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Haiti aus sicherer Entfernung: Eine Steinauerin erzählt von einem Land, das noch immer unter Erdbeben-Folgen leidet

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Von: Redaktion Fuldaer Zeitung

Die roten Kreise zeigen das Gebiet, das von dem schweren Erdbeben 2010 betroffen war. / Foto: Fotolia
Die roten Kreise zeigen das Gebiet, das von dem schweren Erdbeben 2010 betroffen war. / Foto: Fotolia

Steinau/Haiti - Die Insel Hispañola ist in zwei Länder aufgeteilt. Im Westen die Dominikanische Republik mit der Muttersprache Spanisch. Auf der östlichen Seite das Land Haiti mit der Muttersprache Kreol. Ich habe vieles über die Dominikanische Republik berichtet, doch nun möchte ich auch ein paar Eindrücke von Haiti beschreiben.

Von Marla Núñez Junker

Leider ist es mir nicht erlaubt, selbst das Land zu bereisen. Es ist von meiner Organisation aus verboten worden, da es vom Auswärtigen Amt eine Reisewarnung für Haiti gibt. Die haitianische Geschichte begann, so wie die der Dominikanischen Republik, mit der Entdeckung durch Christopher Columbus. Zuerst wurde die ganze Insel von Spanien erobert und besiedelt. Doch ab 1700 wurden afrikanische Sklaven auf die Insel Hispañola gebracht, um dort auf Zuckerrohrplantagen zu arbeiten.

Im Jahr 1697 gab Spanien ein Drittel der Insel an Frankreich ab. Dieser Teil der Insel wurde Frankreichs reichste Kolonie. Doch am 22. August 1791 gab es einen Sklavenaufstand, der in einem Krieg mündete. Die Kolonialmächte versuchten, dagegen anzukämpfen – doch ohne Erfolg. Am 1. Januar 1804 erklärte sich Haiti für unabhängig. 1820 besetzte Haiti den spanischen Teil, die heutige Dominikanische Republik, und schaffte dort ebenfalls die Sklaverei ab. Frankreich wollte Entschädigung von Haiti für die ehemaligen Plantagen. Haiti zahlte 90 Millionen Golden-Franc an Frankreich aus.

Nach der Unabhängigkeit wurde das Agrarland unter der Bevölkerung aufgeteilt, wodurch der Export an Agrargütern zusammenbrach. Die Hauptexportgüter waren Kakao, Kaffee, Bauholz und Zuckerrohr.

1957 putschte sich ein ehemaliger französischer Arzt, Papa Doc, an die Macht. Er wurde bekannt durch seine Schreckensherrschaft und seine Geheimpolizei, die jeden, der sie missbilligte, beseitigte. Erst Papa Docs Sohn wurde 1986 aus dem Land vertrieben, da die Bevölkerung unzufrieden mit seiner Herrschaft war.

2008 erschütterte eine Lebensmittelknappheit Haiti: Die Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais und Bohnen waren nicht mehr bezahlbar. Es kam zu Unruhen in der Bevölkerung. Doch trotz der Entlassung eines Premierministers änderte sich wenig an der Situation.

Zwei Jahre später erschütterte ein Erdbeben das Land. Bis zu 320.000 Todesopfer wurden gezählt. Das Erdbeben war 25 Kilometer von der Hauptstadt Port-au-Princé entfernt. Die Rettungsmaßnahmen verzögerten sich, da sich das Erdbeben vor Einbruch der Nacht ereignete. Strom und Telefonnetze brachen zusammen. Einen Katastrophenplan gab es in Haiti nicht. Ebenso wurde die medizinische Infrastruktur vom Erdbeben stark beschädigt. Das erste Land, das Hilfe leistete, war die benachbarte Dominikanische Republik.

Diese sendete acht mobile Kliniken, acht Krankenwagen, medizinisches Personal und medizinische Ausrüstung ins Nachbarland. Ebenso wurden Nahrung, Zelte, Decken, Helikopter und Bagger zur Verfügung gestellt. Die Vereinigten Staaten gaben 100 Millionen Dollar für die Hilfe frei. Bis zu 6000 Soldaten und zahllose Hilfsgüter gelangten per Schiff ins Land. Die im Februar 2010 geplanten Wahlen wurden auf den 20. März 2011 verschoben. Neun Monate später hatte das Land mit Cholera zu kämpfen.

Bis heute haben sich einige Gebiete nicht vom Erdbeben erholt. Durch die hohe Arbeitslosigkeit wandern viele Haitianer in die Dominikanische Republik ab. Dort arbeiten sie meist auf Zuckerrohrplantagen oder in Hotels als Poolreiniger.

Bis heute werden Haitianer von Dominikanern angefeindet mit der Begründung: „Sie nehmen uns die Arbeit weg.“ Sie werden oft von der Polizei aus dem Land verwiesen.

Marla Núñez Junker ist 19 Jahre alt und hat sich entschlossen, nach ihrem Abitur während eines Auslandsjahrs in der Dominikanischen Rebublik als Lehrerin für Englisch und Informatik an zwei Schulen zu unterrichten. Die Steinauerin wohnt in dieser Zeit in einem Dorf namens Rio Limpio. Der Aufenthalt läuft über die Organisation Ecoselva.

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