Die 73-Jährige Frau soll vor mehr als dreißig Jahren einen vierjährigen Jungen in einen Leinensack gesteckt haben. Der Junge erstickte an seinem eigenen Erbrochenen.
+
Die 73-Jährige Frau soll vor mehr als dreißig Jahren einen vierjährigen Jungen in einen Leinensack gesteckt haben. Der Junge erstickte an seinem eigenen Erbrochenen.

„Eiskalt und erbarmungslos“

Lebenslang! Mutmaßliche Sekten-Chefin muss wegen Mordes an Vierjährigem ins Gefängnis

Der Fall schlug bundesweit hohe Wellen - nun soll nach mehr als 30 Jahren der Tod eines vierjährigen Jungen gesühnt werden. Für das Hanauer Landgericht steht nach einem fast einjährigen Verfahren die Schuld von Sylvia D. (73) fest. Die mutmaßliche Sekten-Chefin soll das Kind durch Unterlassen getötet haben.

  • Eine 73-jährige Frau wurde heute vor dem Landgericht in Hanau zu lebenslanger Haft verurteilt.
  • Vor mehr als 30 Jahren soll sie durch Unterlassen für den Tod eines vierjährigen Jungen - laut Zeugen in ihren Augen die Wiedergeburt Hitlers - verantwortlich gewesen sein.
  • Das Verfahren wurde erst im letzten Jahr aufgerollt, nachdem ehemalige Mitglieder der Sekte neue Hinweise zu dem Tod des Jungen lieferten.

Hanau - Misshandelt, eingeschnürt in einen Leinensack, abgelegt im Badezimmer, stirbt ein Vierjähriger - erstickt am eigenen Erbrochenen. So hat sich zumindest nach Auffassung der Hanauer Staatsanwaltschaft an einem heißen Sommertag im August 1988 ein grausiges Verbrechen abgespielt. Sie sieht einen Mord durch Unterlassen an dem kleinen Kind. Verantwortlich soll eine heute 73 Jahre alte mutmaßliche Sekten-Chefin sein, die nach dem Willen der Anklage mit lebenslanger Haft bestraft werden soll.

Die Verteidigung weist den Mordvorwurf zurück und sieht eine „Hetzkampagne angeblicher Sekten-Aussteiger“. Sie plädierte nach Angaben des Hanauer Landgerichts auf Freispruch. Es will an diesem Donnerstag das Urteil gegen die Frau sprechen.

Prozess um Mord an Vierjährigem in Hanau: Sohn der „Sekten-Chefin“ beschreibt Mutter als „eiskalt“ und „erbarmungslos“

Zeugen berichteten in dem seit Oktober 2019 laufenden Verfahren vom strengen Regiment der 73-Jährigen sowie von den Leiden des Jungen und auch anderer Kinder. Wegbegleiter und Aussteiger berichteten von seelischen Grausamkeiten, Gehirnwäsche, psychischer und physischer Gewalt in der Hanauer Gruppe. Ihre Gefolgschaft soll die Angeklagte mit ihrer Spiritualität beeindruckt haben. Sie gab vor, mit Gott in Kontakt zu stehen und im Traum Botschaften von ihm zu empfangen.

Einem Gutachter zufolge hat sie zwar eine Persönlichkeitsstörung, ist aber voll schuldfähig.

Ein leiblicher Sohn der 73-Jährigen schilderte in dem Verfahren seine Mutter als „eiskalt“, „erbarmungslos“ und „totale Instanz“. Als damals 14-Jähriger will er das Leiden des Jungen an jenem Augusttag gesehen haben. Das Kind soll zur Züchtigung in einen Leinensack geschnürt und im Badezimmer abgelegt worden sein. Der Junge habe verzweifelt geweint. „Das Schreien hat sie überhaupt nicht interessiert“, gab der Sohn in seiner Aussage über seine Mutter an, die am Tattag auf das Kind aufpassen sollte. Irgendwann sei sie ins Badezimmer gegangen und dann sei plötzlich absolute Ruhe gewesen.

Wenig später habe er gesehen, wie Erbrochenes aus dem Mund des bleichen, leblosen Jungen geholt worden sei.

Nur verdorbene Lebensmittel zum Essen - Kinder litten in der Sekte

Zeugen berichteten, dass auch andere Kinder in der Gemeinschaft leiden mussten. Sie sollen eingesperrt, geschlagen und misshandelt worden sein. Aus Sparsamkeit hätten sie verdorbene Lebensmittel essen müssen. Sie hätten Brot auf die Heizung gelegt, um warmes Essen zu haben, während die Angeklagte und ihr Mann Luxusartikel gekauft hätten.

„Es gruselt einen, was um Sie und Ihre Gemeinschaft passiert ist“, wird der Vorsitzende Richter Peter Graßmück in der Hessenschau zitiert: „So etwas haben wir noch nicht erlebt.“ Das Gericht stellte niedrige Beweggründe als Mordmerkmal fest.

Die 73-Jährige sieht in den Aussagen eine Rufmord-Kampagne. Und sie bekam in dem Verfahren auch Rückendeckung. So gab die Mutter des getöteten Jungen an, die ehemalige Krankenschwester sei liebevoll mit den Kindern umgegangen. Sie hütete die Kinder, während Eltern und Mitglieder der Gruppe arbeiteten. Die Zeugin verlor kein böses Wort und sagte über die Angeklagte: „Sie ist wie eine Schwester und gute Freundin für mich.“

Mord an Vierjährigem Jungen - Verbrechen blieb viele Jahre unentdeckt

Das Verbrechen blieb lange unentdeckt. 1988 waren Ermittler zunächst von einem Unfall ausgegangen. Als Notarzt und Polizei eintrafen war der Sack der Staatsanwaltschaft zufolge verschwunden und der Junge lag im Kinderzimmer. 2015 wurde der Fall nach Hinweisen von Sekten-Aussteigern und der medialen Beleuchtung des Themas durch die Zeitung „Frankfurter Rundschau“ noch einmal neu aufgerollt.

Lesen Sie hier: Mammut-Prozess gegen Hanauerin startet - hat Sylvia D. einen Vierjährigen ermordet?

Als Motiv sieht die Staatsanwaltschaft, dass die 73-Jährige durch den Tod des Jungen ihre Machtposition stärken wollte. Sie habe das Kind als „vom Bösen besessen“ bezeichnet. Nach dem Tod habe sie die Eingebung vorgetäuscht, dass Gott das Kind geholt habe. Der Junge sei die Wiedergeburt Hitlers gewesen.

Was immer an dem Tag in August 1988 in Hanau geschah, juristisch kann die 73-Jährige nach Angaben einer Sprecherin des Landgerichts nur wegen Mordes zur Verantwortung gezogen werden. „Alles andere wäre verjährt.“ (dpa,akh)

Das könnte Sie auch interessieren