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Einzigartiges Modellprojekt zur Notfallversorgung im Main-Kinzig-Kreis

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Krankenhaus
Nicht jeder medizinische Notfall muss in einer Notaufnahme im Krankenhaus behandelt werden. In manchen Fällen reicht eine Arztpraxis aus. (Symbolbild) © Julian Stratenschulte/dpa

Im Main-Kinzig-Kreis wird ein deutschlandweit einzigartiges Modell zur Notfallversorgung erprobt. Die wichtigsten Gesundheits-Akteure des Landes erklären, was das bringen soll und wieso es nötig ist.

Frankfurt/Main - Überfüllte Notaufnahmen, unnötige Rettungsdienstfahrten, ineffektive Parallelstrukturen: Die Notfallversorgung muss reformiert werden, darüber sind sich alle einig. In drei hessischen Landkreisen wird nun testweise versucht, ungeplante Behandlungsfälle besser zu organisieren. Einer der Hebel: die Digitalisierung. Sozialminister Kai Klose (Grüne) stellte das Modellprojekt SaN (Sektorenübergreifende ambulante Notfallversorgung) am Mittwoch in Frankfurt vor.

Klose sprach von einem „echten Meilenstein“. Ziel sei, dass Patientinnen und Patienten schneller an die richtige Stelle im Gesundheitswesen gelangen: Wer ins Krankenhaus muss, kommt in die zentralen Notaufnahmen der Kliniken. Bei wem eine Arztpraxis ausreicht, wird vom Rettungsdienst in eine Partnerpraxis gefahren. Erprobt werden soll das ab 1. April bis zunächst Ende März 2024 und zwar in den Landkreise Main-Kinzig-Kreis, Main-Taunus-Kreis und Gießen.

Hessen: Krankenhaus oder Praxis? Modellprojekt in drei Landkreisen

Die Voraussetzungen dafür sind vor allem technischer Natur. Denn der ambulante und der stationäre Sektor - also Arztpraxen und Krankenhäuser - sowie die Rettungsdienste müssen verzahnt werden. Das Modellprojekt besteht daher aus drei Elementen: Erstens werden die Leitstellen des Rettungsdiensts und der Kassenärztlichen Vereinigung technisch miteinander verknüpft. Zweitens werden die Partnerpraxen an das Kapazitätsplanungssystem der Kliniken (IVENA) angeschlossen. Drittens wird eine Software (SmED) eingeführt, die eine einheitliche medizinische Ersteinschätzung gewährleistet.

Was recht abstrakt und technokratisch klingt, spüren Patienten und Gesundheitspersonal unmittelbar: Die Mitarbeiter in der Notaufnahme sind gestresst, weil sie sich auch um Menschen kümmern müssen, die eigentlich genauso gut in eine Arztpraxis gehen könnten. Die Patienten sind genervt, weil sie von Pontius zu Pilatus geschickt werden. Das ist nicht nur ineffektiv und daher teuer für die Gemeinschaft, sondern potenziell auch gefährlich für den Kranken, wie Steffen Gramminger von der Hessische Krankenhausgesellschaft erklärt.

Vorbild für das Modellprojekt ist ein kleineres Modellprojekt im Klinikum Höchst, einem städtischen Krankenhaus in Frankfurt. Dort wurde 2018 bundesweit erstmals der „Gemeinsame Tresen“ eingeführt. Dort wird entschieden: Ein Fall für die Notaufnahme des Krankenhauses oder ein Fall für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst, der in Höchst praktischerweise im gleichen Gebäude sitzt. (Lesen Sie hier: Main-Kinzig-Kreis investiert 1,5 Millionen Euro in moderne Rettungswache)

Video: Einen Notruf absetzen - Das müssen Sie beachten

Bei SaN liegt der Schwerpunkt auf den Patienten, die über die Telefonnummern 112 des Rettungsdienstes - für echte Notfälle - oder 116 117 des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes - für Behandlungsbedarf außerhalb der Praxisöffnungszeiten - in die Notaufnahme kommen. Nicht immer sind es Herzinfarkt, Schlaganfall oder Hirnblutung, die einen solchen Einsatz auslösen. Manche Notfälle könnten durchaus ambulant behandelt werden, etwa eine tiefe Schnittwunde oder ein umgeknicktes Bein.

Eckhard Starke von der Kassenärztlichen Vereinigung hat ein plastisches Beispiel: Wenn das Nasenbluten einfach nicht aufhört, muss der Krankenwagen nicht an drei HNO-Praxen vorbei in ein Krankenhaus fahren. 500 Praxen in ganz Hessen, davon 75 in den drei Landkreisen haben sich bereiterklärt, solche Patienten dazwischenzuschieben. Wer gerade Luft hat, zeigt IVENA.

Eigentlich sollte das Modellprojekt schon 2020 starten - aber dann kam Corona, berichtete Landesärztekammerpräsident Edgar Pinkowski. SaN sei „eine praktikable, pragmatische Lösung“, die sicher bundesweit aufmerksam verfolgt werde. Schließlich ist die Verzahnung von ambulant und stationär bei der Notfallversorgung ein Ziel im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung. (dpa)

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