Der Schriftzug "Bethaus" sowie ein Kreuz prangen an der Fassade des Gemeindehauses der Evangeliums Christen Baptisten.
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Das Gemeindehaus der Evangeliums Christen Baptisten in Frankfurt. Mehrere Mitglieder der Gemeinde haben sich nach einem Gottesdienst mit dem Coronavirus infiziert.

Gesang ohne Maske - steigende Fallzahlen

Corona-Ausbruch in Frankfurter Baptisten-Gemeinde: Antworten auf die wichtigsten Fragen

Der Coronavirus-Ausbruch in einer freien baptistischen Gemeinde in Frankfurt sorgt seit Tagen für Aufsehen. Obwohl die Verantwortlichen beteuern, für Schutzmaßnahmen gesorgt zu haben, sind infolge eines Gottesdienstes 200 Menschen mit dem Erreger SARS-CoV-2 infiziert. Im Nachhinein wird bekannt, dass nicht alle gängigen Vorschriften eingehalten wurden. Die Fallzahlen steigen. In Norddeutschland wurde jetzt ein ähnlicher Fall bekannt.

Frankfurt/Main-Kinzig - Von dem Corona-Ausbruch, der bundesweit viel Beachtung findet, ist auch die Region betroffen. Mehrere Infizierte stammen aus dem Main-Kinzig-Kreis. Was zu dem Fall bisher bekannt ist, lesen Sie in einem „Fragen und Antworten“.

