Arbeit haben Handwerker in der Region genug. Aber das Material fehlt.
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Arbeit haben Handwerker in der Region genug. Aber das Material fehlt.

Volle Auftragsbücher

Baugewerbe trotz Boom eine Baustelle: „Nachwuchssorgen“ und Rohstoffmangel lassen Unternehmer verzweifeln

  • Tim Bachmann
    vonTim Bachmann
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Die Auftragsbücher sind voll – so lautet die gute Nachricht für die meisten Bauunternehmer in der Region. Allerdings stellt sie der vorherrschende Bau-Boom während der Pandemie auch vor Herausforderungen, mit denen viele nicht gerechnet haben. Beispiel: die Rohstoffknappheit.

Region - Der Geist ist willig, doch das Holz ist rar. Frei nach dem Markus-Evangelium (14,37-38) könnte man die Situation von Zimmermeister Ralf Hasenstein aus Steinau im Main-Kinzig-Kreis beschreiben. „Die Auftragsbücher sind voll, aber uns fehlen die Baustoffe. Wir warten jetzt teilweise drei Monate auf unsere Bestellungen. Und wenn wir etwas benötigen, erfahren wir nur Tagespreise. Wir bestellen quasi blind. So kann ich doch keinem ein Angebot machen“, ärgert sich der Zimmermeister. Es fehlt jedoch nicht nur Holz. „Unser Ziegelvertreter hat mir erzählt, er hat keine Paletten mehr, keine Folie.“ Dachdecker ohne Holz und Ziegel? Das geht nicht. Die Konsequenz: „Wir werden wohl in Kurzarbeit gehen müssen. Das gab es noch nie. Und dabei sind wir bislang super durch die Corona-Pandemie gekommen“, sagt Hasenstein. Und: „Wer jetzt ein Haus baut, der tut mir echt leid.“ Auch in der Region Fulda schießt der Holzpreis durch die Decke.

Nur einige Kilometer weiter in Salmünster ist die Situation ähnlich: „Wir merken, dass die Preise mächtig angezogen haben. Einige Baustoffe können wir gar nicht mehr bestellen“, erklärt Bauingenieur Burkhard Bös von Holzbau Bös. Aus diesem Grund habe die Firma bereits Aufträge ablehnen müssen, „weil wir einige Materialien gar nicht bekommen“. Von Kurzarbeit möchte Bös aber noch nicht sprechen. „Das ist bei uns zum Glück noch kein Thema“, sagt der Salmünsterer.

Main-Kinzig-Kreis: Baugewerbe trotz Boom eine Baustelle - „Nachwuchssorgen“ und Rohstoffmangel

Da das Elmer Unternehmen Kolb & Müller seit der Gründung im Jahr 1994 auf ökologische Baumaterialien setzt, kann Firmengründer Kurt Müller ebenfalls ein Liedchen vom fehlenden Holz singen. Hinzu komme, dass sehr viele Bauherren ihre Projekte jetzt auch aufgrund der guten Fördermöglichkeiten in die Tat umsetzen wollen – mit einem absoluten Peak in der Corona-Zeit. „Die Auftragsbücher sind voll. Ich musste leider sogar einige Aufträge ablehnen. Und Handwerker lehnen sehr ungern Aufträge ab. Aber momentan kommen einfach alle, und dann herrscht landunter.“

Seine Probleme: „Für Lärchenschalung bekomme ich vom Großhändler schon gar kein Angebot mehr. Konstruktionsvollholz ist vom Preis her auf das Doppelte bis Dreifache angestiegen.“ Und, noch gravierender: Zum Teil fehlen schlichtweg die Handwerker, um die raren Materialien zu verarbeiten: „Ich würde gern noch weitere fähige Handwerker anstellen, aber die wachsen ja leider nicht auf Bäumen“, scherzt Müller. Ernst schiebt er hinterher: „Viele wandern in die Industrie ab. Bei uns heißt das Arbeiten, dass man auch draußen sein muss. Im Sommer und im Winter. Das mag nicht jeder.“

Kurt Müller: Eine Infektion, eine Quarantäne schwebt immer drüber. Und was dann?

Doch woher rührt der Bau-Boom? Müller: „Es gibt momentan super Fördermöglichkeiten. Zum Beispiel im Heizungssektor. Jeder will jetzt den Kesseltausch, um die Förderung mitzunehmen.“ Und die Arbeiter? „Die haben Gas gegeben. Wir haben das ganze Jahr durchgearbeitet. Ohne Pause, ohne Urlaub“, sagt Müller, der sich über das Engagement seiner Mitarbeiter natürlich freut. Allerdings macht er sich auch Sorgen: „Eine Infektion, eine Quarantäne schwebt immer drüber. Und was dann?“ Müller weiter: „Ich würde mir wünschen, dass die Kunden das Dilemma sehen und sich etwas in Geduld üben. Und wenn ein Handwerker einen neuen Job sucht: immer her!“

Über steigende Preise für Dachlatten und Materialien wie zum Beispiel Farben, die nicht mehr im gleichen Umfang lieferbar sind, berichtet Rainer Eifert, Firmenchef von Eifert & Sohn aus Vollmerz. Der stellvertretende Obermeister der Maler- und Lackiererinnung sieht dies auch in der extrem hohen Nachfrage begründet. Seine Firma sei bislang gut durch die Pandemie gekommen, die Auftragsbücher seien voll „und wir haben viele kleinere Baustellen, was uns natürlich zugute kommt, wenn irgendwo Verzögerungen auftreten“. Zum Thema Handwerkermangel und Nachwuchssorgen sagt er: „Die guten Handwerker sind alle irgendwo untergekommen. Wir wollen uns unsere guten Leute ja auch nicht gegenseitig abwerben.“

Klaus Zeller: Wir laufen auf einen Eisberg zu, wissen aber nicht, wie weit der runtergeht

Da die Vollmerzer Firma ein Ausbildungsbetrieb ist, hoffe er noch auf einen neuen „Stift“. Aber ob sich der geeignete Kandidat in der derzeitigen Situation, in der Ausbildungsbörsen und Messen nur digital stattfinden, auch wirklich bewirbt, darf zumindest bezweifelt werden.

Sorgenvoll beobachtet auch der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gelnhausen-Schlüchtern, Klaus Zeller (Sinntal), die derzeitige Situation: „Wir laufen auf einen Eisberg zu, wissen aber nicht, wie weit der runtergeht. Hätte mir vor Jahren mal jemand gesagt, die Arbeit kann nicht gemacht werden, weil Dachlatten oder OSB-Platten fehlen, ich hätte gelacht.“ Doch zum Lachen ist ihm nicht: „Das ist eine mittlere Katastrophe.“ Es sei nicht nur das fehlende Holz. Als Beispiele führt er an: „Knauf fehlt das Papier für Rigips-Platten, Braas die Pigmente für Ziegel. Anscheinend steht die Welt still, wenn der Suez-Kanal mal 14 Tage dicht ist.“ Nun müsse die Politik handeln. Entweder sollten die Exporte nach Amerika und China zurückgefahren werden, was Zeller für illusorisch hält. Oder aber es muss tatsächlich mehr Holz eingeschlagen werden. Zum Thema Fachkräftemangel sagt Zeller: „Es gehen mehr Arbeiter in Rente als Jugendliche aus der Schule nachkommen. Das ist einfach so. Da können wir werben wie wir wollen. Ich befürchte, es wird bald wie beim Fußball einen Transfermarkt für Handwerker geben.“

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