In der Corona-Pandemie hat sich die Situation in der ambulanten Pflege deutlich verschärft. Die Caritas in Bad Soden-Salmünster etwa nimmt keine neuen Patienten mehr an. (Symbolfoto)
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In der Corona-Pandemie hat sich die Situation in der ambulanten Pflege deutlich verschärft. Die Caritas in Bad Soden-Salmünster etwa nimmt keine neuen Patienten mehr an. (Symbolfoto)

Main-Kinzig-Kreis

Corona verschärft Pflegenotstand - Caritas in Bad Soden-Salmünster nimmt keine neuen Patienten an

Die Caritas-Sozialstation St. Josef betreut in Bad Soden-Salmünster und Freigericht rund 450 pflegebedürftige Menschen. Bei der Diakonie werden in Steinau und Schlüchtern circa 200 Menschen betreut. Ein Gespräch über die Arbeit mit älteren und kranken Menschen während der Pandemie.

Main-Kinzig-Kreis - Es ist gerade mal ein Jahr her, dass Pflegekräften in aller Welt für ihre Arbeit applaudiert wurde. Inzwischen sei die ambulante Pflege für manchen gar zum Blitzableiter geworden, berichtet Roswitha Herpel als Pflegedienstleiterin der Caritas-Sozialstation in Bad Soden-Salmünster im Main-Kinzig-Kreis, deren Mitarbeiterinnen auf dem Weg zu ihren Klienten schon als „Virenschleudern“ beschimpft wurden. „Man unterstellt uns, dass wir das Virus verbreiten würden. Auch böse Anrufe hatten wir schon“, berichtet sie. Und das sind leider keine Einzelfälle: „Die anfängliche Wertschätzung ist eher ins Gegenteil umgeschlagen.“

Dabei ist die Arbeit der Pflegefachkräfte in der Corona-Pandemie sogar noch aufreibender geworden als sie es vorher schon war. Einerseits leiden viele Klienten in der Pandemie noch mehr unter Einsamkeit als zuvor, zum anderen sind für die Pflegekräfte derzeit noch mehr Hygienevorschriften einzuhalten als ohnehin üblich. „Wir müssen eine sehr hohe Achtsamkeit haben, uns streng nach den AHA-Regeln verhalten und auch unsere Patienten überzeugen, mitzuziehen“, sagt Herpel.

Pflegedienste in Corona-Zeiten: Arbeit ist für Fachkräfte noch aufreibender geworden

Der Versorgungsvertrag mit den Patienten schließt zudem die Versorgung positiv auf das Coronavirus getesteter Personen ein. „Arbeiten Sie mal mit voller Vermummung: Kittel, Haube, Maske und Visier. Die Mitarbeiterinnen sind unglaublich müde und körperlich beansprucht. Ich habe große Hochachtung vor meinem Team. Die müssen wirklich kämpfen, es ist eine sehr schwierige Zeit“, unterstreicht Herpel. (Lesen Sie hier: Hoher Krankenstand in Pflegeberufen: Corona-Pandemie verschärft angespannte Lage deutlich)

In der Sozialstation beginnen und enden die Frühdiensttouren zu unterschiedlichen Zeiten. Denn in der häuslichen Pflege ist der Patient derjenige, der den Rhythmus bestimmt: Was erwartet und was braucht der Einzelne? „Bei elf Touren und bis zu 250 Patienten ist es schon eine Kunst, diese Touren so zu planen, dass sie sowohl wirtschaftlich sind, als auch den Patientenwünschen entsprechen“, erläutert Herpel. Auch die Bedürfnisse von Mitarbeiterinnen, die zum Teil jüngere Kinder zu versorgen haben, fließen in die Routenplanung ein, ergänzt René Leipold von der Diakoniestation im Bergwinkel.

Situation im Main-Kinzig-Kreis: Caritas Bad Soden-Salmünster mit bis zu 250 Patienten am Tag

Die ambulante Pflege ist eng getaktet. Da die Tagesform der Patienten nicht jeden Tag gleich ist, dauern die Einsätze schon mal länger als die von den Kassen vorgegebenen Zeiten. Die Caritas-Sozialstation verwendet für solche Fälle Spenden ihres Fördervereins. „Diakoniezeit“ nennt René Leipold die notwendige, aber nicht durch die Kassen abgedeckten Arbeitszeiten.

Vier Pflegekräfte haben die Sozialstation in Bad Soden-Salmünster in jüngster Zeit verlassen. So wird auch vor Ort deutlich nachvollziehbar, dass viele Fachkräfte dem Pflegeberuf adieu sagen. Inzwischen falle es sogar Leihfirmen schwer, angeforderte Pflegekräfte zu stellen. Bei der Sozialstation gibt es derzeit einen Aufnahmestopp für neue Patienten. Auch die Diakonie müsse oft Neukunden ablehnen, erklärt Leipold.

Ambulante Pflege: Aufnahmestopp für Patienten bei Caritas in Bad Soden-Salmünster

Durch den schon länger bestehenden Pflegenotstand seien keine Ressourcen mehr vorhanden. Damit mehr junge Menschen in die Pflege gehen, müssten sich Rahmenbedingungen ändern: Mehr Gesundheitsangebote für die Beschäftigten, familienfreundlichere Arbeitszeiten mit mehr freien Wochenenden, mehr Urlaub oder ein früherer Rentenbeginn. Die Bezahlung sei dabei nicht alles. Leipold: „Die Pflege muss insgesamt besser finanziert werden.“

In der ambulanten Pflege komme hinzu, dass man bei Hitze oder Schneefall mit dem Auto fahren müsse und manche Aufgaben in den engen Wohnungen auch körperlich sehr anstrengend seien. Anders als im stationären Dienst seien die Pflegekräfte immer allein unterwegs. Durch die Pandemie fehle auch den Beschäftigten der soziale Kontakt untereinander. Teambesprechungen seien gestrichen, Fortbildungen finden digital statt.

Caritas-Pflegedienstleiterin Roswitha Herpel: Wir sind zum reinen Dienstleister geworden

Und: „Wir sind zum reinen Dienstleister geworden. Früher haben sich die Leute gefreut, wenn jemand zu ihnen kam. Heute blicken viele auf die Uhr, wenn man mal einige Minuten später kommt als angekündigt“, berichtet Herpel. Außerdem seien mancherlei Vorschriften oftmals „nicht realitätskonform“.

Herpel schwillt der Kamm, wenn manche Politiker sagen: „Pflegen kann doch jeder!“ Dennoch ist der Beruf für sie Beruf ihr Leben: „Meine ganze Seele steckt hier drin. Ich leide Qualen, weil ich meine Leute so verheizen muss!“ (Barbara Kruse)

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