Sandra Ciesek ist die Direktorin des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Frankfurt am Main.
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Sandra Ciesek ist die Direktorin des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Frankfurt am Main.

Experten-Runde in Gelnhausen

Virologin Ciesek: Coronavirus-Impfstoff aus Russland werde an der Bevölkerung getestet

  • Hanns-Georg Szczepanek
    vonHanns-Georg Szczepanek
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Die Virologin Sandra Ciesek hat an einer Talkrunde in Gelnhausen teilgenommen. Ciesek steuerte der Debatte jüngste Forschungsergebnisse zum Coronavirus bei, sprach über die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln und gab ihre Einschätzung zum Thema Impfstoff ab.

Gelnhausen - Das Debattenformat „Stunde der Wahrheit – Wissenschaft am Stammtisch“ hat Hessens Staatsministerin Angela Dorn (Grüne) schon vor dem Coronavirus auf den Weg gebracht. Doch gerade wegen Corona und der Rolle von Wissenschaftlern in der Pandemie ist es zu einem imposanten Forum mutiert. Dies traf am Dienstagabend im Gasthaus „Zum Mühlrad“ in Gelnhausen erst recht zu, weil Hessens Wissenschaftsministerin die Virologin Professor Dr. Sandra Ciesek und den Marburger Sozialpsychologen Professor Dr. Christopher Cohrs eingeladen hatte.

Sandra Ciesek ist die Direktorin des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Frankfurt am Main. Seit Kurzem verfasst sie im Wechsel mit dem Virologen Christian Drosten den Corona-Podcast des Norddeutschen Rundfunks.

Corona-Debatte mit Top-Virologin Sandra Ciesek in Gelnhausen: Sozialpsychologe Christopher Cohrs zu Gast

Vor gut zwei Dutzend Besuchern, darunter zahlreiche Medienvertreter, standen jedoch neben der aktuellen Covid-19-Forschung die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Populismus im Fokus. Hintergrund ist der seit Wochen erstarkende Protest von Kritikern der pandemiebedingten Einschränkungen, den Impfgegner und Anhänger von „Verschwörungserzählungen“ (Cohrs) ebenso mittragen wie radikalisierte Corona-Leugner. Die Diskutanten waren sich darin einig, dass sachliche Kritik nicht nur erlaubt, sondern notwendig und deshalb konstruktiv sei. Allerdings müsse auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse debattiert werden – und nicht auf der Basis von Interpretationen oder allein jenen Fakten, die man anzuerkennen bereit sei.

Christopher Cohrs konstatierte, dass 80 Prozent der Bevölkerung mit den Einschränkungen einverstanden seien. Trotzdem entstehe ein „Populismus von unten“. Dieser habe nichts mit rechts oder links zu tun, sondern speise sich aus der Skepsis gegenüber Eliten und der Annahme, „die da oben“ kümmerten sich nicht genügend um das Volk, das vermeintlich handeln müsse. Die Protestbereitschaft signalisiert dem Psychologen aber auch, dass Bürger aus Unzufriedenheit oder auch aus Unsicherheit an der Gestaltung und möglichen Änderung der geltenden Regelungen mitwirken wollten. Dieses Ansinnen sei legitim, dürfe aber nicht von Leuten „gekidnappt“ werden, die den Staat und seine Institutionen diskreditieren wollten, so Cohrs.

Im Video: Corona-Impfstoff aus Russland - Verdacht auf Manipulation

Virologin Sandra Ciesek kann nicht sagen, wann geeigneter Impfstoff vorliegt

Dass „Corona-Gegner“ daran interessiert seien, den Zusammenhalt in der Gesellschaft aufzubrechen, ist auch für die Ärztin Sandra Ciesek unstrittig. Die Virologin aus Frankfurt steuerte aber vor allem jüngste Forschungsergebnisse zu der Debatte bei. Die Hygiene- und Abstandsregeln seien nach wie vor richtig und vor allem in ihrer Kombination wirksam. Tendenziell verlaufe eine Covid-19-Infektion bei älteren Menschen und speziell Männern schwerer, allerdings trügen auch Übergewicht und Gefäßerkrankungen hierzu bei. Leichtere Verläufe könnten mit einer geringeren Viren-Dosis bei der Ansteckung zusammenhängen.

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Wann ein geeigneter Impfstoff vorliege, vermochte Ciesek nicht zu sagen. Klar sei aber, dass bei dem in Russland vorgestellten Präparat „einfach ein paar Testphasen weggelassen“ worden seien und der Stoff nun „an der Bevölkerung ausprobiert wird“.

Die Virologin Sandra Ciesek (Uniklinik Frankfurt), Sozialpsychologe Christopher Cohrs (Uni Marburg) und Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (rechts) während der Diskussionsrunde „Stunde der Wahrheit“ in Gelnhausen.

Angela Dorn räumte selbstkritisch ein, die Politik habe gerade mit Blick auf das Erklären von Beschränkungen und der Vorgehensweise „sicher nicht alles richtig gemacht“, doch zu Beginn der Pandemie habe es nur wenig Erkenntnisse und Hintergrundwissen gegeben. In einer solchen Situation „ist es natürlich schwierig, zu sagen: Hier stehen wir und dort geht es lang.“ Dennoch sei sie stolz auf die von der großen Mehrheit der Menschen in Deutschland gezeigten Disziplin, ohne die das Land nicht so gut wie bisher durch die Corona-Krise gekommen wäre. „Absolute Gegner“ seien im Übrigen „eine absolute Minderheit“.

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