Heide Buhmann (Zweite von rechts) mit Pfarrerin Annalena Wolf (Mitte) und Pfarrer Wilfried Battefeld. / Foto: Dietmar Kelkel

Heimat „jenseits von Eden“ – Kuki verabschiedet sich von Gemeindezentrum

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Schlüchtern - „Die Zukunft ist definitiv ungewiss“, sagte Heide Buhmann, Vorstandmitglied im Kultur- und Kinoverein (Kuki), mit Tränen in den Augen.

Anlass für die emotionale Äußerung ist der Kuki-Abschied aus dem Gemeindezentrum. Buhmann sprach von „einer fruchtbaren und warmherzige Kooperation“ mit der evangelischen Kirchengemeinde.

Fünf Jahre lang hätten die Zuschauer im Saal des Gemeindezentrums große Kinofilme und außergewöhnliche Konzerte erlebt. „Wir wussten es zu schätzen, hier zu sein. Wir hatten wunderbare Momente. Es fällt mir schwer, Auf Wiedersehen zu sagen.“ Am 16. Dezember fällt dort zum letzten Mal der Vorhang, denn die Kirchengemeinde benötigt wegen der anstehenden Renovierung der Stadtkirche die Räumlichkeiten verstärkt wieder selbst. Ein neues Konzept sei noch im Werden, betonte Buhmann. Mit der Stadt seien Vorgespräche geführt. Doch ob und wie es im kommenden Jahr weitergehe, wisse derzeit niemand.

Battefeld ist Filmkenner

„Kino braucht eine feste, bequeme Bestuhlung am besten mit aufsteigenden Stuhlreihen, damit die Untertitel zu sehen sind, wenn ein Film im O-Ton ausgestrahlt wird.“ Natürlich biete das Zirkuszelt eine besondere Atmosphäre. „Das war eine schöne Zeit im Zelt. Die Infrastruktur muss aber stimmen. Wir brauchen Nebenräume und Toiletten. Es ist nicht damit getan, das Zirkuszelt hier abzubauen und irgendwo anders aufzubauen.“ Auch „Kuki on Tour“ sei kostenintensiv. „Wir brauchen daher einen regelmäßigen Kinobetrieb, um Rücklagen zu bilden, defizitäre Veranstaltungen auszugleichen“, hob Buhmann im Gespräch mit den Kinzigtal Nachrichten hervor.

Pfarrer Wilfried Battefeld zeigte sich in seiner Rede zum Abschied als Filmkenner. Er beschrieb das Zusammenspiel von Kirche und Kino als „Cinema Paradiso“. „Herausragende Filme ziehen uns mit ihren Geschichten in den Bann wie die Geschichten und Gleichnisse aus der Bibel.“ Sein Wunsch sei, dass das Kulturkino eine neue Heimat finde – jenseits von Eden. / kel

Nachfolgend lesen Sie die Rede von Pfarrer Battefeld im Wortlaut:

Ganz langsam weicht das Licht.

Bis es ganz verloschen ist.

Wie ein dickes dämpfendes Tuch legt sich die Dunkelheit über die Menschen.

Die Gespräche verstummen.

Ein letztes Räuspern.

Hier und da wird noch ein Stuhl zurechtgerückt.

Die obligatorische Flasche fällt um.

Immer und überall fällt diese Flasche um, das scheint ein ehernes Gesetz zu sein.

Ein letztes Tuscheln.

Dann endlich Ruhe.

Ja, und Stille, tatsächlich, für einen Moment.

Schlagartig wird es wieder hell.

Licht explodiert in tausend Farben.

Vorn, auf der großen Leinwand.

Und Töne — von allen Seiten.

Der Film beginnt.

Faszination Kino.

Der Gemeindesaal ist längst kein Gemeindesaal mehr.

Er wird zu einem Tor in die Welt.

Ja, mehr noch: ein Tor zu den Sternen.

Stargate.

Ein Blick in neue Welten.

Und seien sie noch so irdisch.

Ein Blick in ferne Zeiten.

Und seien sie noch so aktuell.

