Fotos: Hanns Szczepanek

Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte: Von der Organistenschule zum Komplettangebot

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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SCHLÜCHTERN - Eine auf 60 Seiten komprimierte Chronik der Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte (KMF) ist bereits 2010 zur 40-Jahr-Feier erschienen. Die zentrale Figur darin ist natürlich Dr. Walter Blankenburg. Der Pfarrer und Musikwissenschaftler hat das Institut aus der Taufe gehoben, andere haben es seither ausgebaut und so gut wie möglich zukunftssicher gemacht.

Schon im frühen 19. Jahrhundert wurde das einstige Kloster in ein Lehrerseminar umgebaut. Die angehenden Lehrkräfte lernten auch das Orgelspiel „und damit haben sicher auch schon die ersten Instrumente zum Üben Einzug gehalten“, heißt es in einem Artikel zum diesjährigen Jubiläum in der Publikation „Kirchentöne“. Deren Titel basiert auf einem Wortspiel, denn Kirchentonarten (zum Beispiel Dorisch, Lydisch oder Phrygisch) werden in der Kurzform ebenso bezeichnet.

Kirchenmusikschulen entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in den meisten heutigen Landeskirchen sogenannte Kirchenmusikschulen, die Musiker und Musikerinnen für den hauptamtlichen Dienst ausbildeten – so auch im Kloster Schlüchtern. Die Kirchenleitung beschloss deren Einrichtung im Dachgeschoss des Klosters. Walter Blankenburg war gleichzeitig auch Landeskirchenmusikdirektor der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Er leitete die Kirchenmusikschule 25 Jahre lang, bis er 1970 selbst deren Umwandlung in die heutige KMF anstieß und teils auch ins Werk setzte.

„Das Landeskirchenamt hat deren gründliche Renovierung und Modernisierung beschlossen“

In seinem damaligen Jahresbericht 1969/70 erklärte er: „Die gesamtkirchliche Lage rechtfertigt in zunehmendem Maß nicht mehr die kostspielige landeskirchliche Zersplitterung von Arbeitsbereichen, die in größerem Rahmen wirkungsvoller und ergiebiger durchgeführt werden können. (...) Es ist daher eine Fusion der Schlüchterner Kirchenmusikschule mit der westfälischen Landeskirchenmusikschule in Herford von beiden Seiten erstrebt worden und zustande gekommen. (...) An die Stelle der hauptberuflichen kirchenmusikalischen Ausbildung in Schlüchtern soll jedoch eine Intensivierung der Ausbildung von nebenamtlichen Organisten und Chorleitern treten. (...) Das Landeskirchenamt hat deren gründliche Renovierung und Modernisierung beschlossen.“

In den Folgejahren oblag die Leitung der KMF den jeweils amtierenden Landeskirchenmusikdirektoren Walter Opp (bis 1982) und Martin Bartsch (1983 bis 1991), bis die Fortbildungsstätte schließlich mit Gunther Martin Göttsche ab Januar 1993 eine eigene Leitung erhielt. Anfang 2014 übernahm der heutige Leiter Andreas Schneidewind den Chefposten. Seit 2015 leitet er auch die Kantorei Fulda.

Entwicklung eines breiten Aus- und Fortbildungsprogrammes

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich neben den klassischen Lehrgängen für Organisten und Chorleitern sukzessive ein breites Aus- und Fortbildungsprogramm für neben- und hauptamtliche Kirchenmusiker entwickelt, das heute von Teilnehmenden aus allen Altersklassen aus ganz Deutschland sowie auch aus dem Ausland besucht wird. Von der Kinderchorleitung über Posaunenchor, Popularmusik und neuerdings auch ein Angebot für Kirchensängerinnen und -sänger hat sich das Spektrum gegenüber den Anfangsjahren erweitert und deckt inzwischen quasi alle zentralen Bereiche kirchenmusikalischer Tätigkeit ab. Eine intensive Kooperation besteht mit der benachbarten Landeskirche „Hessen und Nassau“.

Bindungskraft für jugendliche Teilnehmende

Besonders beeindruckend ist für Andreas Schneidewind immer wieder die Bindungskraft für jugendliche Teilnehmende. „Am Beginn des ersten Besuchs oft noch zurückhaltend, neugierig, vielleicht auch etwas skeptisch, was einen da erwarten wird, spüren die Jugendlichen sehr schnell, dass sie bei uns im Gegensatz zu ihrer sonst typischen Wahrnehmung als ,Exoten‘ mit einem ungewöhnlichen Hobby, unter lauter Gleichgesinnten sind und sich allein dadurch gut verstanden fühlen. Hier in der KMF spielen alle anderen auch Orgel, trauen sich, sich vor den Chor zu stellen und sogar zu singen.“

Bildungshaus mit einmaliger Infrastruktur

Die Kirchenmusikalische Fortbildungsstätte (KMF) in Schlüchtern ist nicht eine von vielen ihrer Art. Sie verfügt bundesweit über eine einmalige Infrastruktur, ein kaum vergleichbares Kursprogramm und im einstigen Kloster obendrein über ein einzigartiges geistliches Ambiente.

Der verwinkelte Klosterbau mit seinen Türmen und Kapellen verfehlt seine Wirkung auf Lehrkräfte wie Teilnehmer nicht, denn während der Lehrgänge leben dort alle wie in einer klösterlichen Gemeinschaft. Es wird zusammen gelernt und geübt, im Speisesaal neben der historischen Klosterküche gemeinsam gegessen – die Küchenausstattung genügt selbstredend heutigen Anforderungen – und während der knapp zwei Wochen auch zusammen gewohnt.

