Die Arbeit in den Main-Kinzig-Kliniken hat sich für das Personal in den vergangenen Wochen verändert.
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Die Arbeit in den Main-Kinzig-Kliniken hat sich für das Personal in den vergangenen Wochen verändert.

Geschäftsführer der Main-Kinzig-Kliniken

Interview mit Dieter Bartsch über die Corona-Folgen für Krankenhäuser und Patienten 

Neben dem Gesundheitsamt stehen die Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen und Schlüchtern an vorderster Front bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie in der Region. Der Geschäftsführer der Kliniken, Dieter Bartsch, zieht nach rund zwei Monaten der Krise in einem Interview eine erste Corona-Bilanz – und spricht über den langsamen Weg in eine „neue Normalität“.

  • Der Geschäftsführer der Main-Kinzig-Kliniken, Dieter Bartsch, zieht eine erste Corona-Bilanz.
  • Die Stimmung in den Kliniken in Gelnhausen und Schlüchtern sei von Anfang an geprägt gewesen von hoher Energie, großem Einsatz und Entschlossenheit.
  • Der 60-Jährige sieht die Kliniken gut gerüstet für die weiteren Schritte in die „neue Normalität“.

Von David Noll

Die Corona-Pandemie stellt uns alle vor ungeahnte Herausforderungen. Wie erleben Sie den „Ausnahmezustand“ in Ihren Häusern? Wie erleben Sie die Stimmung der Ärzte und Pfleger, aber auch die der Patienten?
Bartsch: Die Situation ist in der Tat auch für uns eine besondere Herausforderung, da sie einerseits neu und andererseits mit hohen Erwartungen, die an uns gestellt wurden, verbunden war. In der Folge haben wir gemeinsam sehr schnell neue Strukturen aufgebaut. Die Stimmung in den Kliniken in Gelnhausen und Schlüchtern war von Anfang an geprägt von hoher Energie, großem Einsatz und Entschlossenheit. Unsere Mitarbeiter haben sofort an allen Stellen, an denen es notwendig war, Verantwortung übernommen. Die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt – so wurde mir aus vielen Bereichen berichtet – wurden nochmals intensiviert. Und auch die Patienten haben sich trotz der hohen Einschränkungen nahezu ausnahmslos an die Vorgaben gehalten und uns dadurch unterstützt. Dies lässt uns zuversichtlich in die Zukunft blicken, auch die kommenden Herausforderungen – die „neue Normalität“ mit Corona – gut zu meistern.
Täglich berichtet das Gesundheitsamt des Kreises über die Zahl der Neuinfektionen, leider auch über neue Todesfälle im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit Covid-19. Wie sieht die Situation ganz konkret in den Main-Kinzig-Kliniken aus: Wie viele Corona-Patienten haben Sie inzwischen behandelt?
Bis Mitte Mai haben wir an den Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen und Schlüchtern neben zahlreichen Verdachtsfällen insgesamt 61 Patienten mit einer bestätigten Covid-19-Erkrankung stationär behandelt, davon 18 Patienten auf der Intensivstation. 32 Patienten konnten zwischenzeitlich wieder gesund entlassen werden.
Was haben Ihre Ärzte in der Zwischenzeit über die Behandlung der Krankheit gelernt? Wie sieht die Behandlung eines Covid-19-Patienten konkret aus? Hat sich an der Behandlung etwas verändert? 
Gerade in der Medizin ist das tägliche Dazulernen gang und gäbe – und dies gilt in diesen Zeiten umso mehr. Der Expertenaustausch innerhalb des Teams, aber auch der Informationsfluss mit den Fachgesellschaften ist von höchster Bedeutung. Unsere Mediziner informieren sich kontinuierlich über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und die Behandlungserfahrungen aus anderen Ländern und entscheiden, auf welche Weise sich diese hier umsetzen lassen. Zur Beatmung ist zu sagen, dass die Entscheidung zur Beatmung, wie auch schon zuvor, immer individuell nach sorgfältiger Abwägung und „Nutzen-Risiko-Kalkulation“ getroffen wird, so es sich nicht um eine Notfallsituation handelt, in der innerhalb von Sekunden entschieden werden muss.
In der politischen Diskussion über die Folgen des Coronavirus ging es von Anfang an vor allem darum, einen möglichen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern. Nach Ihren bisherigen Erfahrungen: Wie ausgelastet waren die Main-Kinzig-Kliniken bisher mit Blick auf die Versorgung von Covid-19-Patienten?
