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„Für viele ist der Stress deutlich gestiegen“: Pfarrerin Christine Kleppe über Telefonseelsorge während der Corona-Krise

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Main-Kinzig - Die Angst vor dem Virus, die Sorge vor dem Jobverlust, geschlossene Schulen, Home-Office, kaum soziale Kontakte, Isolation, Quarantäne, Einsamkeit: Die Corona-Krise ist für die gesamte Gesellschaft eine immense Belastungsprobe. Viele Menschen leiden unter der aktuellen Situation. Eine wichtige Hilfe kann da die Telefonseelsorge sein.

Von David Noll

Im Main-Kinzig-Kreis leitet Pfarrerin Christine Kleppe das ökumenische Angebot, das in der Region seit 1976 besteht. Im Interview spricht Kleppe über die Folgen der Krise, die Ängste der Menschen und erklärt, wie die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge in dieser Situation helfen können.

Spüren Sie bei der Telefonseelsorge bereits eine Zunahme von besorgten Anrufern, die Hilfe suchen?

In den vergangenen Wochen ist die Zahl der Anrufe um ein Drittel angestiegen. In über der Hälfte der Gespräche ist die Situation in Folge von Corona ein Thema.

Über was sprechen die Menschen, was beschäftigt sie besonders?

Es geht zum Beispiel um die Sorge einer Ehefrau um die Gesundheit ihres Mannes, der im Pflegebereich arbeitet und mit infizierten Corona-Patienten zu tun hat. Es geht um die Panik einer Anruferin, die schon seit Jahren unter einer Angststörung leidet und sich jetzt nicht mehr vors Haus traut. Eine junge Mutter ruft an, die sich völlig überfordert fühlt mit zwei kleinen Kindern zu Hause im Home-Office und sich von ihrem Mann allein gelassen fühlt. Es geht um den alleinstehenden erwachsenen Sohn, der seine demente Mutter im Pflegeheim nicht besuchen darf und selbst sehr darunter leidet.

Wie viele Menschen kümmern sich bei der Telefonseelsorge Main-Kinzig um die eingehenden Anrufe? Sind sie rund um die Uhr erreichbar?

Im Moment sind in unserer Stelle 76 Ehrenamtliche im Dienst am Telefon – rund um die Uhr, auch an Sonn- und Feiertagen. Manche dieser Ehrenamtlichen haben angeboten, noch mehr Dienste zu übernehmen. Einige Ehemalige fragen an, ob ihr Dienst in diesen besonderen Zeiten gebraucht wird. Das ist nicht nötig, kann sich allerdings noch ändern. Die Dienste sind zurzeit gut besetzt, nicht nur bei uns, sondern auch in den anderen Telefonseelsorge-Stellen. Und die Ehrenamtlichen leisten – nicht nur jetzt – einen sinnvollen Dienst und wichtige Beziehungsarbeit für Menschen, die mit ihren Sorgen allein sind.

Wie gehen Sie bei der Telefonseelsorge mit dieser außergewöhnlichen Situation um? Haben Sie Ihre Mitarbeiter besonders geschult wegen Corona?

Telefonseelsorge reagiert auf Anrufende in dieser besonderen Situation wie sonst auch. Wir sind keine Fachberatung. Die Ehrenamtlichen verweisen, wenn es sinnvoll erscheint oder gefragt ist, auf Fachberatungsstellen vor Ort. Das sind im Moment auch Corona-Hotlines, die von der Kommune oder dem Landkreis eingerichtet sind. Die Beratungsstellen, zum Beispiel vom Diakonischen Werk, halten ihre Angebote aufrecht, wenn auch im Moment telefonisch. Darauf verweisen wir auch.

Ganz konkret gefragt: Wie können Sie besorgten Anrufern helfen, wie muss man sich ein solches Gespräch am Telefon vorstellen?

Die Ehrenamtlichen am Telefon hören zu, versuchen zu verstehen, was den Anrufenden umtreibt an Sorgen, Angst oder Stress. Oft ist erst mal gar nicht so klar, was das Problem ist. Sie helfen, die Dinge zu sortieren, manchmal auch einzusortieren in einen größeren Zusammenhang. Da kann es schon eine Entlastung sein, zu verstehen, dass es ganz normal ist, dass die Unsicherheit, wie es weitergeht mit der Arbeit, Angst macht. Oder dass das enge Zusammenleben als Familie auf engem Raum einfach anstrengend ist und Stress auslöst. Manchmal fragen die Ehrenamtlichen, was der Anrufer früher schon mal in ähnlichen Situationen als hilfreich erlebt hat. Sie halten zusammen mit dem Anrufenden Ausschau nach dem, was gelingt und gut tut, trotz alledem. Die Anrufenden erleben: Da ist am andern Ende der Leitung ein Mensch, der da ist, der mich und meine Sorgen ernst nimmt, der Anteil nimmt und Resonanz gibt. Sie erleben letztlich: „Ich bin mit meinen Sorgen nicht allein.“ Geteiltes Leid – manchmal auch nur mitgeteiltes Leid – ist eben tatsächlich halbes Leid.

Viel ist derzeit von einer möglichen Zunahme häuslicher und sexueller Gewalt zu lesen. Haben Sie in diesem Bereich bereits Anrufe registriert?

Am Telefon kann ich – jedenfalls im Moment – noch keinen signifikanten Anstieg bei diesen Themen wahrnehmen. Spürbar ist aber, dass mit den Einschränkungen im persönlichen und beruflichen Leben durch die Corona-Krise der Stress für sehr viele Menschen deutlich gestiegen ist.

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