hilft den Schutz der Bevölkerung zu erhöhen“, sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). Kaminsky erinnert daran, „dass wir mit dem UV-Einsatz zur Entkeimung in Hanau bereits gute Erfahrungen gemacht haben, die uns zusätzlich ermutigen, diese Technologie auch gegen Corona einzusetzen“. So desinfizieren demnach die Stadtwerke Hanau in ihren Wasserwerken seit Jahren Trinkwasser mit UV-Lampen statt mit Chlor. Heraeus begleite den Einsatz der Anlagen mit entsprechenden Simulationstechniken in einem eigenen Strömungslabor.

Etliche Hersteller preisen ihre Luftreiniger derzeit als ideale Lösung unter anderem für die rund 33 000 Schulen bundesweit an, in einigen Klassenzimmern sind solche Geräte bereits im Einsatz. Wenn für einen mobilen Luftreiniger angegeben werde, dass er 99,99 Prozent der Viren herausfiltere, sei dies in Bezug auf eine Virenlast im Raum nicht erreichbar, erklärte Messner. „In der Praxis können 80 bis 90 Prozent erreicht werden, wenn die Reinigung lange genug erfolgt und das Gerät im Raum richtig aufgestellt ist.“

Dirk Messner: Luftreiniger könnten dazu verführen, sich in falscher Sicherheit zu wiegen

Von einem entfernt davon sitzenden infizierten Schüler oder Lehrer abgegebene Viruspartikel gelangten unter Umständen aber erst nach längerer Zeitdauer zum Gerät. Luftreiniger könnten dazu verführen, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Erreger verschwänden nach draußen, ebenso das für Müdigkeit und Konzentrationsschwäche sorgende Kohlendioxid, gesundheitsschädliche Stoffe, die aus Materialien im Klassenraum ausdünsten und auch Feuchtigkeit, die zu Schimmel führen könne. Diese Sorge vor Erkältungen durch offene Fenster sei unbegründet, hat der HNO-Arzt Bernhard Junge-Hülsing kürzlich erklärt. Im Gegenteil: Es sei wahrscheinlicher, sich in einem schlecht gelüfteten Raum anzustecken.

Die Ansteckungsgefahr in Schulen grundsätzlich und nachhaltig zu senken, könne mit langfristig installierten zentralen Lüftungsanlagen erreicht werden, sagte Messner. „Es ist seit Jahren Forderung des Uba, Schulen damit auszustatten.“ „Als rasche Maßnahme empfehlen sich Zu- und Abluftanlagen für einzelne Klassenräume“, ergänzte Messner.

Das könnte Sie auch interessieren