Blick auf das Brüder Grimm Haus im Stadtzentrum von Steinau an der Straße.
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Der Haushalt in Steinau an der Straße steht auf der Kippe - und damit auch das Brüder-Grimm-Haus.

Nicht nur wegen Corona

Haushalt in Steinau an der Straße steht auf der Kippe - und damit auch das Brüder-Grimm-Haus

  • Sabine Simon
    vonSabine Simon
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Genau vor einem Jahr drehte sich schon einmal alles um die Personalkosten der beiden Steinauer Museen. Kann ein Drehkreuz am Eingang Abhilfe? Am Ende geht es aber auch um grundsätzliche Fragen, denn der Haushaltsentwurf 2020 steht auf der Kippe.

Steinau - Burkhard Kling stehen Sorgenfalten auf der Stirn. Der Leiter von Brüder-Grimm-Haus und Museum Steinau macht sich Gedanken um den Fortbestand der beiden Einrichtungen. Nicht nur aufgrund der Corona-Pandemie und der dadurch ausgebliebenen Besuchergruppen aus aller Welt, sondern auch, weil seine Häuser schon länger Inhalt einer Diskussion der städtischen Gremien sind.

Man spreche seit Jahren über dieselben Dinge. Natürlich laufe auch in seiner Arbeit nicht alles rund, räumt er ein. Er nehme Kritik an, aber es sei nicht alles Humbug, was er tue, möchte er betonen. „Wir können immer etwas besser machen: weniger Geld ausgeben, mehr Drittmittel und Spenden einwerben, Dinge sinnvoller planen, weniger Personal beschäftigen, Angebote in noch mehr Sprachen realisieren, tollere Souvenirs anbieten, Bücher verlegen, Exponate ankaufen. Aber das kostet eben eine Menge Geld“, betont Kling.

Kling: Gemeinsames touristisches Konzept fehlt

Er fürchtet, dass die geforderten Einsparungen zwangsläufig zu einer Schließung der beiden Steinauer Museen führen könnten. Das Werbebudget von zusammen knapp 3000 Euro für beide Häuser reiche nicht aus, um „große Sprünge“ zu machen, überregionale Medien zu erreichen, Anzeigen zu schalten.

Sein Ziel: Immer mehr Besucher in die beiden Museen locken und damit Touristen in die Grimmstadt. Mit international beachteten Ausstellungen. Durchschnittlich würden Besucher rund 27 Euro ausgeben – vielleicht bei Bäcker Fink, eventuell in der Apotheke oder bei Café Bär. Was fehle, sagt Kling, sei ein gemeinsames touristisches Konzept aller Akteure.

Personalkosten sind das Corpus Delicti

Kling hat gerade erst einen Brief an die Stadtverordneten verfasst, in dem er dafür wirbt, eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten. Denn: Das Corpus Delicti sind wieder einmal die Personalkosten.

Ist ein Drehkreuz am Eingang zum Museum Steinau statt Kassenpersonal die Lösung?

Nach einer Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses (HFA) und in Vorbereitung auf die nächste Runde in Sachen Haushaltsberatung waren verschiedene Bereiche innerhalb der Verwaltung dazu aufgerufen worden, Einsparpotenzial zu benennen oder „abzunicken“.

Drehkreuz-Installation eine Lösung?

Darunter auch die Museen mit 32.800 Euro (wir berichteten). Dabei handelt es sich um Kosten für Honorarkräfte beider Häuser, die unter anderem Kasse und Aufsicht übernehmen.

Das Thema kommt nicht zum ersten Mal auf den Tisch. Genau vor einem Jahr hatte die UBL vorgeschlagen, am Eingang des Heimatmuseums ein Drehkreuz zu installieren, um Personal zu sparen. Am Ende wurde daraus nichts, auch weil Bürgermeister Malte Jörg Uffeln (parteiunabhängig) und die zurückgetretene SPD-Fraktionschefin Sonja Senzel dagegen waren. Das Problem aber blieb.

UBL: Bei den Museen besteht Handlungsbedarf

Kling, der die Kritik durchaus annimmt, gibt zu bedenken, dass es für Besucher seltsam anmute, wenn diese ein renommiertes Haus besuchten, aber niemand an der Kasse sitze, für Fragen und den Souvenir-Kauf zur Verfügung stehe. Zudem gebe es Auflagen der Versicherungen.

Man müsse sich grundsätzlich fragen: „Will ich Brüder-Grimm-Stadt sein und leiste mir zwei renommierte Museen oder eben nicht?“ Das sei laut Ewald Mattheis (UBL) gar nicht die Frage.

„Die Finanzsituation der Stadt in Verbindung mit den sinkenden Einnahmen aus Eintrittsgeldern machen deutlich, dass bei den Museen Handlungsbedarf besteht“, erklärt er. Gerade, um ihren Fortbestand zu sichern. Die finanzielle Situation der Stadt sei dramatisch.

