Nur wenige Minuten dauert es, bis die Hufeisen-Rohlinge rot glühen, dann sind sie bereit, um weiter bearbeitet zu werden.
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Nur wenige Minuten dauert es, bis die Hufeisen-Rohlinge rot glühen, dann sind sie bereit, um weiter bearbeitet zu werden.

Mobile Werkstatt

Von Fingerspitzengefühl und Glückbringern - Hufschmied Sven Schnese aus Holzmühl über seinen Beruf

Jeder ist seines Glückes Schmied: Diese alte Volksweisheit trifft wohl besonders auf Sven Schnese aus Holzmühl zu. Vor 20 Jahren entschloss sich der gelernte Maschinenbauer, jobmäßig umzusatteln. Er absolvierte eine weitere Ausbildung, diesmal zum Hufschmied - für ihn nicht nur der Traumberuf schlechthin, sondern eine Berufung. 

Holzmühl - Wallach Ranger nimmt die Pediküre gelassen: feilen, raspeln, Sohle reinigen, Hufstrahl zuschneiden - all das hat der 28-jährige Senior in seinem Pferdeleben schon oft erlebt und lässt es geduldig über sich ergehen. Selbst als Sven Schnese sich mit dem glühenden Eisen nähert, es an den Huf hält und weißer Qualm aufsteigt, zuckt Ranger nicht mit der Wimper. Er hat absolutes Vertrauen zu seinem Besitzer.

Nicht alle Pferde bleiben so ruhig, wenn es ans Beschlagen der Hufe geht, weiß Schnese aus Erfahrung. Und auch deren Halter nicht. Dann ist Einfühlungsvermögen, Fingerspitzengefühl und Fachkenntnis gefragt, um Tier und Mensch Ängste und Unsicherheiten zu nehmen, offene Fragen zu klären, fundiert und umfassend zu beraten. Schnese nimmt sich Zeit, begutachtet jedes Pferd genau, lässt es vorlaufen in Schritt und Trab, um sich ein Urteil zu bilden. (Lesen Sie hier: Rhön: Drei ausgebrochene Pferde stecken in riesigem Schlammloch).

Nur Altmetall oder doch ganz viele Glücksbringer? Alles eine Frage der Perspektive.

Hufschmied Sven Schnese berichtet über seinen Beruf

Das Können des 53-Jährigen ist gefragt, an manchen Tagen steht sein Telefon nicht mehr still: Mit seiner mobilen Werkstatt fährt er zu Ställen und Höfen, von Gelnhausen bis nach Fulda und hinter die bayerische Grenze, sommers wie winters. In der Hochsaison zwischen März und September ist er täglich bis zu 14 Stunden im Einsatz. „Acht Tage Urlaub im Jahr, mehr ist meist nicht drin. Und manchmal fahre ich auch alleine“, erzählt seine Ehefrau Tanja Schaeffer-Schnese, die ihm den nötigen Rückhalt gibt, den Rücken freihält und ihn unterstützt. Das Paar wohnt mit drei Pferden, einem Esel und zwei Hunden am Rand von Holzmühl.

Durch die Corona-Pandemie hat sich für den selbständigen Hufschmied in seinem Arbeitsalltag wenig geändert, abgesehen von den geltenden Abstands- und Hygienebestimmungen: „Wir Hufschmiede haben sogar einen Brief vom Ministerium erhalten und sind dazu angehalten, weiterzuarbeiten, damit das Tierwohl sichergestellt ist“, berichtet er. Alle sechs bis acht Wochen müssen die Hufeisen eines Pferdes erneuert werden. Dies dauert je nach Aufwand etwa eine bis eineinhalb Stunden, wenn zum Beispiel ein spezieller orthopädischer Beschlag erforderlich ist. Hier arbeitet der Hufschmied nicht selten mit Tierärzten zusammen, um die Gesundheit des jeweiligen Pferdes so lange wie möglich zu erhalten und Erkrankungen des Gehapparats entgegenzuwirken.

Sven Schnese: „Eine körperlich anstrengende Tätigkeit“

Border Collie Bruce Willis ist Schneses treuester Mitarbeiter und fast immer dabei, wenn er mit seinem Schmiedebus auf Achse ist. Außerdem an Bord: unzählige Raspeln, Zangen, Hämmer, Nägel, Hufmesser, dazu Amboss, Bandschleifer, Bohrmaschine, Schweißgerät, ein Hufbock, eine Beschlagschürze aus Leder und das Herzstück, ein kleiner Gasofen, der sich mittels Knopfdruck in wenigen Minuten auf bis zu 1.600 Grad erhitzt. Der Beruf des Hufschmieds ist ein uraltes Handwerk: „Einige Arbeitsschritte laufen noch so ab wie vor 200 Jahren“, sagt Schnese. Anderes sei durch das Fortschreiten der Technik leichter geworden. „Nach wie vor ist es aber eine körperlich sehr anstrengende Tätigkeit.“

Ebenfalls stets im Gepäck hat er eine große Auswahl an Hufeisen-Rohlingen. Einen Beschlag von der Stange gibt es bei ihm nicht, denn jedes Eisen wird vor Ort individuell an den Huf des Tieres angepasst und entsprechend bearbeitet, abgestimmt auf die Bedürfnisse von Ross und Reiter. So hat sich Schnese auf den Freizeit- und Westernsport spezialisiert, durch den er selbst zum Reiten und vor gut 20 Jahren auch zu seinem Traumberuf kam. „Schon als Kind waren die Cowboys meine Helden“, verrät er und fügt hinzu: „Das sind sie bis heute geblieben.“ Der gebürtige Offenbacher lebte seit seinem 16. Lebensjahr zunächst in Sinntal und absolvierte dort eine Ausbildung im Bereich Metallbearbeitung und Maschinenbau. Durch seinen Ex-Schwiegervater kam er mit dem Hufschmiedehandwerk in Berührung, das es bereits seit der Antike gibt und das seine Begeisterung weckte.

Sven Schnese passt das neue Hufeisen an: Wallach Ranger macht geduldig mit.

Hufeisen gelten seit jeher als Glücks- und Segensbringer

2017 hat er sich mit anderen staatlich geprüften Hufschmieden aus der Umgebung zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Die Vereinigung mit Sitz in Birstein macht sich stark für sach-, fach- und tiergerechten Huf- und Klauenbeschlag, für eine verbesserte Kommunikation zwischen allen mit dem Pferd beschäftigten Personen, lädt regelmäßig zum Erfahrungs- und Wissensaustausch sowie zu Infoveranstaltungen ein und gibt spannende Einblicke in die vielfältigen Tätigkeiten eines Hufschmieds. Nicht zuletzt beteiligt sie sich an Weihnachtsmärkten in der Region. Dort bieten die Mitglieder selbst geschmiedete Kunstwerke zum Verkauf an und spenden den Erlös für einen guten Zweck.

Die einfallsreichen Kreationen finden Anklang, gelten Hufeisen doch seit jeher als Glücks- und Segensbringer, um die sich etliche Legenden ranken. Schnese erlebt es immer wieder, dass Leute bei ihm nach ausgedienten Hufeisen fragen. Beliebte Anlässe sind Hochzeiten, runde Geburtstage oder der Jahreswechsel. Der Hufschmied hilft diesbezüglich gerne weiter und verschenkt quasi ein Stück vom Glück. Er selbst sieht die Sache pragmatischer: „Für mich ist es Altmetall, das ich nicht mehr verwenden kann. Und um daraus Kunstwerke zu machen, fehlt mir einfach die Zeit.“ (Kathrin Noll)

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