Fotos: Tim Bachmann

Main-Kinzig-Kliniken protestieren für „mehr Personal und Zeit“

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Schlüchtern - Die Schlüchterner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie haben mit einem Protestmarsch ihren Unmut über eine neue Richtlinie kundgetan, die ihrer Meinung nach überbordende Bürokratie mit sich bringen würde. Sie fordern: Mehr Personal und mehr Zeit.

„Steigende Patientenzahlen, fallende Verweildauern, moderne Behandlungskonzepte, Deeskalationsmaßnahmen, 1:1-Betreuung und vieles mehr: die Anforderungen an eine gute stationäre psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung haben sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt“, schreiben die Main-Kinzig-Kliniken in einer Pressemitteilung. Nicht verändert habe sich indes die Personalausstattung oder die Anpassung der Arbeitsbedingungen. „Hier sollte eine neue Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) Abhilfe schaffen“. heißt es.

Protest gegen neue Richtlinie

Seit wenigen Wochen liege nun die sogenannte „Personalausstattung Psychiatrie und Psyosomatik-Richtline“ (PPP-RL) des G-BA vor und trete zum 1. Januar 2020 in Kraft, sofern das Bundesgesundheitsministerium dem zustimme. „Doch die PPP-RL erfüllt keinesfalls die in sie gesteckten Erwartungen“, beklagen die Kliniken. „Im Gegenteil:“ Die Richtlinie sehe künftig gewaltige, überbordende bürokratische Aufgaben für Mitarbeiter psychiatrischer Kliniken vor. „Hier geht es nicht um eine bessere Versorgung für Patienten, hier steckt schlichtweg eine detailverliebte Kontrolle hinter der Richtlinie“, erklärt Dieter Bartsch, Geschäftsführer der Main-Kinzig-Kliniken.

„Letztlich wird uns wertvolle Zeit genommen.“

„So müssten Mitarbeiter beispielsweise ab Januar 2020 täglich detailgenau ihren Einsatzort dokumentieren.“ Auch Dr. Susanne Markwort, Chefärztin der Schlüchterner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, ist entsetzt: „Die neuen Dokumentationspflichten werden erhebliche Personalressourcen binden und keinesfalls zu einer Verbesserung der Patientenversorgung führen. Letztlich wird uns wertvolle Zeit genommen, die wir lieber für die Genesung unseren Patienten nutzen wollen.“

„Da kann ich nur noch den Kopf schütteln.“

Zugleich drohen den Kliniken ab 2021 Sanktionen, sofern sie die Richtlinien nicht vollständig erfüllen. „Es ist absurd, dass die Einhaltung dieser haarsträubenden Dokumentationspflichten noch vor der Patientenversorgung stehen soll. Bei Nichterfüllung der Vorgaben drohen den Kliniken Strafzahlungen, die bis hin zur gänzlichen Streichung der Vergütung für die bereits erbrachten Leistungen führen können. Da kann ich nur noch den Kopf schütteln“, so Bartsch. Für kleinere Kliniken könnte dies zu einer existentiellen Bedrohung werden.

„In der Summe befürchte ich eine weitere Verschlechterung in der Patientenversorgung, die gerade im psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich eher verbesserungswürdig ist“, betont Dr. Markwort.

Unterschriften für eine Petition sammeln

Deshalb beteiligten sich heute die Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an einer bundesweiten Protestaktion und sammelten Unterschriften für die Petition des Bündnisses „Mehr Personal und mehr Zeit für psychische Gesundheit“. Das Bündnis ist ein Zusammenschluss von Organisationen der Selbsthilfe, der Angehörigen-, Berufs- und Klinikverbänden sowie psychiatrische, kinder- und jugendpsychiatrische und psychosomatische Fachgesellschaften, Gewerkschaften und Kammern. Sie eint die Überzeugung, dass Personal und Zeit die wichtigsten Faktoren für eine hohe Versorgungsqualität sind. Doch die gesetzlichen Vorgaben werden den Anforderungen nicht mehr gerecht.

„Es ist wichtig, dass wir mit so vielen Unterschriften wie nur möglich das Inkrafttreten der PPP-RL zu verhindern versuchen“, sagt Markwort. Wenn sich Bürger beteiligen wollen, können sie sich bis zum 23. Dezember in eine Liste, die an der Information der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie ausliegt, eintragen.

Main-Kinzig-Kliniken starten eigene Resolution

Mit einer „Schlüchterner Resolution an Gesundheitsminister Jens Spahn“ fordern sie: „Diese überkochende, unverhältnismäßige Bürokratie sowie die scharfen Sanktionsmechanismen der PPP-RL des G-BA werden nicht zur dringend benötigten Verbesserung der Patientenversorgung führen.“ Der Deutsche Bundestag solle eine Expertenkommission einsetzen, die innerhalb der kommenden zwei Jahre ein tragfähiges Konzept zur Personalbemessung in der Psychiatrie erarbeiten soll. / lea

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