Fotos: Veritas AG/Christian Tech; IHK

Interview mit Quidde: Es wird noch grausamer

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Main-Kinzig - Die Automobilindustrie schwächelt gewaltig – und mit ihr leiden die Zulieferer. Auch im Main-Kinzig-Kreis. Im Gespräch erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gunter Quidde, worauf es jetzt ankommt.

Von David Noll

Im vergangenen Jahr verkündete die Woco in Salmünster den Abbau von fast 60 Arbeitsplätzen. Nun schreckte die Veritas AG in Gelnhausen die Öffentlichkeit mit der Meldung auf, das traditionsreiche Unternehmen verkaufen und alleine am Stammsitz 700 Stellen streichen zu wollen.

Waren Sie überrascht vom Ausmaß der wirtschaftlichen Probleme der Veritas?

Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich mich als IHK-Vertreter nicht zu einzelnen Mitgliedsunternehmen äußere. Zum einen fehlen mir meist die Hintergrundinformationen für qualifizierte Aussagen. Zum anderen, finde ich, gehört es sich nicht.

Lassen Sie mich stattdessen auf die Branche insgesamt eingehen: Das Überleben der vielen Automobilzulieferer im Main-Kinzig-Kreis hängt vom weltweiten Pkw-Markt ab. Und dem geht es nicht gut: Die Neuzulassungen sanken zwischen 2017 und 2018 von 84,7 auf 84,2 Millionen. Also eine halbe Million Pkw weniger. Für 2019 liegen noch nicht alle Daten vor, aber sicher ist, dass Asien massiv eingebrochen ist: China um 10, Indien um 13, Japan um 2 Prozent. Für China bedeutet das 2 Millionen weniger Pkw – das reißen die 0,16 Millionen mehr Pkw in Europa 2019 nicht raus.

Das klingt dramatisch. Müssen wir uns in der Region auf einen anhaltenden Niedergang der Zulieferindustrie einstellen?

Ja, in vielen Fällen. Denn: Es wird sogar noch grausamer. In China, dem größten Pkw-Markt der Welt, sind die Zulassungszahlen im Januar 2020 um 20 Prozent zurückgegangen. Deshalb kann ich den Spruch „Die Automobilzulieferer hätten viel früher auf Elektromobilität setzen müssen“ auch nicht mehr hören. Ja, es stimmt: Im Januar 2020 wurden in Deutschland 138 Prozent mehr Elektro-Pkw zugelassen als im Vorjahr. Nur leider sind das gerade mal 9360 Pkw mehr. Die sollen die Branchen retten?

Die Veritas soll an einen amerikanischen Investor verkauft werden. Diese Finanzinvestoren haben in Deutschland nicht unbedingt den besten Ruf. Sehen Sie für die Veritas mit dem neuen Mehrheitsaktionär in Gelnhausen eine Zukunftsperspektive?

Auch hier bitte ich um Verständnis, dass ich mich nicht zu einzelnen Unternehmen äußere. Aber klar ist doch: Wer ein Unternehmen kauft, glaubt an dessen Zukunft. Vielleicht noch ein Hinweis zu amerikanischen Investoren: Die Arbeitslosenquoten beider Länder sind vergleichbar. Das Wirtschaftswachstum in den USA betrug aber im Jahr 2019 2,3 nach 2,9 Prozent im Vorjahr. In Deutschland waren es nur 0,6 beziehungsweise 1,5 Prozent. Die Wirtschaftsleistung pro Einwohner – nicht das perfekte Maß für Wohlstand, aber besser als nichts – liegt in den USA um etwa ein Drittel höher als in Deutschland (2018: 62 868,92 US-Dollar in den USA zu 47 662,49 US-Dollar in Deutschland). Das zeigt ja wohl, dass amerikanische Investoren ihr Geschäft verstehen.

Viele Geschäftsführer von Unternehmen mit amerikanischen Eigentümern sagen mir, dass jene sehr professionell agieren, mehr auf Quartalsdaten setzen als Deutsche und deshalb selbst kurzfristige Produktionsausfälle extrem kritisch sehen. Aus dieser Mentalität heraus hinterfragen amerikanische Eigentümer anfangs immer die Ausgaben für Auszubildende in Deutschland: können wenig, fehlen im Betrieb, gehen stattdessen in die Berufsschule und kosten trotzdem Geld. Wenn die Eigentümer aber erst mal vom Dualen System der Ausbildung in Deutschland überzeugt sind, stehen sie dahinter. Kurzum: Sie agieren konsequent gewinnorientiert. Ist das schlecht?

Tut die Politik Ihrer Ansicht nach genug, um der deutschen Automobilindustrie in diesen schwierigen Zeiten zu helfen?

