Foto: Sergey/stock.adobe.com

Hausbesichtigungen mit Abstand: Eine Maklerin über Immobiliengeschäfte in der Krise

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Sinntal - Mieten, Kaufen – Corona: Auch den Immobilienmarkt trifft die aktuelle Situation. Kreativität und Einfallsreichtum sind deshalb gefragt, um Wohnraum an die Frau oder den Mann zu bringen. Nicht alles ist dabei möglich. Von Krisenstimmung ist Annegret Kress von Immobilienwelt Kress in Sinntal trotzdem weit entfernt. Sie blickt zuversichtlich in die Zukunft. Das steckt glücklicherweise an.

Von unserem Redaktionsmitglied Lena Quandt

„Als Arbeitgeber muss ich meine Angestellten schützen“, sagt Annegret Kress von Immobilienwelt Kress in Sinntal. Die Entwicklung der Corona-Krise habe sie daher schon früh beobachtet – und für ihren Betrieb entsprechende Schutzmaßnahmen auf den Weg gebracht, erläutert sie.

Dass die Anfragen nach Immobilien verhaltener sind als sonst, liegt laut Kress an Corona, aber auch am schönen Wetter. Ein Beispiel: „Stelle ich eine Mietwohnung an einem Freitag online und das Wetter ist am Wochenende schlecht, habe ich am Montagmorgen bereits mindestens zehn Anfragen im Postfach.“

Mieten schon in normalen Zeiten schwierig

Eingebrochen ist ihr Geschäft trotz Corona nicht. Ihre Angestellten, meist junge Frauen mit Kindern und Familien, hat Kress ins Home-Office geschickt. Mieten in der Region, das ist laut Kress schon in normalen Zeiten schwierig. Auf eine neue Wohnung im Raum Sinntal, Schlüchtern, Steinau und Bad Brückenau kommen am Tag bis zu 20 Anrufe und Anfragen. Wer Tiere hat oder auf das Geld schauen muss, für den sei es fast unmöglich eine Wohnung zu finden, weiß sie aus Erfahrung.

Gepflegte Häuser in gutem Zustand verkauft die Sinntalerin häufig in der ersten Woche, in der sie auf dem Markt sind – auch jetzt. Von Landflucht keine Spur. Eher das Gegenteil. Die Käufer kommen meist aus Frankfurt, Darmstadt oder Offenbach, sind oft im Rentenalter. Wer im Rhein-Main-Gebiet eine Zwei- oder Dreizimmerwohnung verkauft, bekommt für das Geld ein Haus in Sinntal. Doch Kress gibt zu Bedenken: „Die Preise für Bestandsimmobilien sind rund um Frankfurt in den vergangenen Jahren explodiert. Das ist völlig überzogen. Und wer sich hier bei uns Bauen oder Kaufen nicht leisten kann, hat inzwischen ein Problem.“

In den ersten Wochen der Kontaktsperre hatte Kress Besichtigungen von Immobilien grundsätzlich ausgesetzt. Schwer sei das nicht gewesen, denn der Markt im angrenzenden Bayern, wo das Unternehmen ebenfalls agiert, sei momentan komplett auf Eis gelegt. „Da kann wenig stattfinden. Unsere Nachbarn setzen die derzeit geltenden Regeln wesentlich strikter um, mit Geldstrafen und großem Polizeiaufgebot. Ich finde das absolut richtig“, bekräftigt sie.

Mit der Situation arrangiert

Kress hat sich mit der Situation arrangiert. Denn mit ein bisschen Kreativität geht auch in Zeiten der Kontaktsperre mehr als man denkt. „Der Betrieb muss natürlich weiterkommen, also haben wir uns Gedanken gemacht“, erzählt sie. Konkret bedeutet dies, dass leerstehende Immobilien besichtigt werden können, Bauplätze auch. Es sei ein Leichtes dort die Abstandsregeln einzuhalten, berichtet die Unternehmerin. „Oft haben wir auf den Baugrundstücken sogar drei bis vier Meter Abstand voneinander. Um freistehende Häuser zu besichtigen, machen wir einen Treffpunkt auf dem Grundstück aus. In den Innenräumen geht keiner direkt nacheinander durch dieselbe Tür und in den Zimmern ist es dann ein bisschen wie in einem großen Stuhlkreis. Das ist gut praktikabel“, erzählt die Immobilienmaklerin.

„Mit jedem Tag wird es besser“

„Mit jedem Tag wird es besser, weil inzwischen alle für das Thema sensibilisiert sind. Was im öffentlichen Leben zu sehen ist, spiegelt sich bei unseren Terminen“, berichtet sie. Bei dem was nicht geht, positioniert sich Kress klar und deutlich: Termine für noch bewohnte Wohnungen und Häuser werden nicht vergeben, sondern auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Viele Hausverkäufer gehören etwa zur Risikogruppe. In den vergangenen Wochen hatte die Sinntalerin höchstens zwei „unbelehrbare Menschen“ am Telefon, die die Schutzmaßnahmen nicht begrüßten. Damit kann sie leben: „Ich treffe diese Entscheidung schließlich nicht nur für mich, sondern auch für meine Mitarbeiter, die aktuellen Mieter, Vermieter und Hausbesitzer. Ich bringe keinen in die Zwickmühle, setze niemanden unter Druck.“

Großes Lob an Politik

Ein großes Lob sendet Kress derweil an die Politik: „Unsere Regierung leistet hervorragende Arbeit in einer Situation, für die es keinen Masterplan gibt.“ Die Frage, ob sie sich als Selbstständige besonders betroffen fühlt, beantwortet Kress mit Nein. Für sie haben Selbstständige keine Sonderstellung in der aktuellen Krise: „Jeder ist auf irgendeine Art tangiert. Den jungen Familienvater, der gerade ein Haus gebaut hat, trifft die Kurzarbeit doch genauso hart, wie den Selbstständigen die fehlenden Aufträge. Eine Hierarchie der Betroffenen aufzubauen, halte ich für falsch. Das müssen wir jetzt gemeinsam stemmen.“

Das könnte Sie auch interessieren