Wann der Kulturbetrieb wieder Fahrt aufnimmt, weiß derzeit noch niemand zu sagen.
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Wann der Kulturbetrieb wieder Fahrt aufnimmt, weiß derzeit noch niemand zu sagen.

Lage im zweiten Lockdown

Kultur im Kinzigtal: Aktivitäten zwischen Hoffen und Bangen

  • Hanns-Georg Szczepanek
    vonHanns-Georg Szczepanek
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Schon beim ersten Lockdown im Frühjahr nutzten staatliche Hilfen für Solo-Selbstständige den freischaffenden Künstlern recht wenig. Sie mussten auf Sonderprogramme ausweichen. Doch selbst wenn ein weiteres Familieneinkommen jenseits des Kulturbetriebs finanzielle Härten verhindert, so liegt das Quasi-Berufsverbot im zweiten Lockdown hauptberuflich Kulturschaffenden schwer auf der Seele. 

Region - Der angeordnete Verzicht auf Veranstaltungen dient zwar dem Gesundheitsschutz, den die meisten Künstler auch gutheißen. Allerdings treibt sie die Sorge um, dass mit jedem Monat ihre oft über Jahre aufgebaute Existenzgrundlage weiter bröckelt. Und niemand weiß, wann der Kulturbetrieb wieder startet.

Die meisten Künstler versuchen auch hierzulande, dieses nicht nur kulturell entbehrungsreiche Jahr irgendwie zu überstehen und hoffen auf Mitte 2021. So bedauert der Schlüchterner Musiker und Musiklehrer Siegbert Kühn (62), dass keine Live-Auftritte möglich sind. Denn auch der Sommer habe „nicht mal ansatzweise“ einen Ausgleich für das verlorene Frühjahr gebracht – trotz mancher Lockerung der Corona-Regeln.

Kulturschaffende im Kinzigtal halten sich im zweiten Corona-Lockdown gerade so über Wasser

Zwar habe er mit der Gitarrengruppe Steinau Kontakt gehalten und geprobt, doch die für die Nachwuchsarbeit wichtigen „Startergruppen“ hätten sich praktisch aufgelöst. Dies habe er bereits im Mai befürchtet. Auch die Chor-AG der Brüder-Grimm-Schule sei pandemiebedingt derzeit inaktiv. „Da gab es vor Corona mehr als 60 Kinder“, sagt er wehmütig. Kühn gibt Unterricht in Gitarre, Klavier und Gesang.

Derzeit hält er sich mit Präsenzstunden in Grundschulen und Online-Unterricht über Wasser, doch „das ist gerade für Musikunterricht sehr schwer“. Ohne Veranstaltungen und Probentermine „sehe ich derzeit noch kein Land. Und der Winter fängt ja erst an“. Doch der Vater von drei Kindern versucht, die Pandemie auch als Chance zu sehen und „diese besondere Zeit“ zu nutzen. Da seine Frau ebenfalls berufstätig ist, findet er sogar Zeit, an einem Album zu arbeiten, auf dem sich sowohl Pop- als auch Jazzmusik aus seiner Feder finden sollen. Die Kalamitäten der Corona-Krise hat er in Liedern verarbeitet. (Lesen Sie hier: Wenn der Lockdown kreativ macht -Christian Schöne startet mit zwei Talkshows)

Musiker aus der Region arbeiten an Neuerscheinungen

Ebenfalls an einer Neuerscheinung feilt der Musiker, Arrangeur und Chorleiter Dennis Korn aus Romsthal. In diesen Tagen soll mit „MoonlightKlaviermusik im Stil der Neo-Klassik erscheinen. Hierzu gehört auch ein halbes Dutzend Weihnachts- und Adventslieder, die der 46-Jährige neu interpretiert hat. Wenn der Frühling kommt, will KornPiano Moments“ fertig haben, für die er als Komponist und Produzent verantwortlich zeichnet.

Was sich genau hinter diesem Titel verbirgt, verrät er noch nicht, denn „das soll ja eine Überraschung sein“. Dennis Korn hat die Krise auch dazu genutzt, um „mein Marketing als Musiker zu verbessern“. Denn in einer Zeit, in der Online-Medien längst die klassischen Tonträger überholt haben, genügt es eben nicht nur, gute Musik zu komponieren. Sie muss im weltweiten Datennetz auch verkaufsträchtig platziert werden. Dies ist wichtig, denn „von den drei Auftritten seit März“ hätte der alleinerziehende Vater zweier Kinder kaum leben können.

Nicht systemrelevant? - Künstlerin überlegt Ausstieg aus Musikerszene

Zu Beginn der Pandemie „habe ich nicht gewusst, ob und wie das alles weitergeht“. Doch Korn hat die Schwerpunkte seiner musikalischen Arbeit der Lage angepasst. Die Reihe „Talents on stage“ von den Wasserspielen in Bad Soden, in der sich musikalischer Nachwuchs präsentieren kann, hat Korn in die Online-Version „Talents on air“ umgewandelt. Hierfür ist er sowohl dem Main-Kinzig-Kreis als auch dem Land Hessen dankbar, deren Förderung dies ermöglicht hat.

„An Arbeit mangelt es Musikern niemals“, sagt die Saxofonistin Diana Schmitz aus Bad Soden-Salmünster: Unterrichten, Arrangements schreiben, üben, Aufnahmen machen, proben, Stücke komponieren, Anträge ausfüllen, sich technisch weiterbilden – „nur leider wird das größtenteils nicht bezahlt, sondern verursacht eher Kosten“. Dies führe zu der Überlegung, „aus dem Musikgeschäft auszusteigen und sich einen Beruf mit Bezahlung zu suchen. Vor allem, da wir anscheinend nicht systemrelevant sind“. Das Unterrichten sei für sie derzeit die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Auch der Musikverein Germania in Steinau „hält mir die Treue“. Neben Online-Treffen erstellt sie derzeit für eins der Orchester ein neues Arrangement.

Kunstschaffende im Lockdown: Zeit für eigene Projekte nutzen

Die Voraussetzungen für staatliche Hilfen treffen auf die 46-Jährige nicht zu. Sie könnte nun „aufhören zu unterrichten und Hartz IV anmelden“, konstatiert sie bitter. Dies kommt für Schmitz aber nicht infrage: „Das musste ich einmal machen, als ich erkrankt war. Das war eine Katastrophe und ich hoffe sehr, dies niemals wieder tun zu müssen.“ Im Sommer gab es für sie von der hessischen Kulturstiftung ein Arbeitsstipendium für Künstler. „Dieses war äußerst effektiv und sinnvoll und ich bin sehr dankbar, es erhalten zu haben.“

Der bildende Künstler und Regisseur Lars Kempel (33) kann der Corona-Krise auch positive Seiten abgewinnen: Die Entschleunigung des Arbeitslebens und viel Zeit für eigene Projekte. Der Schlüchterner räumt aber ein, dass es für hauptberuflich Kunstschaffende schwierig geworden ist, von ihrer Arbeit zu leben. Hier nennt er vor allem die Bildende Kunst. Deshalb konzentriert er sich seit dem Frühjahr auf die Regiearbeit. Im Sommer hatte er viele Drehtermine, um für einen großen deutschen Sportartikelhersteller Werbespots zu produzieren. „Ich habe viel gearbeitet, weil ich mir Sorgen gemacht habe, wie wohl das Winterhalbjahr wird“. Er selbst hat die zusätzliche Zeit unter anderem dazu genutzt, um das Drehbuch für einen Spielfilm fertigzustellen. Nun sucht er dafür noch einen Produzenten.

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