Ein Blick in verletzte Seelen.

Und seien sie noch so abgründig.

Ein Blick über Länder und Meere.

Durch Raum und Zeit.

Ein Blick in den letzten Winkel.

Das alles macht sie aus, die Faszination Kino.

Im Film „Cinema Paradiso“ aus dem Jahr 1989 erzählt der italienische Regisseur Guiseppe Tornatore mit einer kräftig nostalgischen Färbung von der Faszination des Kinos.

Der kleine Salvatore, den alle nur Toto rufen, wächst in den Vierziger- und Fünfzigerjahren in einem sizilianischen Dorf auf.

Heimlich schleicht er sich immer wieder ins Dorfkino, um ein Blick auf die Filme zu erhaschen. Dabei freundet er sich mit dem Filmvorführer Alfredo an, der für den kleinen

Toto mehr und mehr den Platz des verstorbenen Vaters einnimmt. Als nach einem Brand im Kino Alfredo erblindet, setzt Toto dessen Arbeit fort

und führt nun selbst die Filme vor.

Nach einer unglücklichen Liebesgeschichte (warum nur sind die schönsten Liebesgeschichten im Kino immer unglücklich?) geht Toto auf Alfredos Rat hin fort, um etwas aus sich zu machen.

30 Jahre später kehrt er als berühmter Filmregisseur aus Rom zur Beerdigung von Alfredo in seine sizilianische Heimat zurück.

Im Nachlass von Alfredo findet er eine für ihn bestimmte Filmrolle, auf der Alfredo all die Kussszenen und die Umarmungen zusammengeklebt hat, die er einst auf Geheiß des Pfarrers herausschneiden musste.

Wir haben in den vergangenen Jahren das Cinema Paradiso im Gemeindesaal beherbergt — und es mussten keine Kussszenen herausgeschnitten werden — von weiteren Liebesbekundungen ganz zu schweigen. Nein, die Filme konnten in ihrer ganzen, bunt schillernden Vielfalt erstrahlen,

denn es ging in ihnen um das Leben in seiner ganzen Fülle. Eben mit seinen Höhen und Tiefen, mit den schönen und tragischen Momenten, zwischen Hoffen und Bangen, unter Weinen und Lachen.

Da treffen sich Kino und Kirche. Denn in beidem geht es zuerst um die Menschen, um ihre Hoffnungen und Ängste, ihren Glauben und Irrglauben, ihre Verzweiflung und ihre Träume.

In beidem geht es um das Leben in seiner ganzen schrecklich-schönen Fülle. Fasziniert sind wir den vielen Geschichten gefolgt. Manche Kinogeschichten begleiten uns ein ganzes Leben.

Für mich ist das unter anderem die Star-Wars-Saga.

Als ich zum ersten Mal ganz fasziniert die gelbe Schrift über die Leinwand laufen sah, war ich gerade 19 Jahre alt geworden. Wir schrieben das Jahr 1977, und ich hatte nach dem Abitur mein

Theologiestudium in Marburg begonnen. Nach der Kindheit in einem kleinen Dorf lebte ich jetzt in einer Unistadt mit mehreren Kinos und einem breiten Filmangebot. Waren das glückliche Zeiten!

Die letzten Filme der Star-Wars-Reihe habe ich mit meiner Frau und den inzwischen erwachsenen Söhnen im Gemeindesaal gesehen. Noch immer ein fester Termin, wenn sie Weihnachten zu Besuch kommen. Nun allerdings nicht mehr im Gemeindezentrum.

Ach ja.

„As Time Goes By“.

Haben Sie bei diesen Worten jetzt auch eine Melodie im Ohr? Es gibt Filme, die sind bei vielen von uns in ihrem kulturellen Gedächtnis

abgelegt. Kaum nennt man ihre Titel, oder summt eine Melodie - oder streut ein Zitat ein, wie „Schau mir in die Augen, Kleines!“ — schon sehen wir ihre Bilder:

„Casablanca“, „Vom Winde verweht“, „Spiel mir das Lied vom Tod“, um nur mal drei zu nennen.

