Angeklagte Sylvia D. (vorn) mit ihrem Verteidiger im Prozess vor dem Landgericht Hanau. / Foto: Nicole Schmidt

Gerichtsprozess: Zeugin schildert Martyrium des getöteten 4-jährigen Jungen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Hanau - Die Angeklagte Sylvia D. soll im August 1988 den vierjährigen Jan getötet haben, indem sie ihn in einen Sack eingeschnürt ersticken ließ. Am sechsten Prozesstag vor dem Landgericht sagten mehrere Zeugen aus.

In Birgit P. sitzt erstmals eine Frau im Zeugenstand, die der Gemeinschaft vor Jahrzehnten den Rücken gekehrt hat. Sie schildert ein Martyrium, das ihr eigenes und zugleich das weiterer Menschen im Umfeld von D. ist.

Es ist ein Kapitel ihres Lebens, mit dem Birgit P. eigentlich abgeschlossen hat. Der 62-Jährigen fällt es schwer, all das erneut aufzurollen. Der Prozess gegen Sylvia D., der die Staatsanwaltschaft vorwirft, im August 1988 den vierjährigen Jan getötet zu haben, indem sie ihn in einen Sack eingeschnürt ersticken ließ, ist für sie eine schmerzhafte Zeitreise.

„Anfangs waren das nette Zusammenkünfte“

Wenn sie über sich und ihre Jahre in der Gemeinschaft um Sylvia und Walter D. spricht, wird deutlich, dass ihr die Frau von damals fremd ist. Was sie als Dasein in einer Blase schildert, ist die Geschichte einer erschütternden psychischen Abhängigkeit – und die hört die Frau auf der Anklagebank offenbar gar nicht gern. Nicht nur, dass D. die Zeugin mit bohrenden Blicken fixiert, mehrfach bringt sie nonverbal ihre Missbilligung zum Ausdruck.

Birgit P. ist 23, als sie 1981 Sylvia und Walter D. kennenlernt. Eine gute Freundin nimmt sie das erste Mal mit in das Haus der Eheleute, die wie Birgit P. ebenfalls via Adoption Eltern geworden sind. P. beschreibt sich zu dieser Zeit als eine Suchende, jemanden, der sich Gotteserfahrungen wünschte.

Die vom Ehepaar D. getragene Überzeugung, dass Gott über Träume spricht, gefällt ihr. Sie kommt immer wieder in das Haus in Kesselstadt. Anfangs seien das nette Zusammenkünfte gewesen, schildert P. Als eine Art Urchristentum empfindet sie die Treffen, bei denen Sylvia D. ihre Botschaften verkündet und die Träume der Anwesenden gedeutet habe.

Gemeinschaft sprach über Träume und über Gott

Irgendwann, sagt P., sei kein Platz mehr für Kritik oder Zweifel gewesen. Spätestens, seit ein Traum D. als „den Jesus der heutigen Zeit“ definiert hatte. Die Mitglieder seien zunehmend voneinander und von ihrer Außenwelt isoliert und gezwungen worden, ihre Traumtagebücher abzugeben.

Sylvia D. soll ihr und weiteren Mitgliedern der Gruppe in ihrer Funktion als Verkünderin der göttlichen Botschaft gedroht haben – in Monologen. Ab Februar 1988 erhält P. Hausverbot bei Familie D., dafür aber Telefonkontakt. „Zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit hat sie mich angerufen und mich aufs Übelste beschimpft“, schildert P. 1990 verlässt sie mit ihrem Sohn die Gemeinschaft.

Es sei die Regel gewesen, die Kinder wegzusperren

An den Kindern im Haus soll Sylvia D. kaum ein gutes Haar gelassen haben. Auf die drei Adoptivkinder der D.s richtete sich Sylvia D.s Unmut besonders häufig, ebenso wie auf Birgit P.s Sohn Johannes. Und auf den kleinen Jan. Es sei, schildert P., die Regel gewesen, die Kinder wegzusperren.

„Jan hat es besonders schwer gehabt“

Jan wiederum, als die „Reinkarnation Hitlers“, habe es bei Sylvia D. besonders schwer gehabt. Niemals habe es ein liebevolles Wort für ihn gegeben, stundenlang habe der Junge im Wohnzimmer auf dem Töpfchen sitzen müssen, das Gesicht zur Wand gedreht.

In der Küche sei dem Jungen Essen in den Mund gestopft worden. „Schluck runter, du Miststück“, soll Sylvia D. ihn angeherrscht haben, während sie P. aufgefordert habe, Klavier zu spielen, um die Geräusche zu übertönen.

„Jan, das ist für mich das traurigste Kapitel“, sagt P. und beschreibt das Bild, das bis heute ihre Erinnerung an den Vierjährigen bestimmt. „Tränenüberströmt, knallrotes Gesicht, Essensreste am Mund.“ Und da ist noch ein Bild, das sie seit 30 Jahren nicht aus dem Kopf bekommt: Jan, eingeschnürt wie eine Mumie, bewegungsunfähig, auf einer Matratze im Bad.

Das letzte Mal sieht sie Jan ein Dreivierteljahr später, wenige Tage vor seinem Tod. „Ich war geschockt, wie er aussah, abgemagert, mit tiefen Augenringen und vollkommen leerem Blick.“ Für das Gericht hat P. aus ihrer Erinnerung ein Bild gezeichnet. Es zeigt einen kleinen, dünnen Jungen mit hängendem Kopf. Mit dem Jan, der auf einem Schnappschuss von 1985 pausbäckig in die Kamera grinst, hat er nichts mehr gemein. / nic

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