Geografischer Vorteil

In der KMF stehen in Vierer-Zimmern maximal 62 Betten bereit. Die Zimmer werden mit Blick auf eine zeitgemäße Unterbringung allerdings nicht vollständig belegt, sondern auf diese verteilen sich in der Regel zwischen 35 und 45 Bewohner. Für bis zu neun Dozenten stehen Einzelzimmer zur Verfügung. Finden gerade keine Kurse statt, kann die Unterkunft auch gemietet werden. Die Heimleitung ist daher ein Vollzeitjob, den Beatrice Joppke-Gärtner seit Langem macht. Das Küchenpersonal besteht aus zwei Beschäftigten, in Teilzeit arbeiten Sekretärin, Bibliothekar sowie Reinigungskräfte.

Andreas Schneidewind ist vor allem für die Organisation der musikalischen Bildung zuständig und zugleich Leiter der gesamten Einrichtung. Anders als noch sein Vorgänger ist er aber nicht in das örtliche Kantorat und Orgeldienstpläne eingebunden.

Ein rein geografischer Vorteil ist für die KMF, dass Schlüchtern spätestens seit der Wiedervereinigung in Deutschland sehr zentral gelegen sowie verkehrstechnisch über die A 66 per Fernstraße oder auch per Bahn gut zu erreichen ist.

Einmalig: Fortbildung mit den C-Kursen

Die Fortbildung mit den C-Kursen ist laut Schneidewind auch deshalb an der KMF einmalig, weil speziell für nebenberufliche Organisten Ausbildungsgänge in verschiedenen Leistungsstufen über ein bis zwei Jahre „komplett flexibel gestaltet werden können“, ohne feste Zeiträume einhalten zu müssen. Von den jährlich etwa zehn C-Kursen finden in Schlüchtern mehr als die Hälfte in Schulferien statt, damit diese auch von Schülerinnen und Schülern bequem nutzbar sind. Als Stufe D gilt in der Organistenausbildung ein erster Eignungsnachweis. Die B-Prüfung entspricht hingegen einer Art Bachelor-Grad und die A-Prüfung einem Master in Kirchenmusik. Diese beiden Prüfungen absolvieren in der Regel hauptamtliche Kirchenmusiker.

Angesichts eines großen Bedarfs an nebenamtlichen Fortbildungsangeboten werde die evangelische Kirche in Kurhessen-Waldeck um deren Erfolgsmodell in Schlüchtern von anderen Landeskirchen beneidet, zumal, weil die Kirchenmusik „mit Abstand die meisten Menschen an die Kirche bindet, vor allem junge Leute“, weiß Schneidewind. Und um die Ausstattung mit Orgeln werde die KMF wiederum von manchem Musikhochschuldirektor beneidet.

Dass mittelfristig in das Klostergebäude investiert werden müsse, habe die Landessynode im Grundsatz erkannt.

Festtag am 16. Februar

Mit einem Festtag wird das 50-jährige Bestehen der Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte (KMF) in Schlüchtern am Sonntag, 16. Februar, ganztägig gefeiert. Den Festgottesdienst um 17 Uhr wird als besonderer Ehrengast die neue Landesbischöfin Dr. Beate Hofmann in der Stadtkirche St. Michael mitgestalten. Während diesem findet auch eine Uraufführung statt: Der frühere KMF-Leiter Gunther Martin Göttsche hat den 98. Psalm vertont. Seine Komposition wird unter der Leitung des jetzigen KMF-Leiters Andreas Schneidewind uraufgeführt. Im Anschluss an den Gottesdienst sind bei einem Sektempfang Grußworte von Landrat, Bürgermeister und Funktionsträgern der evangelischen Kirche vorgesehen, darunter auch vom Präsidenten der Direktorenkonferenz für Kirchenmusik, Kord Michaelis.

Den Auftakt des Festtages markieren ab 10.15 Uhr Bläser von Posaunenchören, die an vier Orten der Stadt den Jubiläumstag musikalisch eröffnen. Um 11 Uhr sollen die Glocken im Westturm des Klosters läuten. Für beides waren Sondergenehmigungen einzuholen. Danach beginnt in den Räumen der KMF ein Tag der offenen Tür mit vielerlei Angeboten, Führungen und natürlich viel Musik. Das Tagesprogramm im Detail findet sich im Internet.

Das Kursprogramm im Jubiläumsjahr 2020

Die C-Kurse für nebenberufliche Organistinnen und Organisten bilden das Herzstück der KMF in Schlüchtern. Im Vorjahr gab es elf dieser meist zweiwöchigen Lehrgänge. Insgesamt standen 2019 von Januar bis November 29 Kurse auf dem Kursplan. Im laufenden Jubiläumsjahr werden es bis Ende November 33 Lehrgänge gewesen sein. Mehrtägig angelegt sind zum Beispiel auch ein Blockflöten-Seminar, ein Sologesang-Kurs, ein Kompositionskurs oder auch ein Improvisationskurs für Organisten sowie zwei Orgelkurse speziell für Senioren.

Ein Gitarren-Wochenende steht im Jubiläumsjahr ebenso auf der Kursübersicht wie ein Piano- oder ein Band-Wochenende. Eintägig sind jeweils die Workshop-Tage „Einstieg ins Dirigieren“ am 9. Mai, „Kanons anleiten“ am 20. Juni, „Neue Wochenlieder“ am 26. September oder der Workshop-Tag für Kirchensängerinnen und -sänger am 24. Oktober.

Für die Fortbildungen stehen allein im ehemaligen Benediktinerkloster acht Orgeln zur Verfügung. Hinzu kommen die Hey-Orgel in der Aula des Huttengymnasiums im selben Gebäude sowie nötigenfalls zwei Orgeln in der Stadtkirche St. Michael sowie in Elm und Oberzell. / hgs

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