SPD: Museen sind systemrelevant

„Wir waren schon vor der Corona-Krise finanziell am Boden“, so Mattheis. Der HFA hangele sich aktuell von einer Sondersitzung zur nächsten, um die Grundlage für einen genehmigungsfähigen Haushalt zu schaffen. „Wir stehen nämlich kurz davor, die kommunale Selbstständigkeit zu verlieren“, betont Mattheis.

Man gebe mehr Geld für Personal aus als man Eintrittsgelder einnehme, sagt auch Markus Harzer (SPD), der im selben Atemzug die hervorragende wissenschaftliche Arbeit von Burkhard Kling lobt. „Für Steinau sind die Museen systemrelevant – und ein Aushängeschild“, so Harzer. 

Einsparungen in Höhe von 630.000 Euro?

Bisher haben die Mitglieder des HFA gemeinsam mit der Verwaltung mögliche Einsparungen in Höhe von 630.000 Euro beraten, in erster Linie, um die von der Verwaltung angedachte Erhöhung der Gewerbesteuer A und B auf 855 Prozent zu verhindern. Allein rund 420.000 Euro stammen dabei aus dem Stellenplan der Stadt.

Die 32.800 Euro, die die Museen dazu beitragen sollen, muten vergleichsweise gering an, sind für Burkhard Kling aber durchaus eine Menge Geld. Vor allem weil der Haushaltsentwurf allein für das Brüder-Grimm-Haus einen zu erwirtschaftenden Zuschussbedarf von 186.000 Euro ausweist, Drittmittel und Spenden, die Kling auch erst einmal „heranschaffen muss“, wie er sagt.

Einsparpotenzial nur bei Personalkosten?

„Der Haushalt wird zu einem Zeitpunkt gekürzt, an dem Landesmittel längst beantragt oder zum Teil schon bewilligt sind. Dann können die Komplementärmittel, die Eigenmittel sein müssen, nicht erbracht werden. Dann wird geschimpft, wir müssten mehr Landesmittel einwerben, um den Betrieb am laufen halten. So funktioniert das nicht“, erklärt Kling. „Wir können dieses Jahr nichts einsparen, das Geld ist ja längst ausgegeben. Ich müsste schließen. Oder mich selbst an die Kasse setzen.“

Dazu hat Tim Schätzke (UBL) eine klare Meinung: „Ich sehe kein Einsparpotenzial im Museum an sich, sondern nur bei den Personalkosten. Für Ausstellungen und Werbung, welche das Haus braucht, um die Besucherzahlen zu erreichen, die seit Jahren im Haushalt versprochen werden, braucht man keine zwölf 450-Euro-Kräfte für acht Besucher täglich, die zu zweit pro Schicht tätig sind.“

Uffeln spricht von „Skandal“

Der Antrag seiner Fraktion für eine digitale Einlasskontrolle sei gezielt missverstanden worden: Man habe nie von einer Schließung gesprochen. „Wenn das Personal Führungen für Besucher anbieten würde, würde ich die Sache ganz anders sehen“, so Schätzke. Nachdem im Haushalt der Verwaltung beispielsweise ähnlich stark besetzte Stellen gestrichen wurden, sei das nur eine faire und logische Konsequenz.

„Wenn der Haushalt nicht beschlossen wird, ist das der Tod einer jeden freiwilligen Leistung“, sagt Uffeln dazu. „Einige unverantwortlich agierende Stadtverordnete schrotten die Museen. Und danach kommen weitere freiwillige Leistungen.“ Das sei ein Skandal.

Verhärtete Fronten

Die Fronten sind verhärtet. Solange der Haushalt nicht verabschiedet ist, kann die Stadt nur Pflichtausgaben tätigen, Gewerbesteuerstundungen aufgrund der Corona-Pandemie reißen ein immer größeres Loch in den Stadtsäckel. Ein Ausweg? Laut Tobias Betz (BGM) ist keiner in Sicht.

Um einzusparen, müsse jeder Bereich seinen Beitrag leisten – auch die Museen. Insgesamt seien tausend Dinge ungeklärt. „Wir versuchen mit allen Mitteln eine Erhöhung der Grundsteuern zu verhindern.“ Wie könne man Bürgern, die in Kurzarbeit um ihre Existenz bangten, eine Steuererhöhung erklären. „Da gehen selbst mir die Argumente aus.“ 

Seit Anfang Juli 2020 kursierten dann Meldungen, dass die Museen in Steinau an der Straße wegen des Sparkurses der Stadt schließen, und die Sorge, dass Mitarbeiter entlassen werden müssen. Ab 15. Juli sollte es eine Demonstration für den Erhalt der Museen geben.

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