Pflegerinnen im Main-Kinzig-Kreis haben Videos aufgenommen, die ihre Patienten teilweise in hilflosen Situationen zeigen. (Symbolbild)
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Pflegerinnen im Main-Kinzig-Kreis haben Videos aufgenommen, die ihre Patienten teilweise in hilflosen Situationen zeigen. (Symbolbild)

Gericht spricht Urteil

Herzlose Videos in Altenheim aufgenommen - Junge Pflegerinnen machen sich über hilflose Patienten lustig

Weil sie unbefugt Bilder und Videos von alten Menschen in einer Pflegeeinrichtung aufgenommen und verbreitet haben, sind drei junge Frauen vor dem Amtsgericht Gelnhausen verurteilt worden.

Schlüchtern - Die besondere Note bei dem Fall: Die herzlosen Bilder und Videos entstanden am Arbeitsplatz des Trios in einer Einrichtung im Altkreis Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis). Sie zeigen betagte, teilweise hilflose Patientinnen und Patienten, die ihnen zur Pflege anvertraut waren.

Eine 21-Jährige aus Bad Soden-Salmünster wurde wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs und von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen nach Jugendstrafrecht zu 40 Sozialstunden verurteilt. Außerdem muss sie 500 Euro an die Hilfsorganisation Kinderzukunft bezahlen und drei pädagogische Beratungsgespräche wahrnehmen.

Eine Gleichaltrige, ebenfalls aus der Kurstadt, bekam eine Geldstrafe von 400 Euro (40 Tagessätze à 10 Euro) auferlegt. Schließlich wurde eine 26-jährige Frankfurterin zu einer Geldstrafe von 900 Euro (60 Tagessätze zu je 15 Euro) verurteilt.

Main-Kinzig-Kreis: Herzlose Videos im Altenheim - Pflegerinnen vor Gericht

Alle drei arbeiteten in derselben Einrichtung und meist in derselben Nachtschicht. Dabei entstanden im Zeitraum von März bis Juni vergangenen Jahres die Aufnahmen. Laut Anklageschrift zeigen sie beispielsweise eine 80-jährige Frau, die aus ihrem Bett gestürzt ist und hilflos sowie nur teilweise bekleidet auf dem Boden liegt. Ein Mann ist mit aufgeplatztem Katheter zu sehen. Ein anderes Foto zeigt einen Patienten nur in T-Shirt und Unterhose mit Hämatomen am Arm.

In einer Filmsequenz wird ein 95-jähriger Sehbehinderter aufgefordert, den Text auf der Oberbekleidung der Pflegekraft zu lesen. Ein weiteres Bild zeigt einen 77-Jährigen mit entblößtem Unterkörper.

Diese Aufnahmen wurden in eine Chatgruppe der drei Frauen eingestellt, in zwei Fällen aber auch einzelne Exemplare an unbeteiligte Personen geschickt. Teilweise waren die Nachrichten mit belustigenden Kommentaren versehen. Die drei Beschuldigten waren laut Staatsanwaltschaft in unterschiedlichem Maße als Urheber aufgetreten.

Alle räumten die Anklagepunkte vor Gericht umfassend ein, bedauerten ihr Tun und entschuldigten sich für ihr Verhalten. Zusammen mit ihren Verteidigern lieferten sie Erklärungen, warum es zu diesen Auswüchsen gekommen war. Die Drei berichteten übereinstimmend von einer immensen Arbeitsbelastung und sehr großer Verantwortung.

Weil das Personal reduziert wurde, sei der Druck immer größer geworden. Teilweise seien sie im Nachtdienst mit nur drei Mitarbeitern für bis zu 200 Patienten zuständig gewesen, dabei an ihre physischen und psychischen Grenzen gestoßen. Beschwerden bei Vorgesetzten über die Zustände hätten keinen Erfolg gehabt. (Lesen Sie hier: Corona verschärft Pflege-Problem: Immer mehr Kräfte fallen aus)

Der Austausch in der Chatgruppe sei daher ein Ventil gewesen, um den Stress abzubauen und zu bewältigen. Das solle keine Rechtfertigung für das Verhalten, sondern nur eine Erklärung sein. Alle drei betonten, dass sie mit den Patientinnen und Patienten durchaus ein sehr gutes Verhältnis gehabt und immer wieder auch für lustige Momente gesorgt hätten.

Video: Nur Hälfte des Pflegepersonals ausgebildet

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft Hanau fand es schlimm, wie hier wehr- und hilflose Menschen zu Opfern wurden. Gleichzeitig relativierten die „unmenschlichen“ Arbeitsbedingungen die Tatvorwürfe. Die Frauen hätten einen für die Allgemeinheit wichtigen Job geleistet. Nach Bekanntwerden der Vorfälle haben sie Aufhebungsverträge unterschrieben und das Haus verlassen. Eine von ihnen ist weiter in der Branche tätig.

Richterin Anna Schad befand in ihrer Urteilsbegründung, die Angeklagten hätten mit ihrem Verhalten „eine Grenze überschritten“ und „Anstand und Respekt verloren“. Alle drei nahmen die Urteile umgehend an. (ls)

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