Solche Filme werden gemeinhin Klassiker genannt.

Zum Teil noch in schwarz-weiß, mit einer rauschenden Tonspur. Die moderne digitale Filmtechnik ist inzwischen Lichtjahre von ihnen entfernt. Warum haben ausgerechnet diese Filme die Zeiten überdauert?

Ja, es liegt auch an großer Schauspielkunst und genialen Regisseuren. Sie sind aber vor allem deshalb zeitlos, weil sie eine Geschichte erzählen.

Das ist noch immer das Geheimnis der wirklich guten Filme im Kino — trotz allem technisch möglichen Schnickschnack: die herausragenden Filme ziehen uns mit ihrer Geschichte in den Bann. Geschichten, die uns begleiten seit unseren Kindertagen, die uns nicht loslassen, die uns immer wieder mal über den Weg laufen wie alte Bekannte, die uns in Frage stellen und ermutigen, trösten und anspornen: wer denkt da nicht an die bunte Welt der Märchen und an — die Bibel!

Auch sie – ein Klassiker.

Wenn wir an unsere Erfahrungen mit den verschiedenen Büchern in der Bibel denken, fallen uns da nicht vor allem ihre Geschichten ein?

Adam und Eva im Paradiesgarten, Noah mit den Tieren an Bord der Arche, Mose auf dem Berg, die steinernen Tafeln mit den 10 Geboten in seinen

Händen, Josef und Maria mit dem Jesuskind in der Futterkrippe, die Kreuzigung Jesu auf einem Hügel vor den Toren Jerusalems.

Und es sind nicht nur die Bilder der klassischen Bibelfilme, die wir jetzt vor Augen haben. Es sind Bilder, die wir zum Teil seit unserer Kindheit mit uns herumtragen.

Und hatte Jesus nicht auch deshalb so viel Erfolg mit seiner Verkündigung, weil er seine neue Botschaft von Gott in geniale kleine Geschichten verpackte?

Wer kennt sie nicht, seine Figuren aus den Gleichnissen: den barmherzigen Samariter, den verlorenen Sohn, den kleinen Zöllner Zachäus auf dem Baum, den Sämann, den Händler, die arme Witwe.

Es sind Geschichten, die uns prägen von Kindheit an. Und darin vor allem ihre Personen, von den Königen der Kinderbibel bis zu den liebenswerten Charakteren der Astrid Lindgren, von den Kindern aus Bullerbü bis zu den Gestalten aus Batman, von Scarlett O’Hara bis Prinzessin Leia, von Harry Potter bis Gandalf, dem Grauen.

Deshalb hat das Kuki im Schlüchterner Gemeindehaus eine gute Herberge gefunden und wir hatten dadurch unzählige Filmcharaktere bei uns zu Gast. Unvergessliche Filmfiguren, die uns ihre Geschichte erzählt haben.

Im Zusammenspiel von Kirche und Kino wurde unser Gemeindesaal wirklich zum Cinema Paradiso.

Wir konnten eintauchen in Geschichten, die uns die Welt auf eine neue und manchmal überraschende Weise gezeigt haben. Einige Filme haben uns dadurch zu neuen Einsichten verholfen. Andere haben uns den Spiegel vorgehalten und uns dadurch genötigt, unser eigenes Handeln zu überdenken. Am schönsten waren die Geschichten, die uns gezeigt haben, was uns Menschen möglich ist, zu was wir in der Lage sind, wenn wir die Hoffnung nicht aufgeben.

Sie haben uns ein Fenster in die Zukunft geöffnet, uns motiviert und angespornt, hinter den Horizont zu sehen, den nächsten Schritt zu wagen und für neue Dinge offen zu sein.

Jetzt schließt das Cinema Paradiso in der Kirchstraße 32 seine Pforten. Es ist ihm zu wünschen, dass es bald eine neue Heimat finde.

Jenseits von Eden.

Wo dann langsam das Licht verlöscht, die Gespräche verstummen und – nach dem Fall der letzten Flasche - die Farben explodieren.

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