Fotos: dpa, privat

„Ein unbeschreiblich großer Verlust“: Vor fünf Jahren starb Tuğçe Albayrak

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Bad Soden-Salmünster - Vor fünf Jahren fiel die aus Bad Soden-Salmünster stammende Studentin Tuğçe Albayrak nach einem heftigen Schlag gegen den Kopf auf einem Parkplatz ins Koma, aus dem sie nicht mehr aufwachte. Der Täter wurde verurteilt und abgeschoben. Der Fall bewegte monatelang die ganze Region. Auch Millionen Menschen im ganzen Land fühlten mit der Familie der jungen Frau. Der Tod von Tuğçe Albayrak löste heftige Diskussionen aus.

Das Schnellrestaurant an der Stadtgrenze von Frankfurt zu Offenbach ist zurzeit umzingelt von Baustellen. Auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude schlug vor fünf Jahren ein junger Mann die Studentin so heftig, dass sie an den Folgen starb. Es war der 23. Geburtstag der Studentin, an dem ihre Eltern im Jahr 2014 die lebenserhaltenden Geräte im Offenbacher Klinikum abstellen ließen. Schon Tage zuvor hatten Mediziner den Hirntod infolge der schweren Kopfverletzung festgestellt, die ihre Tochter auf dem Restaurantparkplatz erlitten hatte.

Rund 1500 Menschen versammelten sich vor dem Klinikgebäude, viele hatten Kerzen angezündet, Medien im In- und Ausland berichteten. Verurteilt für die Tat vom 15. November zu drei Jahren Jugendhaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge wurde ein in Offenbach geborener, damals gerade 18-jähriger Serbe. Die Gewalttat im Morgengrauen löste heftige Debatten über Jugendkriminalität und Zivilcourage aus. Denn die Studentin soll in dieser Nacht im Toilettenbereich des Restaurants zwei 13-jährigen Mädchen beigestanden haben, die unter anderem vom späteren Täter belästigt worden seien, wie es hieß.

„Eine sehr lebensfrohe, fleißige und zielstrebige junge Frau“

Im Prozess vor dem Darmstädter Landgericht wurde deutlich: Die junge Frau gehörte zu einer Gruppe, die mit der Gruppe des späteren Täters heftig aneinandergeraten war. Mit Beleidigungen und Provokationen wurde wechselseitig nicht gespart. Im April 2017, fast zweieinhalb Jahre nach der Attacke, wird der Täter per Sammelflug nach Serbien abgeschoben. Dort leben nach Auskunft der Anwälte seine Großeltern. Zuvor waren er und seine Anwälte vor mehreren Gerichten mit Einsprüchen gescheitert. Es wurde ein achtjähriges Wiedereinreiseverbot nach Deutschland verhängt.

An die Deutsch- und Ethik-Studentin erinnert ein Gedenkstein an der Universität Gießen, die sie besuchte. Auf dem Parkplatz an der Fastfood-Filiale wurde eine Gedenktafel angebracht, ebenso wie an ihrem Geburtskrankenhaus in Bad Soden-Salmünster. Eine größere Gedenkveranstaltung ist zum fünften Jahrestag nicht geplant. Die Erinnerung halten Familie und Freunde mit einem Verein wach. „Ich denke da sofort an eine sehr lebensfrohe, fleißige und zielstrebige junge Frau Mir kommt ein Bild in Erinnerung, auf dem sie breit grinst“, sagt Doğuş Albayrak, der Bruder von Tuğçe Albayrak, im Gespräch mit unserer Zeitung auf die Erinnerung an seine Schwester angesprochen.

Beitrag zu einer bessern Welt

„Aber es existieren auch Bilder im Kopf wie vom Unfallort, im Krankenhaus und während des Gerichtsprozesses, die nicht so schön sind. Es ist nach wie vor ein unbeschreiblich großer Verlust für jeden von uns – und das wird immer so bleiben. Insbesondere für die Eltern ist der Tod des eigenen Kindes ein sehr schwer zu verarbeitender Schicksalsschlag. Es ist für sie ein langer Prozess, auch nach fünf Jahren noch, um wieder seelisch und körperlich in ein Gleichgewicht zu kommen.“

Die Erfolge, die bereits mit dem Verein „Tugçe Albayrak“ erzielt worden seien, dienten „als Trostspender. Dass meine Eltern wissen, dass wir im Namen meiner Schwester etwas Schönes in der Gesellschaft bewirken möchten, gibt ihnen ein gutes Gefühl. Wir möchten das Andenken an meine Schwester bewahren und gleichzeitig ihre Werte weitertragen. Wir möchten einen Beitrag zu einer bessern Welt leisten, um unserem Vereinsmotto „For a better World“ gerecht zu werden. Gewalt soll in der Gesellschaft ganz unten stehen.“

Benefizlauf in Bad Soden-Salmünster

Das Schicksal von Tugçe Albayrak habe starke Emotionen ausgelöst und enorme Aufmerksamkeit auf sich gezogen. „Mit dem Verein wollen wir diese Aufmerksamkeit nutzen, um Menschen gegen Gewalt zu sensibilisieren oder über eine Organspende aufzuklären“, erklärt Doğuş Albayrak. „In unsere Satzung haben wir die Förderung der Kriminalprävention und der öffentlichen Sicherheit, die Förderung der Hilfe für Zivilgeschädigte sowie Opfer von Straftaten und die Förderung der Aufklärung über Organspende aufgenommen.“

In den vergangenen Jahren konzentrierte sich der Verein auf das Thema „Zivilcourage“ und auf Aktionen gegen Gewalt. In Bad Soden-Salmünster gab es im Frühjahr erstmals einen Benefizlauf, den der Verein federführend veranstaltet und der 2020 erneut stattfinden soll. „Mit solchen Veranstaltungen möchten wir zum einen auf die Vereinszwecke aufmerksam machen und zum anderen natürlich Einnahmen generieren, um zum Beispiel an Schulen den richtigen Umgang mit Konfliktsituationen an die Schüler zu vermitteln“, sagt der 30-Jährige. „Wer sich in unserem Verein engagieren möchte, kann sich gerne per Mail an dogus@tugcealbayrak.net an mich wenden.“ / dk, hgs, sar

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