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Krankenschwester sagt im Prozess um mögliche Vergewaltigung aus

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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hanau - Es ist der Morgen des 19. Dezember 2017, als eine Patientin über die gynäkologische Ambulanz des Klinikums Hanau stationär aufgenommen wird. Die Frau klagt über Schmerzen im Genitalbereich. Ihre Verletzungen sind solcher Art, dass sie nach Ansicht der behandelnden Ärztin eine Vergewaltigung nahelegen.

Die Patientin Simone K. (Name von der Redaktion geändert) hat einen Dammriss und vaginale Blutungen. Sie verneint jedoch zunächst, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Später revidiert sie ihre Aussage. Deshalb muss sich ein 61-Jähriger jetzt vor dem Hanauer Landgericht verantworten.

Der Fall, eine Ausnahme

Krankenschwester Petra B. kann sich noch gut an den Fall erinnern, weil er eine Ausnahme ist. „In den meisten Fällen kommen Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, direkt von der Polizei hierher“, erzählt sie am zweiten Verhandlungstag im Zeugenstand und erinnert sich an einen Fall, wie sie ihn zuvor in ihrer über 30-jährigen beruflichen Praxis noch nicht erlebt hatte.

„Ich habe ein paarmal Nein gesagt, aber er hat trotzdem weitergemacht“

An jenem Tag hat Petra B. Spätdienst, und bei der Übergabe erfährt sie bereits von der neuen Patientin Simone K., die am Morgen aufgrund eines Dammrisses operiert werden musste. Wenig später spricht die Patientin die Schwester auf dem Stationsflur an und sagt, wenn sie sich all das richtig überlege, sei ihr tatsächlich doch körperliche Gewalt angetan worden, und sie wolle Anzeige erstatten. „Ich habe ein paarmal Nein gesagt, aber er hat trotzdem weitergemacht“, beschreibt Simone K. laut der Zeugin das Zustandekommen ihrer Verletzungen.

Über Kontaktanzeige kennengelernt

Petra B. versichert sich nochmals, die Patientin richtig verstanden zu haben und informiert dann vom Stationszimmer aus die Polizei. Im Rahmen der Vernehmung gibt Simone K. an, dass der Angeklagte Carsten B. (Name geändert) am Tag zuvor in ihrer Hanauer Wohnung war. Kennengelernt hatte sie ihn über eine Kontaktanzeige, auf die sie sich gemeldet hatte. Nach telefonischen Kontakten kommt es nach Angaben des mutmaßlichen Opfers im September 2017 zu einem ersten Treffen und an jenem Tag auch zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr.

Wiederholt geäußerte Aufforderung

Auch die sexuellen Handlungen beim zweiten Treffen am 18. Dezember schildert Simone F. zunächst als einvernehmlich, allerdings nur zu Beginn. Dann spricht die heute 53-Jährige, bei der eine Intelligenzminderung vorliegt, von Schmerzen und ihrer wiederholt geäußerten Aufforderung, Carsten B. solle aufhören.

Der Angeklagte kam dieser jedoch nicht nach. Carsten B. bestreitet das und lässt über seinen Rechtsbeistand seine Version der Geschichte verlesen. Demnach hat er Simone F. an jenem 18. Dezember 2017 vor einem Baumarkt getroffen. Weil ihr Fahrrad defekt gewesen sei, habe er jenes in sein Auto geladen und sie nach Hause gefahren.

Rechtsbeistand des Angeklagten spricht von „einvernehmlich“

Auf dem Sofa im Wohnzimmer des mutmaßlichen Opfers sei es dann einvernehmlich zur oralen Befriedigung des Angeklagten gekommen. Zu keinem Zeitpunkt habe Simone F. geäußert, dass sie Schmerzen habe, oder den Wunsch artikuliert, dass er aufhören möge, zumal er ohnehin nur der passive Part gewesen sei. Im Gegenteil: Nachdem er zum Höhepunkt gekommen sei, habe Simone F. weiter mit ihm intim sein wollen. Auch die Frage Simone F.s, ob sie beide jetzt ein Paar seien, habe er verneint. Den Abschied an jenem Tag schildert der Angeklagte als freundschaftlich, weitere Fragen des Gerichts will er jedoch nicht beantworten.

Kammer muss über Befangenheitsantrag von Verteidiger befinden

In der Fortsetzung des Prozesses hat die Kammer auch über einen Befangenheitsantrag von Verteidiger Matthias Ganser zu befinden. Jener hatte die Objektivität der beauftragten Sachverständigen in Zweifel gezogen, weil diese bei der polizeilichen Vernehmung der Opferzeugin nicht nur anwesend gewesen sei, sondern zugleich selbst eine Vielzahl von Fragen gestellt habe. Damit habe sie, so Rechtsanwalt Ganser, das Zustandekommen der Aussage wesentlich beeinflusst. Das von der Gutachterin zu erstellende Papier könne nun nicht mehr den wissenschaftlichen Mindeststandards hinsichtlich Neutralität und Objektivität genügen. / nic

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