Immer wieder werden Frauen Opfer von Gewalt – bis hin zu Femiziden, also der Tötung allein aufgrund ihres Geschlechts. Statistisch gesehen nimmt die Zahl der Fälle weiter zu. (Symbolfoto)
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Immer wieder werden Frauen Opfer von Gewalt – bis hin zu Femiziden, also der Tötung allein aufgrund ihres Geschlechts. Statistisch gesehen nimmt die Zahl der Fälle weiter zu. (Symbolfoto)

Femizide in Osthessen

Jede dritte Frau wird Opfer von Gewalt - Frauenhaus-Mitarbeiterin nennt häufigste Gründe

  • VonMarah Naumann
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Fulda, Schlüchtern und Steinau – dramatische Fälle von Tötungsdelikten an Frauen durch ihre (Ex-)Partner haben in den vergangenen Wochen die Menschen in der Region erschüttert. Die Statistik zeigt: Die Zahl der Fälle von Gewalt gegen Frauen nimmt zu, die Gründe dafür sind vielfältig.

Main-Kinzig-Kreis - „Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner“, heißt es in einem Bericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Betroffen seien Frauen aller sozialen Schichten.

Das bestätigt auch Lea Kircher, Mitarbeiterin des Frauenhauses in Wächtersbach (Main-Kinzig-Kreis). „Es gibt noch keine definitiven Zahlen, ob die Gewalt an Frauen hier zugenommen hat. Aber vom Gefühl her rückt es immer näher.“ Das liege auch daran, dass das Thema in Medien und Politik mittlerweile präsenter ist als noch vor einigen Jahren.

Deutschland: Jede dritte Frau wird Opfer von Gewalt

Immer häufiger tritt dabei auch der Begriff Femizid in den Fokus, also die Tötung von Frauen allein wegen ihres Geschlechts. Auch im Fall der Mitarbeiterin des Literaturcafés in Steinau, die vergangene Woche mutmaßlich von ihrem getrennt lebenden Ehemann getötet wurde, fällt der Begriff. Bei der Frau, die tot in ihrem Schlüchterner Wohnhaus gefunden wurde, zieht die Staatsanwaltschaft ebenfalls den Ehemann als Täter in Betracht. Nach dem Mord einer Ärztin in Fulda wurde der Ex-Partner der Frau zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Laut Kriminalstatistik des Landes Hessen wurden 2020 insgesamt 10.013 Fälle von häuslicher Gewalt erfasst. Das entspricht einer Zunahme zum Vorjahr von 7,7 Prozent. 80 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen.

Gründe für auftretende Gewalt sind vielfältig - Schwächen im Justizsystem

Die Gründe für auftretende Gewalt sind vielfältig, wie Lea Kircher berichtet: „Oft spielt Drogen- oder Alkoholmissbrauch eine Rolle. Oftmals wird Gewalt aber auch während der Schwangerschaft ausgelöst, wenn sich familiäre Verhältnisse verändern. Dann haben Männer oft das Gefühl von Macht- und Prestigeverlust. Stress im Job, Armutsverhältnisse oder sozioökonomische Veränderungen, zum Beispiel bei Arbeitsverhältnissen, können ebenfalls Auslöser von Gewalt sein.“

Aufgrund von Scham sowie finanzieller Abhängigkeit der Opfer würden diese Delikte laut Kriminalstatistik in vielen Fällen nicht angezeigt. Kircher nennt noch einen weiteren Grund: „Oft hören betroffene Frauen aus ihrem Verwandten- oder Bekanntenkreis so etwas wie ‚Stell dich nicht so an, das ist halt manchmal so‘.“

Hilfe im Frauenhaus

„Wir empfehlen Frauen, im Fall von Gewalt immer wieder den Schritt zu gehen und Anzeige zu erstatten“, betont Lea Kircher vom Frauenhaus Wächtersbach. Wenn die Gewalt ausarte, könnten Betroffene Schutz im Frauenhaus suchen. Doch sowohl in der Wächtersbacher Einrichtung als auch in anderen Frauenhäusern sind die Plätze meist dauerhaft ausgebucht. Das liege vor allem auch am „prekären Wohnungsmarkt“, weiß Kircher: „Wenn eine Frau ein oder mehrere Kinder hat, ist es für sie nochmal schwieriger, eine bezahlbare Wohnung zu finden.“

Abhilfe bei der Suche nach einem Platz im Frauenhaus soll die neue Internetseite frauenhaus-suche.de schaffen, über die bundesweit aktuell freie Plätze gesucht werden können. „Wenn wir nichts frei haben, unterstützen wir die Frauen bei der Suche nach einem Platz. Die Frauenhäuser sind untereinander sehr gut vernetzt“, versichert Lea Kircher.

Frauen, die Opfer von Gewalt sind, können sich rund um die Uhr an das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter Telefon (08000) 116016 wenden.

Kircher sieht vor allem bei der Justiz dringenden Nachholbedarf: „Für die Täter haben ihre Taten oft keine oder keine ausreichenden Konsequenzen. Hier muss dringend nachgebessert werden.“ Das betreffe auch den Fall der getöteten Steinauerin, die ein Annäherungsverbot gegen ihren Ehemann hatte durchsetzen können – erfolglos.

„Gerade Stalking und psychische Gewalt sind oft schwer nachzuweisen. Da steht meist Aussage gegen Aussage. Bei körperlicher Gewalt sieht man mal einen blauen Fleck, das ist bei psychischer eben nicht so“, stellt Kircher fest. Deshalb fordert sie, dass jene Delikte strenger geahndet werden, „um sie greifbarer zu machen“.

Video: Gedenken an Ärztin - Mahnwache auf dem Universitätsplatz in Fulda

Die Frauenhaus-Mitarbeiterin betont aber auch, dass schon früh Präventionsarbeit geleistet werden müsse, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern. Das fange schon in Kindergarten und Schule an: „Kinder müssen früh lernen, was die Auslöser häuslicher Gewalt sind und dass Schlagen, Treten und Hauen keine Optionen sind.“

Noch immer herrsche auch eine gesellschaftliche Ungleichheit zwischen Mann und Frau, zum Beispiel im Job. Auch hier sei eine umfassende Prävention unumgänglich, um Femizide zu verhindern.

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