Wie viele Menschen haben sich bislang angesteckt?
Die genaue Zahl der Menschen, die sich im Zusammenhang mit dem Gottesdienst infiziert haben, steht noch nicht abschließend fest. Bisher ist von mindestens 200 Infizierten die Rede.
„Da es in der Gemeinde viele Familien mit fünf und mehr Kindern gibt, nimmt die Anzahl der Ansteckungen zu Hause weiter zu. Die Betroffenen sind in häuslicher Quarantäne“, hieß es in einem Schreiben der betroffenen Gemeinde.
Da der Vereinsvorsitzende sich im kritischen Zustand auf der Intensivstation befinde und der Stellvertreter ebenfalls erkrankt sei, sei die Gemeinde derzeit begrenzt reaktionsfähig.
Wie konnte es zu den dutzendfachen Ansteckungen kommen?
Das ist bislang noch nicht genau geklärt. Die Gemeinde beteuerte zunächst, sie habe alle Regeln eingehalten. Zumindest einige davon wurden nach einem auf der Internetseite der Gemeinde veröffentlichten Schreiben aber nicht ausgeführt - etwa Maskenpflicht und der Verzicht auf Gemeindegesang. So heißt es in der Stellungnahme: „Im Nachhinein betrachtet wäre es für uns angebracht, beim Gottesdienst Mund-Nasen-Schutz-Bedeckungen zu tragen und auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten.“
Was sind die genauen Regeln für Gottesdienste in Hessen?
Ein Mindestabstand von 1,50 Metern, Verzicht auf Gemeindegesang und das Tragen von Mund-Nase-Schutz gehören bei Gottesdiensten in Hessen zu den Schutzregeln. Ebenso werden häufig Listen der Besucher geführt, um im Falle einer Infektion möglichst schnell alle anderen Gottesdienstbesucher erreichen und testen zu können.
Zudem sollen Desinfektionsmittel zur Verfügung stehen. Eine Besonderheit der Schutzmaßnahmen des Bundes der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Deutschland betrifft die Taufen, bei denen die erwachsenen Täuflinge in das Taufbecken eintauchen: Anstehende Taufen werden auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr verschoben.
Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) erinnerte im Gespräch mit dem privaten Radiosender Hit Radio FFH daran, dass die Religionsfreiheit grundgesetzlich geschützt ist. Deshalb sei die Frage des Listenführens bei der Ausübung einer Religion besonders sensibel, sagte er.
Welche Folgen kann der Frankfurt Fall haben?
Eine Versammlung, an der ein an Covid-19 Erkrankter teilnimmt, kann ausreichen, um das Coronavirus schlagartig zu verbreiten. Der österreichische Wintersportort Ischgl gilt als einer der Hotspots für die Ausbreitung Virus in Europa - dort haben sich mutmaßlich zahlreiche Menschen bei Après-Ski-Parties angesteckt und das Virus - oft unbemerkt - mit nach Hause genommen. Das kann zu einer unkontrollierten Verbreitung führen, die Experten zufolge unbedingt vermieden werden sollte, damit die Krankenhäuser nicht überlastet werden. Größere Versammlungen wie Festivals sind daher in Hessen bis Ende August verboten, kleinere wie Gottesdienste nur unter Auflagen erlaubt.
Hessens Sozial- und Gesundheitsminister Kai Klose
Was sagt die Evangelische Kirche?
Volker Rahn, Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), sagt, dass Experten davon ausgingen, dass solche Ereignisse wie in Frankfurt angesichts der zunehmenden Lockerungen auch unter Einhaltung von strengen Schutzkonzepten niemals vollständig ausgeschlossen werden könnten. Die Rückverfolgung der Infektionsketten mithilfe einer „sorgfältigen Dokumentation der Anwesenden“ sei deshalb umso wichtiger. Namenslisten sind in der EKHN - über die Vorgaben des Landes Hessen hinaus - verpflichtend. Ob es im Frankfurter Fall Konsequenzen geben wird, ist noch unklar. Sozialminister Klose fordert zunächst einmal eine genaue Aufklärung.
Wie reagiert die Politik?
Der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) spricht sich dafür aus, dass generell und landesweit alle Teilnehmer von religiösen Zusammenkünften namentlich erfasst und diese Listen bei einem Infektionsfall den Gesundheitsämtern zur Verfügung gestellt werden - so wie bereits die Gemeinden, die den evangelischen Landeskirchen und Bistümern in Hessen angeschlossen sind, allerdings auf freiwilliger Basis. Der aktuelle Fall zeige, „wie kompliziert die Nachverfolgung ist, wenn die Anwesenden erst mühsam recherchiert werden müssen. Dabei geht viel wertvolle Zeit verloren. Eine einheitliche Richtlinie von Seiten des Landes würde eine schnelle und effiziente Nachverfolgung der Kontakte ermöglichen.“
Wer steht hinter der Baptisten-Gemeinde?
„Es gibt ganz unterschiedliche baptistische Gemeinden in Deutschland“, erklärt Jörg Bickelhaupt, Referent für interkonfessionelle Fragen im Zentrum Oekumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie von Kurhessen-Waldeck. Bei dem Frankfurter Verein „Evangeliums Christen Baptisten“ handele es sich um eine sehr konservative Gruppe mit russlanddeutschem Hintergrund. Diese pflege keine großen ökumenischen Kontakte. Es handele sich aber auch nicht um eine Gemeinschaft, die ihr Tun verbergen wolle. Der Einzugsbereich solcher Gemeinden sei in der Regel eine «ganze Region», sagt Bickelhaupt. Die Gottesdienste sind sehr gut besucht.
Was unterscheidet die Gottesdienste der Freikirchen von denen der evangelischen oder katholischen Kirche - und was bedeutet das mit Blick auf Corona-Maßnahmen?
„Viele freikirchliche Gemeinden haben kleinere Räume als viele Landeskirchen, und Gemeinschaft spielt eine große Rolle“, sagt Michael Gruber, Sprecher der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Genau darauf gingen auch die Schutzkonzepte ein. „Wir wissen aber auch von zahlreichen Gemeinden, die auf Präsenzgottesdienste noch vollständig verzichten, um jegliche Gefährdung zu vermeiden, weil beispielsweise ihre Räumlichkeiten eine Umsetzung des Schutzkonzepts mit den Abstandsregelungen nicht ermöglichen würden.“
Gibt es weitere Fälle in Deutschland?
Erst Frankfurt, jetzt Bremerhaven: In Deutschland gibt es einen weiteren Corona-Ausbruch in einer Glaubensgemeinde. Nachdem nach einem Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt zahlreiche Infektionen bekannt geworden waren, gibt es in Bremerhaven ein ähnliches Infektionsgeschehen. Im Umfeld einer freikirchlichen Pfingstgemeinde in Bremerhaven haben sich zahlreiche Menschen mit dem Coronavirus angesteckt. Mindestens 44 Gläubige seien positiv auf das Coronavirus getestet worden, sagte am Freitag der Chef des Gesundheitsamts Bremerhaven, Ronny Möckel, der auch den dortigen Krisenstab leitet. Zunächst waren 20 Infektionen bekannt. „Wir rechnen grundsätzlich mit weiter steigenden Zahlen“, so Möckel. Zwei der Infizierten seien im Krankenhaus, müssten aber nicht beatmet werden. Mehr als 100 Gemeindemitglieder seien in Quarantäne.

dpa

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