Wir haben ein Stufenkonzept erarbeitet, das uns ermöglicht, sehr schnell auf den Bedarf zu reagieren und unsere Patienten adäquat zu versorgen. Dazu gehörte, die 15 vorhandenen Beatmungsplätze auf 33 Plätze zu erweitern. Bisher haben wir jedoch innerhalb der ersten Stufe arbeiten können – das heißt, dass wir nicht alle verfügbaren Kapazitäten nutzen mussten. Um dies näher zu verdeutlichen: Bisher wurden maximal acht der in Gelnhausen vorgehaltenen Intensivplätze parallel genutzt. Auf unserer Infektionsstation in Schlüchtern können wir bis zu 29 Covid-Patienten versorgen – die maximale Auslastung lag hier bei rund 50 Prozent (15 Patienten). Durch das Stufenkonzept sind wir aber auch zukünftig jederzeit in der Lage, die erweiterten Kapazitäten zu aktivieren, falls dies erforderlich sein sollte.
Geschäftsführer Dieter Bartsch.
Sie haben Mitte März gemeinsam mit Landrat Thorsten Stolz (SPD) zu Beginn der Corona-Krise einen Brandbrief an Gesundheitsminister Jens Spahn geschrieben und eine bessere finanzielle Unterstützung der Krankenhäuser gefordert. Welche Schritte hat die Politik seitdem unternommen, um den Kliniken zu helfen? Und: Sind Sie mit diesen zufrieden?
Die mit den Verschiebungen von geplanten Operationen einhergehenden finanziellen Einbußen können wir aktuell nicht abschätzen. Es gibt den Rettungsschirm der Bundesregierung, der in diesem Punkt eine Unterstützung für die Krankenhäuser vorsieht. Ob die vorgesehene Unterstützung jedoch wirklich ausreicht, können wir hoffentlich in etwa zwei Monaten einschätzen.
Sie haben die Operationen angesprochen, die wegen der Corona-Pandemie auch in Ihren Häusern aufgeschoben werden mussten. Wie viele Patienten beziehungsweise Operationen waren davon in den Main-Kinzig-Kliniken betroffen? Was bedeutet das Verschieben dieser Eingriffe für die wirtschaftliche Situation der Kliniken?
Mit dem Beschluss der Bundesregierung, ab dem 16. März gänzlich auf planbare und elektive Operationen und Behandlungen zu verzichten, haben wir bereits am 13. März diesen Schritt vollzogen. Ob Gallen- oder Leisten-Operationen, Schrittmacherkontrollen, gynäkologische und urologische Eingriffe wie Zysten-, Gebärmutterhals- oder Blasen-Operationen sowie Hüft-, Knie- und Schulter-Operationen – die Absagen dieser und weiterer Eingriffe waren sehr umfangreich und betreffen letztlich alle Abteilungen unserer Häuser. Dazu beispielhaft ein paar Zahlen aus der Prothetik: Wir versorgen pro Jahr an beiden Standorten etwa 600 prothetische Patienten mit Eingriffen an Knie, Hüfte oder Schulter. Das sind rund 12 Patienten pro Woche. Somit wurden in den letzten sechs Wochen nur allein in der Prothetik-Behandlung 70 bis 80 Patienten nicht versorgt. 
Wann rechnen Sie damit, dass diese Operationen nachgeholt werden können?
Auch wir haben behutsam begonnen, den schrittweisen Übergang in eine „neue Normalität“ umzusetzen. Dieser erste Schritt beinhaltet eine Steigerung der Operationen um etwa 25 Prozent. Ende Juni prüfen wir weitere Schritte.
In manchen Berichten ist davon die Rede, dass Krankenhäuser wegen abgesagter Operationen sogar Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken mussten. Haben Sie auch in den Main-Kinzig-Kliniken über diesen Schritt nachgedacht?
Nein, Kurzarbeit war und ist bei uns kein Thema. Durch die coronabedingten Maßnahmen ist das Arbeitspensum in manchen Abteilungen geringer geworden – dafür war in anderen Bereichen natürlich Einiges mehr zu tun. Unsere Mitarbeiter nutzen ihr Zeitkonto – für Plus- oder Minusstunden. Bei all unseren Maßnahmen ist Flexibilität ein entscheidender Aspekt. Jeder Mitarbeiter leistet seinen Anteil, um unser gemeinsames Ziel, die gute Versorgung der Bevölkerung, bestmöglich zu erfüllen – und es macht mich stolz zu sehen, auf welche Weise in den verschiedenen Bereichen mit angepackt wird. Somit bin ich mir sicher, dass wir auch für die weiteren Schritte in die „neue Normalität“ gut gerüstet sind.

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