Eine Schülerin arbeitet an einem Einzeltisch.
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Ein Schüler bemängelt: „Man fühlt sich am Einzeltisch sehr alleine, und das macht das Lernen um einiges schwerer.“

„Man fühlt sich alleine gelassen“

Schüler im Main-Kinzig-Kreis äußern scharfe Kritik an Präsenzunterricht

Die Kreisschülervertretung hat Schüler im Main-Kinzig-Kreis zu ihrer Meinung zum Präsenzunterricht in Corona-Zeiten befragt. Die Antworten spiegeln Angst und Unverständnis wider.

  • Die Corona-Krise hat für geschlossene Schulen gesorgt.
  • Nun müssen zumindest Abschlussklassen wieder zum Unterricht erscheinen.
  • Einige Schüler im Main-Kinzig-Kreis kritisieren den Präsenzunterricht.

Main-Kinzig - Ein Schüler hat in dem 18 Punkte umfassenden Fragebogen notiert, er fühle sich „sehr ängstlich, nervös und wütend, dass auf unsere Probleme, Ängste und Fragen kaum Rücksicht genommen wird. Man fühlt sich alleine gelassen und minderwertig“.

Ein anderer Schüler notiert: „Ich kann nicht verstehen, wie unsere Gesundheit und Leben aufs Spiel gesetzt werden, nur um eine Abschlussprüfung zu schreiben. Wie kann die Gesundheit vieler junger Menschen nicht an erster Stelle stehen? Nicht mal mit dem Bewertungsschlüssel kommt man uns entgegen. Wie können wir genauso bewertet werden wie die vergangenen Klassen, obwohl wir ganz andere Voraussetzungen haben? […] Und wie können Minister und Politiker über unsere Abschlussprüfungen entscheiden? Sollten nicht eher die Lehrer der Abschlussklassen ein Mitspracherecht haben, die den Leistungsstand der Schüler kennen?“

Hygieneregeln funktionieren nicht

„Ich habe mich wie ein Versuchskaninchen gefühlt. Die Hygieneregeln funktionieren nicht wirklich gut. Man fühlt sich am Einzeltisch sehr alleine, und das macht das Lernen um einiges schwerer, zudem hat man den Druck im Hinterkopf, die Prüfung schreiben zu müssen und alles zu verstehen. Auf Dauer könnte ich mir vorstellen, dass viele dem Druck nicht standhalten“, lautet eine weitere Einschätzung.

Dass Schüler, selbst Risikopatienten, dennoch zum Präsenzunterricht erscheinen, begründen sie damit, Angst zu haben, etwas zu verpassen und einen schlechteren Abschluss hinzulegen.

Reinigungsmittel fehlen

„Ich hätte mir mehr hygienische Maßnahmen gewünscht, denn es sind zum Beispiel keinerlei Reinigungsmittel im Klassenraum, um Tische zu säubern, an denen vorher andere Schüler gesessen haben. Es gibt Seife, aber es sind keine Einwegtücher vorhanden, deshalb habe ich mit meinem eigenen Desinfektionsmittel die Hände desinfiziert“, so eine Schülerin der Schlüchterner Stadtschule. Sie habe sich sehr unwohl gefühlt und empfinde die Situation als beklemmend.

Locher durch die Klasse gereicht

Zu Fragen der Hygiene erhielt die Kreisschülervertretung beispielsweise diese Antwort: „Naja, Desinfektionsmittel in den Klassenräumen wären sehr angebracht, außerdem gab es am ersten Schultag auf unserer Toilette kein Desinfektionsmittel. In einem Elternbrief wurde uns versichert, dass unsere Tische jeden Tag desinfiziert werden. Dies ist mit großer Sicherheit nicht der Fall. Ich und einige andere Mitschüler haben mit Tinte auf die Tische gemalt, und alles war am nächsten Tag noch vorhanden. Das ist sehr traurig und zugleich beängstigend.“ Als fragwürdig empfinden es Schüler, wenn etwa ein Locher durch die gesamte Klasse gereicht werde.

Abstandsregeln im Bus hinfällig

Das Abstandhalten werde insbesondere an Eingangstüren sowie auf dem Pausenhof oft nicht eingehalten, beklagen Schüler. Die Busfahrt beschreiben einige als „Katastrophe – keine Regeleinhaltung, Einsteigen und Fahren dicht an dicht.“ Eine andere Schülerin schreibt von „sardinenartigem Hineinpferchen in den Bus“. Schüler klagen über Kopfschmerzen nach langen Busfahrten mit Mund-Nasen-Schutz. Sie verstehen nicht, warum Busfahrer keinen Schutz tragen, manche Fahrgäste ebenso wenig, obwohl Tragepflicht herrsche.

„Es gibt einiges zu sagen“

Michelle Franzel, Vorsitzende der Kreisschülervertretung, lebt in Ahl.

„Wir wollten handfeste Informationen direkt aus den Schulen, weil die Situationen doch unterschiedlich sind“, begründet die Vorsitzende der Kreisschülervertretung, Michelle Franzel aus Ahl, die Befragung. Der Rücklauf von Schülern von Maintal bis Sinntal zeige, dass es einiges zu sagen gebe. Sie fordert, dass die Schüler gehört werden und Konsequenzen folgen.

Online-Unterricht doch keine Alternative?

Tendenziell würden die Schüler lieber zurück zum Online-Unterricht, wie problembehaftet der auch gewesen sei. „Haha, welcher Online-Unterricht? Ich verstehe unter einem Online-Unterricht, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Online-Konferenz zwischen dem Lehrer und uns Schülern stattfindet. […] Gerne wäre ich für Online-Unterricht, aber dann richtigen, täglichen Online-Unterricht“, schrieb ein Schüler.

„Ja, ich habe Angst, etwas zu verpassen, da es ja online nicht so gut funktioniert“, schrieb eine andere. „Ich finde es nicht richtig, dass die Abschlussprüfungen stattfinden sollen. Die Gesamtsituation lässt ein entspanntes Lernen gar nicht zu, somit sind es ganz andere Voraussetzungen für die Prüfung wie in den Jahren davor.“

bak

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