Dr.-Richard-Küch-Straße im Gewerbegebiet Galgenbach in Bad Soden-Salmünster.
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In der Dr.-Richard-Küch-Straße im Salmünsterer Gewerbegebiet Galgenbach waren die Schüsse gefallen. (Archivfoto)

Aussagen vor Gericht

Schüsse in Bad Soden-Salmünster: Täter-Trio wollte das Opfer „eigentlich nur pranken“

Im Prozess um die Schießerei im Salmünsterer Gewerbegebiet haben sich erstmals die drei Beschuldigten zu den Anklagevorwürfen geäußert. Zumindest die Anwesenheit an den beiden Tatorten räumten sie ein. Zur konkreten Tatbeteiligung gab es unterschiedliche Aussagen.

Bad Soden-Salmünster/Hanau - Vor dem Schwurgericht am Landgericht Hanau (Main-Kinzig-Kreis) unter Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel müssen sich drei Männer wegen versuchten Totschlags und Beihilfe dazu sowie erpresserischen Menschenraubes verantworten. Angeklagt sind ein 25-Jähriger aus Linsengericht, ein 30-Jähriger aus Gelnhausen sowie der mutmaßliche Schütze, ein 28-Jähriger aus Gelnhausen, der momentan in Untersuchungshaft sitzt. Das Trio soll Anfang Juni 2020 einen jungen Mann aus Bad Soden-Salmünster zu einer Hütte im Huttengrund gefahren haben. Dort sei das Opfer an einen Pfosten gefesselt und recht unsanft behandelt worden. Dabei ging es angeblich um eine offene Geldforderung in Höhe von 5000 Euro. Der junge Mann konnte aus dem „Gefängnis“ fliehen.

Für den nächsten Tag wurde dann ein klärendes Treffen vereinbart. Als das Trio auftauchte, war der Mann mit personeller „Verstärkung“ aus Bad Neustadt angerückt. Also zogen sich die drei Männer zunächst zurück. Bei einer zweiten Begegnung kurz danach in der Dr.-Richard-Küch-Straße kam es zum „Showdown“, als die drei mit ihrem Auto an der gegnerischen Gruppe vorbeifuhren. Der mutmaßliche Haupttäter soll dabei von der Rückbank des Autos aus auf die anderen geschossen und dabei einen Beteiligten leicht an der Hand verletzt haben.

Main-Kinzig-Kreis: Angeklagte sagen im Prozess um Schüsse in Bad Soden-Salmünster aus

Die Aktion in der Schutzhütte stellt das Trio heute als „Pranken“ dar – „neudeutsch“ für einen Streich, um einen anderen zu ärgern, zu provozieren oder zu erschrecken. Der 30-Jährige hatte dazu Videos im Internet gesehen und die Idee, damit den 25-Jährigen zu demütigen. Der Grund: Das hochnäsige und arrogante Auftreten des Mannes, was die anderen nervte. Seine Schulden spielten dabei angeblich keine Rolle. Für dieses „Pranken“ kauften sie im Baumarkt zuvor Klebeband und Seil. Von dem gefesselten 25-Jährigen machten sie Fotos und ein Video, was auch verschickt wurde. Der 30-Jährige räumte ein, das Opfer eingewickelt zu haben – beziehungsweise habe sich das Opfer selbst in das Klebeband hineingedreht. Natürlich sollte der Kurstädter nur befristet festgehalten und dann wieder freigelassen werden, betonte er.

Später fuhr das Trio angeblich zum Zigarettenholen und ließ den Gepeinigten allein. Bei ihrer Rückkehr hatte der sich allerdings selbst befreit und war verschwunden. Angeblich suchten die Drei ihn anschließend im Umfeld. Das dauerte rund eine halbe Stunde, wie sich der 30-jährige Angeklagte erinnerte. Das wusste er genau, weil er nach dieser Zeit wieder großen Suchtdruck verspürte und „eine Linie Kokain ziehen musste“. Seine Vernehmung vor Gericht gestaltete sich wegen seiner Drogenprobleme zum wiederholten Mal schwierig. Immer wieder machte er Gedächtnislücken geltend. Zur Tatzeit will er Alkohol, Kokain und Joints konsumiert haben.

Angeklagter hielt Schüsse zunächst für Umfallen einer Holzpalette

„Ich habe ihn nie mit klarem Kopf erlebt“, beschrieb der 25-jährige Mit-Angeklagte seinen Eindruck von ihm. Dieser Mann aus Linsengericht gilt als Fahrer bei den Straftaten. Er räumte ein, den 28-jährigen Hauptangeklagten eines Tages Gelände des Rasthofs Distelrasen chauffiert zu haben, wo dieser sich jene scharfe Waffe besorgt habe, mit der später im Salmünsterer Gewerbegebiet geschossen wurde.

Dass er diese Waffe am Tattag mit sich führte, will der Linsengerichter aber nicht gewusst haben. Den Knall der Schüsse deutete er zunächst als Umfallen einer Holzpalette. Ob er in Drogengeschäfte verwickelt sei, dazu wollte er sich nicht äußern.

Schüsse in Bad Soden-Salmünster: 30-jähriger Angeklagter ist bereits vorbestraft

Der Schütze ließ vor Gericht erklären, er habe aus Angst die scharfe Pistole häufig mit sich geführt. Schließlich sei er in früheren Jahren selbst Opfer von Einbrüchen und einem schweren Raub geworden. Deswegen habe er sich schützen wollen. Der Gelnhausener ist allerdings der Justiz auch als Täter kein Unbekannter. So ist er wegen Unterschlagung, Sachbeschädigung, Erschleichens von Leistungen, Besitz und Handels mit Drogen, versuchtem Einbruch und Körperverletzung vorbestraft; zuletzt zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten, die auf Bewährung ausgesetzt wurde. Auch der illegale Besitz einer anderen scharfen Waffe ist aktenkundig – laut Gericht aber vor dem Raubüberfall auf ihn, der ihm angeblich Angst einjagte.

Der 30-Jährige ist wegen Beleidigung und Drogenbesitzes vorbestraft. Der 25-Jährige hat bislang eine „weiße Weste“. Mittlerweile dauert der Prozess 15 Verhandlungstage an. Weitere fünf sind derzeit geplant. Beim Prozess-Auftakt kam es zu einer Unterbrechung: Durch einen Antrag der Verteidigung kam es aber nicht mal zum Verlesen der Anklageschrift. Als der Hauptzeuge an einem Prozess-Tag aussagte, gab es Zweifel an den Aussagen. (ls)

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