Soll die Politik 2 Millionen Diesel-Pkw kaufen und vors Bundeskanzleramt stellen? Wohl nicht. Unternehmen bestehen im internationalen Wettbewerb, indem sie billiger oder besser produzieren. Hier muss die Politik ansetzen: Zwischen 2010 und 2018 sind die Bruttoverdienste in Deutschland um 20,4 Prozent, die Lohnnebenkosten aber um 21,5 Prozent gestiegen. „Arbeit“ wurde also um mehr als 20 Prozent teurer.

Die Strompreise für Unternehmen stiegen im gleichen Zeitraum um 28 Prozent, Preistreiber ist der Staat. Anders formuliert: Wenn Deutschlands Unternehmen und ihre Mitarbeiter so erfolgreich bleiben wollen wie bisher, müssen beide um fast 25 Prozent besser werden. Das sehe ich nicht. Und jetzt die Steuerbelastung, und zwar nach offiziellen Angaben des Bundesfinanzministeriums.

Unternehmen und ihre Anteilseigner zahlten 2018 in Deutschland bis zu 48,38 Prozent Steuern, in den USA (Staat New York) nur 40,91 Prozent. Oder nehmen wir den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeitrag zur Sozialversicherung mit Einkommen-/Lohnsteuer, gemessen in Prozent der Lohnkosten. Bei einem Alleinverdiener mit Durchschnittseinkommen, verheiratet, zwei Kinder, sind das in Deutschland 34,4 Prozent, in den USA (Staat New York) 18,5 Prozent – und für die Arbeitgeber kommt die gleiche Belastung noch hinzu.

Die wirklich spürbare Entlastung verdanken Deutschlands Unternehmen ausgerechnet der Europäischen Zentralbank. Mit ihren niedrigen Zinsen macht sie zwar den Sparern das Leben schwer, hält aber den Wechselkurs des Euro niedrig und erleichtert den Export. Kurzum: Der Staat muss massiv die Kostenbelastung der Unternehmen senken. Das kommt der ganzen Wirtschaft zugute. Und mit weniger Bürokratie hülfe er vor allem kleinen und mittleren Unternehmen, denn die können sich keine Fachleute für Staatsbürokratie leisten.

Gerade von der hauptamtlichen Kreisspitze waren zuletzt sehr kritische Töne zu den Entwicklungen bei der Veritas zu hören, davor auch schon zur Situation bei Thermo Fisher in Langenselbold. Wie bewerten Sie diese Meinungsäußerungen aus der Lokalpolitik?

Ungefähr in jedem vierten Gespräch, das ich seit Aschermittwoch mit Unternehmern führe, sprechen diese das an und äußern ihr Unverständnis, wie sich viele Politiker in der Region über Unternehmen äußern. Kürzlich bat mich ein erfolgreicher Unternehmer um 20.10 Uhr dringend um Rückruf deswegen. Eine vergleichbare Irritation habe ich aufseiten der Wirtschaft noch nicht erlebt. Die Unternehmen haben, das konnte ich hoffentlich verdeutlichen, alle Hände voll zu tun, die sich eintrübende Konjunktur zu überstehen.

Und wie reagiert die Politik im Kreis in den vergangenen Monaten? Ein potenzieller Hotelinvestor wird schlechtgeredet, Logistik zum Buhmann gemacht, unternehmerische Entscheidungen werden falsch oder inkompetent kommentiert, und aus einem Sechs-Augen-Gespräch, zu dem ich persönlich eingeladen hatte, werden Interna an interessierte Dritte weitergegeben. Verstehen Sie, dass in diesen Tagen viele Unternehmer mit brennender Sorge und steigendem Befremden auf die Politik im Main-Kinzig-Kreis schauen?

Der Kreis brüstet sich gerne mit seinen Projekten, etwa dem Ausbau des Glasfasernetzes. Aus IHK-Sicht ein gutes Beispiel für lokale Wirtschaftspolitik oder eher ein erfolgreiches PR-Instrument?

Auf die Breitband-Initiativen des Kreises lasse ich nichts kommen. Da haben in meinen Augen ausgerechnet viele Unternehmen arg lange gezögert und fast eine große Chance verpasst. Anders sieht es beim Mobilfunk aus. Der wird von Jahr zu Jahr wichtiger. Aber es gibt in Bruchköbel, Freigericht, Gelnhausen, Nidderau, Schlüchtern, Schöneck und Steinau Beschlüsse der Kommunalparlamente gegen einen weiteren Ausbau. Das halte ich für wirtschaftsfeindlich.

Ein weiteres Beispiel: Leider ist es mir in zwei Anläufen nicht gelungen, beide Schulträger davon zu überzeugen, die Berufsschulen im Main-Kinzig-Kreis und in Hanau stärker und schneller als andere Schulen mit Mitteln aus der Digitalisierungsinitiative des Landes Hessen zu fördern. Ich fürchte, da hätte ich noch mehr Überzeugungsarbeit bei der Politik leisten müssen. Denn es geht doch um unsere Zukunft und um die unserer Kinder.

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